Chefwechsel bei Karstadt Middelhoff inszeniert sich als Tempo-Macher

Trotz wochenlanger Suche hat KarstadtQuelle keinen externen Kandidaten für die Chef-Nachfolge gefunden. Nun will Thomas Middelhoff, bisher Chefaufseher, den Vorstandsvorsitz beim kriselnden Warenhauskonzern selbst übernehmen. Er dementierte alle Spekulationen, Karstadt solle zerschlagen und verkauft werden.


Comeback-Kid Middelhoff: Wieder ganz oben als Chef - aber in einer fremden, neuen Branche
AP

Comeback-Kid Middelhoff: Wieder ganz oben als Chef - aber in einer fremden, neuen Branche

Essen - Thomas Middelhoff lächelte wie ein Schauspieler vor der Filmpremiere, als er gegen 14 Uhr zur Pressekonferenz in Essen erschien. Er war gekommen, um ein Comeback zu feiern - sein eigenes. Mehrere Minuten lang schwieg er einfach und genoss das Gedrängel der Fotografen um ihn herum. Daraufhin ließ er seinen Pressechef Jörg Howe Formales zur Tagesordnung vortragen.

Erst dann sprach Middelhoff selbst. Er sprach von einem "100-Tage-Programm", vom "Turnaround" und, schön anglophil, von "Covenants", die es bei KarstadtQuelle einzuhalten gelte. Da klang er fast wieder wie damals als Bertelsmann-Chef, als er den Medienkonzern lieber von Manhattan als vom ostwestfälischen Stammsitz Gütersloh aus gelenkt hatte.

"Ich komme nicht als Finanzinvestor"

Seit März hatte Middelhoff nach einem Nachfolger für den geschassten und glücklosen Kurzzeit-Chef Christoph Achenbach gesucht und keinen gefunden. Man sei mit vier externen Kandidaten im Gespräch gewesen, sagte er - aber bis zu einer Einigung und Einarbeitung wäre zu viel Zeit vergangen, die Karstadt nicht habe. Es gelte nun, die im Herbst 2004 begonnene Sanierung bei Karstadt zu beschleunigen.

Karstadt-Chefsessel: "Es geht um Sanierung und es geht um Kontinuität"
DPA

Karstadt-Chefsessel: "Es geht um Sanierung und es geht um Kontinuität"

Seit März hatte Finanzchef Harald Pinger die Arbeit des Vorstandes koordiniert. Middelhoff hingegen will kein bloßer Interims-Boss sein. Es gebe keine zeitliche Befristung seiner Amtszeit, sagte er - er wolle bleiben, bis Karstadt saniert sei.

Er sagte auch: "Es ist nicht eine Aufgabe, die mit Aufspaltung zu tun hat. Es geht um Sanierung und es geht im Kontinuität und die Sicherung der rund 100.000 Arbeitsplätze." Im Vorfeld war spekuliert worden, Middelhoff wolle die Einzelteile des Konzernes verkaufen.

Der neue Chef gilt als Intimus der KarstadtQuelle-Hauptaktionärin Madeleine Schickedanz, die ihr Engagement in den vergangenen Wochen durch Aktienzukäufe auf inzwischen beinahe 50 Prozent ausgebaut hat. Dies hatte allerlei Verschwörungstheorien wachgerufen. So hieß es, Schickedanz kaufe die Aktien nur, um Karstadt allein kontrollieren und dann zerschlagen zu können. So wolle sie Schulden bei der Privatbank Sal. Oppenheim abbauen, die wiederum mit Karstadt-Aktien besichert seien.

Bislang gab es dazu keine offizielle Stellungnahme. Heute sagte Middelhoff, dies sei ein "beruhigendes, ermutigendes und stärkendes Signal". Es sei zu begrüßen, dass der größte Gesellschafter über so viel Vertrauen verfüge, dass er sein Engagement ausweite. Welche Pläne konkret damit verbunden seien, vermöge er allerdings nicht zu sagen, fügte er hinzu.

"Offenbar will kein anderer den Job haben"

An der Börse wurde Middelhoff zunächst mit Vorschusslorbeeren bedacht. Die Aktie gewann am Morgen, als seine Ernennung kolportiert wurde, rund fünf Prozent. Bis zur offiziellen Pressekonferenz bröckelte der Kurs aber wieder ab, zeitweilig notierte das Papier sogar im Minus. Ein Händler sagte der Nachrichtenagentur dpa-AFX: "Ich halte Middelhof für einen der fähigsten Manager in Deutschland." Ein anderer gab zu bedenken: "Middelhoff hat im Einzelhandel kaum Kenntnisse, das ist natürlich negativ zu bewerten." Ein Dritter: "Offenbar will kein anderer den Job haben."

Middelhoff hatte sich seit 2003 in der Private-Equity-Branche betätigt: Er war Partner und Spartenchef des Finanzunternehmens Investcorp, das unter anderem Gucci und die US-Modekette Saks 5th Avenue kontrolliert. Diese Partnerschaft lasse er nun ruhen, sagte er. "Ich komme nicht als Finanzinvestor." Sein Amt als Chef von Bertelsmann hatte Middelhoff im Sommer 2002 verloren, weil er sich mit dem Mohn-Familienclan entzweit hatte, der den Konzern kontrolliert. Der Medienliebling hatte sich, ganz im New-Economy-Geist, auf einen Börsengang des Unternehmens festgelegt, den die Mohns ablehnten. Einige Middelhoff-Hypotheken, etwa das Engagement beim umstrittenen Musiktauschdienst Napster, belasteten Bertelsmann noch Quartale lang.

Chef der Versandsparte muss gehen

Die Sanierung bei Karstadt wird eine Herkulesaufgabe: So ging der Umsatz des Konzerns im ersten Quartal um 11,2 Prozent auf drei Milliarden Euro zurück. Schlecht entwickelte sich auch das Versandgeschäft, besonders bei der Traditionsmarke Quelle. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen im Gesamtkonzern brach um fast 40 Prozent auf 56,6 Millionen Euro ein. Im Gesamtjahr soll das Minus nur im einstelligen Prozentbereich liegen, verspricht der Konzern.

Mit der Ernennung Middelhoffs zum Vorstandschef stehen weitere Personalien an: Den Aufsichtsrat soll künftig der ehemalige Linde-Manager Hero Brahms leiten. Arwed Fischer, bisher Chef der Versandsparte, muss sein Amt angesichts der schlechten Ergebnisse aufgeben. Pinger soll diesen Bereich zusätzlich übernehmen.

Schon als Aufsichtsratschef verhielt sich Thomas Middelhoff in den vergangenen Monaten oft so, als sei er selbst der Chef. Kaum ein anderer Chefkontrolleur in Deutschland engagierte sich so stark und gab seinem Vorstandschef so detaillierte Vorgaben. Insofern ist es kein Wunder, dass Middelhoff keinen externen Kandidaten für den Chefposten gefunden hat: Der Neue wäre die ewige Nummer zwei gewesen, nach Thomas Middelhoff - dem Mann, der gern in Kameras lächelt und es jetzt wieder darf.

Matthias Streitz



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