Kaiserwechsel und Konzernkrise Japans fragile Offenheit

Kaiser Akihito dankt ab, der umstrittene Automanager Carlos Ghosn stürzt über Untreuevorwürfe: Beide Männer haben Japan modernisiert. Droht jetzt die nationale Kehrtwende?

Carlos Ghosn: Aus der Untersuchungshaft entlassen
Behrouz Mehri/ AFP

Carlos Ghosn: Aus der Untersuchungshaft entlassen

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Zum Auftakt der neuen Kaiser-Ära Reiwa am 1. Mai wird der ehemalige Renault-Nissan-Mitsubishi-Chef Carlos Ghosn wohl nicht im Gefängnis sitzen. Am Donnerstag durfte er auf Richterbeschluss seine sechs Quadratmeter kleine Zelle in Kosuge nördlich von Tokio verlassen - gegen Kaution und unter strengen Auflagen kam er aus der Untersuchungshaft frei.

Drei Jahrzehnte, von 1989 bis 2019, währte die Ära Heisei unter Kaiser Akihito in Japan. Nie zuvor hatte das Land einen liberaleren, so von Grund auf demokratisch gesinnten Kaiser.

Knapp zwei Jahrzehnte währte die Ära Ghosn, der in dieser Zeit aus Renault, Nissan und Mitsubishi eine der erfolgreichsten Autoschmieden der Welt formte, auf Augenhöhe mit den Marktführern Toyota und Volkswagen. Nie zuvor hatte ein japanischer Großkonzern einen weltlicheren, so von der westlichen Managementkultur geprägten Vorstandsvorsitzenden wie Ghosn.

Akihito dankt freiwillig ab und geht als Gefeierter - eine historische Figur, vom Volk verehrt. Ghosn wird verhaftet und in Ungnade entlassen - ein ehemaliger Konzernchef, dessen Karriere in Schmach endet. Nichts verbindet Tenno und Topmanager - doch beider Abgang fällt in eine Zeit, in der sich Japan auf sich selbst zurückzieht.

Der Rückzug des Kaisers und der Rauswurf des Konzernchefs lassen sich deuten als Symptome der Renationalisierung Japans.

Kaiser Akihito: Ende einer Ära
Issei Kato/ REUTERS

Kaiser Akihito: Ende einer Ära

Die Heisei-Ära unter Akihito stand - nach dem Tod von Kriegskaiser Hirohito - unter dem Zeichen einer außenpolitischen Normalisierung. Japans Selbstverteidigungsstreitkräfte nahmen 1992 erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs an einem Auslandseinsatz teil, damals in Kambodscha. Bis heute kommt die japanische Armee auf mehr als zehn Auslandseinsätze, darunter ein Engagement im Irak-Krieg.

Und doch ist die Normalisierung ein Wunschtraum geblieben. Noch im Jahr 2013 besuchte der bis heute amtierende Premierminister Shinzo Abe den berüchtigten Yasukuni-Schrein, der auch Japans Kriegsverbrecher ehrt, und den bezeichnenderweise kein japanischer Kaiser seit dem Krieg besuchte.

Genau dazu aber könnte der Zeitgeist Akihitos Nachfolger Naruhito bald zwingen. Denn an manchen Stellen ist die Renationalisierung in vollem Gange - zum Beispiel in der Erziehungspolitik, die in den Schulen die japanischen Kriegsverbrechen mehr als noch in den Neunzigerjahren verschweigt.

Nach außen liberale Werte, nach inneren verschlossen

Genau diese Renationalisierung verfolgt auch der Nissan-Konzern. In der undurchsichtigen Causa Ghosn gibt es durchaus Stimmen, die davon ausgehen, dass Nissan vor allem deshalb im vergangenen November mit seinen Vorwürfen gegen den eigenen Chef zur Staatsanwaltschaft ging, weil der Konzern eine Übernahme durch Renault abwehren wollte.

Die Ermittler werfen dem Topmanager unter anderem vor, private Investitionsverluste auf Nissan übertragen zu haben. Zudem soll er Konzerngelder abgezweigt und in das Start-up seines Sohnes investiert haben. Ghosn selbst beteuert seine Unschuld. In einer Anfang April veröffentlichten Videobotschaft sprach er von einer "Verschwörung".

Ghosn soll auch Namen angeblicher Verschwörer genannt haben, doch diesen Teil habe man aus dem Video entfernt, sagte sein Anwalt. In dieser Gemengelage scheint es jedenfalls wenig überraschend, dass Ghosns Nachfolger an der Spitze der Auto-Allianz, der frühere Michelin-Chef und erfahrene Diplomat Jean-Dominique Senard, kürzlich mit einem weiteren Fusionsvorschlag am Widerspruch von Nissan scheiterte. Stattdessen will der japanische Konzern nun den ehemaligen Chef des Unternehmerverbands Keidanren, Sadayuki Sakakibara, zu einer Art Ersatz-Vorstandsvorsitzenden für Ghosn machen.

Sakakibara ist ein typischer Vertreter der nationalen Wirtschaftselite Japans. Er legt Wert auf die Vorbildlichkeit japanischer Managementkultur. Unter seiner Führung hatte sich der Keidanren-Verband nicht zuletzt für eine stärker nationale, gegen China gerichtete Verteidigungspolitik engagiert. Ghosn aber hatte sich gegen jede Art nationaler Präferenzen in seiner Allianz gestemmt, auch gegen die französischen. Schon berichtet die Pariser Tageszeitung "Figaro" an diesem Wochenende von "einer Atmosphäre äußerster Feindschaft zwischen Renault und Nissan".

So aber legt auch der Abgang Ghosns die Fragilität einer schon sicher geglaubten Integration Japans in ein westliches Werte- und Wirtschaftssystem offen.

"Je mehr das Land den Anschein erweckte, auf internationaler Bühne liberale Werte zu vertreten, desto mehr hat es sich im Inneren verschlossen", charakterisiert der japanische Politologe Toru Yoshida von der Universität Hokkaido die Heisei-Ära unter Kaiser Akihito. Als Beleg führt der Forscher unter anderem an: die benachteiligte Stellung der Frau, die starke Diskriminierung ausländischer Arbeitnehmer, die Nicht-Legalisierung der Homo-Ehe, die Beibehaltung der Todesstrafe.

Einen ähnlichen Schluss lässt der Fall Ghosn zu: Statt wie bisher den Beweis für die Offenheit des japanischen Firmenmanagements zu liefern, liefert er heute nur noch den Beweis für die hermetische Geschlossenheit des japanischen Justizsystems, in dem weit über 90 Prozent aller Angeklagten verurteilt werden. Daran ändert auch seine jüngste Haftentlassung nichts.

Japans Start in die neue Ära Reiwa unter Kaiser Naruhito steht also nicht nur unter guten Zeichen. Akihito war gerade unter linksliberalen Japanern so populär wie kein Mitglied der Kaiserfamilie vor ihm. Und Ghosn war in ganz Japan so populär wie kein ausländischer Manager vor ihm. Haben ihre Verdienste, ihr Erfolg den Blick auf ein anderes, immer noch verschlossenes Japan verdeckt?

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
sarang he 28.04.2019
1.
In Japan kommt es nur deshalb zu einer 90 % igen Verurteilungsquote, weil japanische Staatsanwälte erst Anklage erheben, wenn sie sich zu 100% sicher sind, dass die Anklagepunkte zutreffen. Ansonsten droht ein zu allen Fällen zu vermeidender Gesichtsverlust und somit Ehrverlust für den Staatsanwalt.
sok1950 28.04.2019
2. Auslandskriegseinsätze sind also "außenpolitische Normalisierung"
Irgendetwas stimmt da in der Redaktion bei SPON nicht, nicht bei den Japanern. Dem internationalen Kapital, dem Neo Liberalismus national die Stirn zu bieten ist natürlich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ebenso das 90% der Angeklagten verurteilt werden - vielleicht arbeitet aber auch nur die japanische Staatsanwaltschaft besser und Unschuldige werden einfach nicht angeklagt (erinnert sei an Türck, Kachelmann usw.). Der Schlag in Bezug "Frauenrechte" (was sind Frauenrechte eigentlich anderes als eine Diskriminierung aller Anderen, die keine Frau sind) durfte auch nicht fehlen. Früher war es mal journalistische Grundlage, immer auch andere Meinungen/Auffassungen im Artikel zu Wort kommen zu lassen - aber das war zu Zeiten als die Länge/der Umfang eines Artikel durch den Platz in der Zeitung begrenzt war.
DietrichHorstmann 28.04.2019
3. Kriegsbeteiligung Normalität ?
Soweit ist Spiegel-Journalimus schon. Krieg ist und bleibt grundsätzlich geächtet. Ist also keine Normalität. Nur in Ausnahmefällen, wenn ein Angegriffener darum bittet. Das Aufweichen von Normen auch in Deutschland mit der Gauckschen Parole : Mehr Verantwortung übernehmen , ist darüber hinaus grundgesetzwidrig. Das stellt schon den Aufruf zur Vorbereiting zu anderen als Verteidigungskriegen unter Gefängnisstrafe. Hab damit wohl keine Aussicht auf Veröffentlichung, aber der Verfasser des Artikels wirds hoffentlich lesen und darüber , was normal ist differenzierter schreiben. Japans Pazifismus ist nicht unnormal , sondern vorbildlich für die Vermeidung von Kriegen.
robin-masters 28.04.2019
4. Hmm
Goshn hatte die Möglichkeit ein gutes Beispiel für einen ausländischen Manager zu sein... hat er scheinbar verbockt. In Deutschland hat man da ja auch nicht unbedingt positive Erfahrungen gemacht. (Deutsche Bank) Nationalesbewusstsein ist halt nicht immer nur schlecht... auch wenn SPON das so sieht.
brandtner 28.04.2019
5. Steile These
Stellt der Autor die Rechtsstaatlichkeit des japanischen Justizapparats in Zweifel? Warum soll der freiwillige Rücktritt Akihitos etwas mit der Festnahme eines steinreichen Managers zu tun haben? Das Ghosn alles abstreitet ist ja wirklich völlig überraschend - sonst sind Manager ja immer einsichtig und voller Reue... xD Wurde Akihito von denselben Verschwörern (gegen Ghosn) zum Rücktritt gezwungen? Klingt alles etwas weit (weit) hergeholt. Der Yasukuni-Schrein war schon immer m. E. n. Ausdruck einer weiter bestehenden Nichtreflektion Japans gegenüber der eigenen Verbrechen und Konzentration auf die eigenen Schande, die jedoch nur in der konkreten Niederlage liegt. Ein rein repräsentativer Kaiser geht, ein neuer kommt. Der neue wird genausowenig etwas konkret zu sagen haben wie der alte. Ghosn wird ein Verfahren bekommen. Japan bleibt Japan.
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