Check-up Mediziner reden Manager krank

Gesund zum Arzt gegangen und mit einem schweren Herzleiden wieder nach Hause gekommen. Solche Fehldiagnosen werden vor allem bei zahlungskräftigen Klienten nach medizinischen Check-up-Untersuchungen gestellt.


Arztfehler: Manager werden krank geredet
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Arztfehler: Manager werden krank geredet

Hamburg - Für die verdeckte Recherche gab sich der Autor des "manager magazins", Michael Kröher, als Führungskraft der Wirtschaft aus. Ohne konkrete Beschwerden ließ sich der promovierte Humanmediziner mehrere Wochen lang von den zehn größten Anbietern in Deutschland untersuchen.

Das Ergebnis ist bizarr und zum Teil erschreckend. Mehrere Mediziner erklärten, nach den aufwändigen Diagnoseprogrammen bei dem 44-jährigen Probanden schwere Krankheiten festgestellt zu haben. So dichteten sie ihm folgende Leiden an: beginnende Verkalkungen der Halsschlagadern und der Herzkranzgefäße, eine Fettleber, eine vergrößerte Schilddrüse, beginnende Arthrose in beiden Kniegelenken, grobmotorische Koordinationsstörungen und ein Blutdruck "im roten Bereich".

Dabei wurde nahezu jede Diagnose immer nur von einer Klinik gestellt. Die meisten fanden mindestens eine neue krankhafte Veränderung, die sie gerne weiter beobachten und gegebenenfalls behandeln wollten. Kaum ein Mediziner bestätigte die zuvor oder danach gestellten Befunde, auch nicht auf gezielte Nachfragen. Nur nach einem Check-up-Programm sollte der Tester "völlig gesund" sein.

Check-ups sind eine Spezialität für Manager und Führungskräfte, um früh Gesundheitsgefährdungen zu erkennen. Dabei lebt die Heilkunst nur vordergründig von präzisen Messungen und harten Daten. Dennoch tun immer mehr Kliniken und Praxen so, als ob sie mit naturwissenschaftlicher Gewissheit Fakten liefern würden.

"Schindluder mit Hightech-Medizin" ist nach Ansicht des Hannoveraner Medizinprofessors Friedrich Wilhelm Schwartz die Ursache für die Fehlleistung der Ärzte. Der Test des "manager magazins" zeige, dass die medizinische Diagnostik in Deutschland unter einer beklagenswert uneinheitlichen Qualität leide, sagte Hans Dörning, Geschäftsführer des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover. Er hatte das Wirtschaftsblatt bei dem Projekt beraten.

Dem "manager magazin" zufolge sind die meisten Tests nicht sinnvoll. Zu groß seien die Unterschiede der einzelnen Check-ups: So enthalten manche Augen- und Hörtests, andere ein komplettes Krebs-Früherkennungsprogramm. Problematisch wird es bei bedenklichen Untersuchungen, etwa beim Röntgen der Brustkorb-Organe. In der Regel erstatten weder die gesetzlichen noch die privaten Krankenversicherungen die Kosten von mehr als 2000 Mark pro Check-up. Die meisten Arbeitgeber von Managern zahlen sie jedoch, viele haben Sonderkonditionen mit den Anbietern ausgehandelt. Übrigens: Michael Kröher ist völlig gesund.



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