Chefwechsel Italiener soll Vodafone aus der Strategiefalle führen

Er hat grandios gut verdient - eine stimmige Vision für seinen Konzern fand er nie. Nach fünf Jahren im Amt tritt Vodadone-Chef Arun Sarin zurück. Sein Nachfolger, ein ehrgeiziger McKinsey-Veteran, soll den Aktionären endlich wieder Konstanz bieten.

Von Felix Ehlert


Hamburg - Beschaulich liegt die Konzernzentrale im englischen Newbury, Grafschaft Berkshire. Doch hinter den Kulissen des Vodafone-Imperiums in der friedlichen Provinz wurde zuletzt immer wieder gestritten. Über die Märkte in Japan, Belgien und Schweden. Über neue Betätigungsfelder für den Konzern. Und besonders über Personalien.

"Kopfloser Riese", so hatte die Presse Vodafone schon im Oktober 2006 genannt. Denn der, der eigentlich der Kopf sein sollte, hatte mit einigem Hin und Her ordentlich Verwirrung gestiftet: Vorstandschef Arun Sarin.

Der indischstämmige Amerikaner hatte die japanische Vodafone-Tochter erst gepriesen, dann hastig verkauft. Erst wollte er den Weltmarkt aufmischen, dann zog er sich aus strategisch wichtigen Ländern zurück. Die einst betonte Konzentration auf den Mobilfunkmarkt weichte Sarin schnell wieder auf, als er ankündigte, massiv ins Festnetz-Geschäft zu investieren.

Sarin, 53, galt eigentlich als optimale Besetzung für einen multinationalen Konzern wie Vodafone. Schon bald nach seinem Abschluss an der University of California in Berkeley stieg er in die Telekommunikationsbranche ein. Nachdem er 1999 die Übernahme von Airtouch durch Vodafone unterstützt hatte, durfte Sarin das USA-, Asien- und Australien-Geschäft des Unternehmens aus Newbury leiten. Auch an den Verhandlungen zur feindlichen Übernahme von Mannesmann war er beteiligt. Für Schlagzeilen in der britischen Presse sorgte damals besonders sein fürstliches Jahresgehalt von 21 Millionen Pfund, kräftig angefüttert durch die Bonuszahlungen für das Airtouch-Geschäft.

Somit wurde Sarin der bestbezahlte Manager Großbritanniens. "Fat cat" nannten ihn die Journalisten wenig schmeichelhaft, aber auch ein bisschen ehrfürchtig - ein Ausdruck für habgierige Manager. Doch der Vater zweier Kinder schaute nicht allein auf Geld: Im Mai 2002 gab er seinen Posten auf kehrte zu seiner Familie in die USA zurück, blieb aber neben der Tätigkeit in kleinen IT-Firmen Aufsichtsratsmitglied der Vodafone-Gruppe.

Überraschend holte ihn Vodafone-Boss Chris Gent zwei Jahre später zurück über den Atlantik. Gent, hemdsärmeliger Brite mit von der Queen verliehenem Adelstitel, war immer der große Macher. Sein Rückzug verwunderte die Finanzwelt.

Arun Sarins Amtszeit als Vodafone-Chef begann mit den höchsten Verlusten der Konzerngeschichte. Von Anfang an galt es, den Konzern zu konsolidieren - und gleichzeitig die Mobiltelefone der neuen Generation auf den Markt zu bringen. Die Geschäftszahlen wurden etwas besser, konnten aber längst nicht begeistern. Das Personal-Possenspiel begann.

Nach einem Machtkampf legte Chris Gent 2006 sein Amt als unbezahlter "Ehrenpräsident auf Lebenszeit" nieder, viele alte Weggefährten gingen ebenfalls. Als Vodafone-Europachef Bill Morrow aus privaten Gründen ausschied, übertrug Sarin dessen Aufgaben kommissarisch an Deutschland-Chef Friedrich Joussen. Auf der Hauptversammlung tags darauf verweigerten 15 Prozent der Anleger Sarin die Entlastung und kritisierten seine Strategie. Der Verwaltungsrat drängte auf Vittorio Colao als neuen Europa-Chef. Ein mächtiger Mann, der bereits für Vodafone gearbeitet hatte. Offiziell hieß es, es sei Sarin gewesen, der ihn schließlich zurückholte.

Schleichende Entmachtung

Es dauerte nur noch zwei Jahre - jetzt soll der der ehrgeizige Italiener die Macht beim Mobilfunkriesen übernehmen. Sarin nutzte die Vorstellung der außerordentlich guten Jahresbilanz, um nach fünf Jahren seinen Rücktritt als Vorstandvorsitzender zu erklären und den Weg für Colao freizumachen. Resultat einer schleichenden Entmachtung.

Wer ist der neue alte Mann in Newbury? Die Karriere des heute 46-Jährigen begann im Mailänder Büro von McKinsey, wo er die Medien- und Kommunikationsbranche betreute. Er wechselte zum Anbieter Omnitel Pronto Italia, der bald darauf zu Vodafone Italy wurde. Beobachter bescheinigten ihm dort sehr gute Arbeit. Es folgte ein Aufstieg im Vodafone-Konzern, schrittweise übernahm er Verantwortung für Südeuropa, Nahost und Afrika. Nach einem Intermezzo bei der großen italienischen Mediengruppe RCS kehrte er als Europa-Chef und stellvertretender Vorstandvorsitzender zu Vodafone zurück. Mit großen Zielen.

Das "Handelsblatt" führte Colao schon Ende 2006 in der Rubrik "Auf dem Sprung" als Persönlichkeit mit Zukunft an. Auf einer großen Konzernfeier in Berlin war der Harvard-Absolvent ein beliebtes Objekt für Klatschreporter und Fotografen.

Am 29. Juli soll er offiziell die Führung des Unternehmens übernehmen. Das Vertrauen der Anleger scheint ihm erst einmal sicher. Insider vermuten, dass er sich stark auf das Kerngeschäft fokussieren werde, was kurzfristig keine größeren Übernahmen erwarten lasse.

Es passt zu den häufigen Kurswechseln im Hause Vodafone, dass der jetzt zurückgetretene Arun Sarin zuletzt immer wieder Gerüchte um sein Ausscheiden dementiert hatte. Vielleicht wusste er es aber auch einfach nicht besser.



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