Casino-Bann Russland spielt sein letztes Spiel

Licht aus: Russland verbannt seine Glücksspielindustrie. Casinos und Spielhallen dürfen künftig nur noch in vier entlegenen Sonderzonen betrieben werden. Doch die Zockerkonzerne verweigern sich, wandern in Nachbarländer ab - zurück bleiben leere Clubs und Hunderttausende Arbeitslose.

Von Ann-Dorit Boy, Moskau


Die blinkende Leuchtreklame bleibt ausgeschaltet, weil die Sonne noch grell und heiß auf die Hauswand fällt. Ansonsten aber sieht es im Casino "Jazztown" im Zentrum von Moskau schon am Nachmittag aus, wie sonst nur abends und am Wochenende: Vor der Tür parken Mittelklasselimousinen den Gehweg zu, drinnen schieben Männer in kurzärmligen Hemden und Frauen in bunten Kleidern an 30 Spieltischen Jetons hin und her oder drücken Knöpfe an vielen der 160 Spielautomaten "Jetzt kommen alle noch einmal, weil sie wissen, dass es das Casino bald nicht mehr gibt", sagt Lawrentij Gubin von Storm International, dem Betreiber des "Jazztown" und zwei Dutzend weiterer Glücksspieltempel in Moskau.

Denn am 1. Juli ist alles vorbei: Dann sollen sämtliche Casinos und Spielhallen in Russland schließen. Sie werden in vier eigens ausgezeichnete Casino-Ghettos verbannt, fernab der Hauptstadt: in die Region Krasnodar am Schwarzen Meer, ins Altai an der Grenze zu Kasachstan, Wladiwostok am Pazifik und in die Exklave Kaliningrad an der Ostsee.

Dort sollen künftig die 29 Casinos und rund 500 Spielhallen betrieben werden. Offiziell gibt es so viele derzeit alleine in Moskau. Inoffiziell aber sind es deutlich mehr, weshalb auch der Jahresumsatz der russischen Glücksspielbranche nur annäherungsweise geschätzt werden kann, rund vier Milliarden Dollar sollen es sein.

Mehr Spielautomaten pro Einwohner als Ärzte

Das Gesetz gegen das Glücksspiel hatte der damalige Präsident Wladimir Putin bereits 2006 auf den Weg gebracht - angeblich zum Wohle der Volksgesundheit. Mehr als zwei Millionen Russen sollen spielsüchtig sein. "Glücksspiel ist wie die Alkoholisierung der Bevölkerung", sagte Putin damals zur Begründung der rigiden Kampagne.

In Wirklichkeit aber geht es wohl um mehr: Man will Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Betrug zumindest ein wenig eindämmen. Denn in den neunziger Jahren war vor allem in der russischen Hauptstadt ein unüberschaubarer Glücksspielsumpf entstanden. Die Lizenz für einen Spielhalle kostete nur 50 Dollar, eine Reglementierung gab es nicht - und der Laden rentierte sich meist schon nach einem Jahr. Auf dem Höhepunkt der Glücksspielwelle gab es in Moskau mindestens 70 Casinos und 2500 Spielhallen - und damit mehr Spielautomaten pro Einwohner als Ärzte. Vor zwei Jahren mussten in einem ersten Schritt deshalb bereits alle kleineren Spielhöllen mit weniger als 50 Automaten oder zehn Spieltischen schließen.

Viele spekulieren über die wahren Gründe für den Feldzug gegen das Glücksspiel - und das sind politische Motive. Denn ein großer Teil der Moskauer Casinos wird von Georgiern betrieben. Ausländische Medien vermuteten deshalb nach der Spionageaffäre, bei der vier russische Geheimdienstoffiziere in Georgien verhaftet worden waren, eine Revanche gegen das Nachbarland.

Dem Plan, in der Provinz nagelneue Casinostädte hochzuziehen, verweigern sich die Branchenriesen bisher denn auch. "Die Regierung denkt, dass wir da ein neues Las Vegas aufbauen, aber diese Orte sind wirklich für niemanden interessant", sagt Storm-International-Sprecher Gubin. Wer wolle denn nach Wladiwostok oder auch in die Krasnodar-Region, wenn er stattdessen nach Monte Carlo fliegen könne? Auch die zweite Branchengröße, die international tätige Ritzio Entertainment Group, will nicht in die Sonderzonen ziehen. "Wir glauben nicht, dass die Zukunft in diesen Zonen liegt", sagt Sprecherin Larisa Schischkina. Sie seien ja teilweise nur mit dem Helikopter zu erreichen.

"Ich verstehe das Verbot nicht"

Die beiden Großunternehmen planen nun, neue Casinos in Nachbarländern wie Kirgisien oder Weißrussland zu eröffnen. Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko, dessen Staat recht klamm ist, hat bereits angekündigt, die russische Glücksspielbranche mit offenen Armen empfangen zu wollen. Eigentlich hatten die russischen Unternehmer gehofft, ins nahe Kiew umziehen zu können, aber auch in der Ukraine ist das Glücksspiel gerade verboten worden. Präsident Wiktor Juschtschenko hatte vergeblich versucht, das Gesetz mit einem Veto zu stoppen. In Zeiten der Wirtschaftskrise könne er ein so populistisches Gesetz nicht tragen, hatte Juschtschenko gesagt.

Für die kleinen Glücksspielunternehmen in Russland und der Ukraine, die sich eine Verlagerung ins Ausland nicht leisten können, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Sie müssen in den Untergrund gehen oder mit privaten Sport-Poker-Clubs das Gesetz umgehen. Beide Varianten sind für die gutbürgerliche Kundschaft des Moskauer "Jazztown" keine Option. Igor Schewtschenko, 45, Manager einer Druckfirma, schätzt die Casinos der Hauptstadt als "zivilisierten Ort für das Geschäft". Hier trifft er Kunden, hört Konzerte, isst im Restaurant und spielt Black Jack, weil das ein intelligentes Spiel sei, eine Wissenschaft. "Ich verstehe dieses Verbot nicht", sagt Schewtschenko. "Es ist doch meine Privatsache, ob ich ins Casino gehe." In die Sonderzonen will der Mann im beigefarbenen Sommerhemd nicht fliegen, das wäre zu teuer. Dass sich die Regierung das Verbot noch einmal anders überlegt, glaubt er nicht.

Denn die stört sich auch nicht daran, dass zum Monatsende mit dem Casino-Aus allein in Moskau knapp 40.000 Mitarbeiter der Branche ihre Jobs verlieren werden. Landesweit spricht man gar von Hunderttausenden Arbeitslosen.

Im Gegenteil: Der russische Präsident Dimitrij Medwedew gibt sich hart, noch im Mai hat er betont, dass es einen Schritt zurück nicht geben werde. Und auch die föderale Steuerpolizei hat bereits angekündigt diejenigen, die nicht freiwillig zum 1. Juli aufhören, mit harter Hand zu vertreiben.

In die leeren Spielhöllen sollen nach Wunsch des Moskauer Bürgermeisters öffentliche Bibliotheken und andere Kultureinrichtungen einziehen. Storm International hofft, zumindest seine fünf größeren Casinos als Clubs und Restaurants zu erhalten. Das "Jazztown" soll ein Jazzclub bleiben.



insgesamt 2 Beiträge
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Legion_IX 19.06.2009
1. Verwechselung um mehrere Tausend km
Schlecht recherchierter Artikel. Eine der Zonen befindet sich in Altaj-Region und nicht in Jekaterinburg (Ural).
Eckhard 19.06.2009
2. Sehr interessanter, gutgemachter Artikel.
Natürlich muss der Autor auch dem Putin-kritischen medialen Zeitgeist Rechnung tragen und immer Böses hinter dem Tun vermuten. Aber anders ist man es ja nicht gewohnt. Dass Putin in einmaliger Weise die Russen gerettet hat, ohne sich astronomisch zu bereichern, wollen die Medien in Deutschland nicht sehen. Dafür aber wählen die Russen Putin oder die die sein Vertrauen genießen, immer wieder. Eigentlich kann Rußland sich diese Aktion gerade gar nicht leisten, aber es tut es trotzdem und das zeigt das hohe Verantwortungsgefühl, dass Putin und sein Lager gegenüber seinem Land haben. Die vom Westen unterstützte Clique um Jelzin hatte das Land ausgeplündert. Die hätten in hundert Jahren nie so ein Gesetz erlassen.
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