Kein Abrücken vom Umweltschutz Özdemir lehnt Getreideanbau auf Ökoflächen ab

Wegen des Kriegs werden Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine ausbleiben, weltweit drohen Hungerkrisen. Die deutschen Agrarminister konnten sich aber nicht einigen, wie hier mit Brachflächen umgegangen werden soll.
Landwirtschaftsminister Özdemir (Grüne): »Es ist nicht das Mehl, das bei Brot vor allem den Preis ausmacht«

Landwirtschaftsminister Özdemir (Grüne): »Es ist nicht das Mehl, das bei Brot vor allem den Preis ausmacht«

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BERND VON JUTRCZENKA / AFP

Bundesagrarminister Cem Özdemir hat sich gegen ein Abrücken von mehr Klima- und Umweltschutz in der Landwirtschaft wegen der Folgen des Ukrainekriegs ausgesprochen. Man müsse allen Krisen gerecht werden, sagte der Grünenpolitiker nach einer Konferenz mit seinen Länderkollegen am Freitag. Die Klimakrise und das Artensterben gingen weiter und bedrohten die Grundlage der Landwirtschaft und damit am Ende auch die Ernährungssicherheit. Wie Özdemir mitteilte, will Deutschland bis zu 200 Millionen Euro zusätzlich für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen bereitstellen.

Der Minister bekräftigte, dass in diesem Jahr ausnahmsweise Gras und Pflanzen von bestimmten »ökologischen Vorrangflächen« als Futter genutzt werden dürfen. Er wandte sich aber gegen weitergehende Forderungen, auf Brachflächen wieder alles machen zu können. Das zusätzliche Ertragspotenzial läge Berechnungen zufolge dort nur bei 0,6 Millionen Tonnen bei einer Getreideernte von 45 Millionen Tonnen.

Mit Blick auf steigende Lebensmittelpreise und höhere Energiekosten für die Bauern verwies Özdemir auf die beiden von der Ampelkoalition auf den Weg gebrachten Entlastungspakete. Er betonte, es gebe keinen Anlass für Hamsterkäufe. Mit dem Einkauf haushaltsüblicher Mengen könne man einen Beitrag dazu leisten, dass Preissteigerungen nicht darüber zustande kämen. Der Minister erläuterte, Preistreiber seien vor allem Energiekosten. »Es ist nicht das Mehl, das bei Brot vor allem den Preis ausmacht.« Generell gelte indes: Keine Maßnahme der Bundesregierung könne den Krieg und seine Folgen ungeschehen machen.

Die Landwirtschaftsminister von Bund und Ländern hatten sich bei dem Treffen in Magdeburg nicht einigen können, in welchem Umfang Deutschland stillgelegte Flächen wegen des Ukrainekriegs wieder zur Nutzung freigeben sollte. Neben Özdemir hatten sich weitere Landesminister der Grünen dagegen ausgesprochen, die sogenannten ökologischen Vorrangflächen komplett wieder freizugeben. Länder, deren Landwirtschaftsministerien von SPD oder CDU geführt werden, sind dafür.

Bayerns Ministerin Michaela Kaniber (CSU) sagte, ihr Bundesland habe eine Freigabe dieser Flächen zum Anbau in diesem Jahr im Bundesrat beantragt. Dieser Antrag habe am Freitag im Agrarausschuss auch eine Mehrheit der Länder erhalten. »Dass sowohl die Europäische Union wie auch diese Mehrheit im Bundesratsausschuss die Notwendigkeit der Lebensmittelproduktion auf diesen Flächen sieht, sollte die Bundesregierung noch mal zum Nachdenken veranlassen«, forderte die Ministerin.

»Der Schaden für die Umwelt wäre enorm«

Der Landwirtschaftsminister von Sachsen, Wolfram Günther (Grüne), sagte, es dürfe »keine Rolle rückwärts geben«. Die Politik bekämpfe Hunger nicht, »indem wir ökologische Ruhezonen und Puffer für Artenvielfalt für den Anbau freigeben«. Es gebe kein Mengenproblem, Hunger entstehe vielmehr durch fehlende Kaufkraft und dysfunktionale Märkte. Die zusätzlichen Produktionskapazitäten, wenn Stilllegungsflächen bebaut würden, lägen zudem im Zehntel-Prozent-Bereich. »Der Schaden für Umwelt und Artenvielfalt wäre hingegen enorm.«

Bauernpräsident Rukwied (Archivbild): 1,5 Millionen Tonnen zusätzlicher Weizen wären ihm zufolge möglich

Bauernpräsident Rukwied (Archivbild): 1,5 Millionen Tonnen zusätzlicher Weizen wären ihm zufolge möglich

Foto: Daniel Maurer/ dpa

Bauernpräsident Joachim Rukwied hatte sich zu Beginn der Agrarministerkonferenz am Mittwoch dafür ausgesprochen, einen Teil der ökologischen Vorrangflächen für die Erzeugung von Lebensmitteln zu nutzen. Der Anteil dieser Vorrangflächen liege derzeit bei vier bis fünf Prozent, sagte Rukwied. Zwei Prozent beziehungsweise 250.000 Hektar könnten wieder landschaftlich genutzt werden, um darauf rund 1,5 Millionen Tonnen Weizen zu erzeugen.

sol/dpa/AFP