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Affären Chemikalie dazugekippt

Neue Aufregung um die Münchner Skandaldruckerei Giesecke & Devrient: Wurde auch die Bundesbank betrogen?
aus DER SPIEGEL 1/1996

Peinlich war der Bundesbank die Sache von Anfang an. Ausgerechnet der Lieferant für jede zweite deutsche Geldnote, die Münchner Firma Giesecke & Devrient (G&D), stand wochenlang im Mittelpunkt eines Betrugsskandals.

G&D-Hauptgesellschafter Siegfried Otto, 80, hatte sich als einer der größten Steuerhinterzieher in Deutschland offenbart. Über eine Schweizer Tarnfirma schleuste »Geldschein-Otto« (Abendzeitung) Millionen aufs eigene Privatkonto - vorbei an Fiskus und Familie.

Die Bundesbank, so schien es, blieb von den Tricksereien unberührt. Bundesbanksprecher Manfred Körber erklärte vor vier Wochen: »Uns liegt nichts vor, was auf Unregelmäßigkeiten hindeutet.«

Ein ehemaliger G&D-Mitarbeiter hilft den Bundesbankern nun auf die Sprünge. Interne Aktenvermerke und vertrauliche Briefwechsel aus dem Hause Giesecke & Devrient, die der Bundesbank und dem SPIEGEL vorliegen, haben die Frankfurter Währungshüter aufgeschreckt.

Vergangene Woche leitete die Bundesbank eine interne Untersuchung ein. Erstmals müssen sich die Druckereibetreiber unbequeme Fragen ihres Frankfurter Großkunden gefallen lassen. Geklärt werden soll, ob Siegfried Otto die Preise für das Banknotenpapier künstlich in die Höhe trieb.

Aus den firmeninternen Unterlagen geht hervor, daß Giesecke & Devrient in den achtziger Jahren Material für die deutsche Banknotenproduktion in die Schweiz verkaufte, um es anschließend zu einem deutlich höheren Preis zurückzukaufen.

Zwölf derartige Ex- und Importgeschäfte sind belegt: zweimal 1983, dreimal 1984, zweimal in den Jahren 1985, 1986 und 1987 und einmal im Juni 1988. Und immer war die jetzt aufgeflogene Tarnfirma des Siegfried Otto, die Zürcher Security Printing, als Händler dazwischengeschaltet.

Gehandelt wurde die Chemikalie Gamma Pigment, eine Zutat für die Herstellung von Magnetfarben. Diese Magnetfarben sind nötig zur Herstellung des Sicherheitsfadens, der im Papier der alten Banknoten eingebettet war.

Die Substanz stammte aus der Vacuumschmelze in Hanau, einer Siemens-Tochter. Pro Kilo von dem Pulver bezahlte G&D nach eigenen Angaben 1987 in Hanau rund 700 Mark. In die Schweiz verkaufte das Unternehmen den Stoff für 3000 Mark, um ihn dann veredelt, als Gamma 24, für rund 3900 Mark zurückzukaufen.

Käufer und Verkäufer der Ware war stets die Security Printing AG in Zürich, eine Briefkastenfirma, deren Gewinn auf Ottos Privatkonten floß. Die Bundesbank, Ottos bester Kunde, wußte von dem Zwischenhändler in Zürich nichts.

In München dagegen war die Zusammenarbeit mit der Security Printing (SP) kein Geheimnis, wie der rege Briefwechsel zwischen den beiden Unternehmen belegt. In einer Rechnung vom 4. März 1987 kündigte G&D der Zürcher Firma die Lieferung von 16 Stahlbehältern mit Gamma Pigment zum Preis von 723 840 Mark an. Zwei Wochen später schickte SP-Geschäftsführer Kurt Hofstetter nach München die »Faktura No. 21 031«.

Der Weg der sensiblen Substanz war verschlungen. Ein vertrauliches Reiseprotokoll des früheren G&D-Mitarbeiters Götz Lindemann belegt den Hang der Münchner zur Konspiration.

Der G&D-Sicherheitsexperte flog bei einer der ersten Touren im Mai 1983 von München nach Frankfurt. Am Meeting-Point erwarteten ihn zwei Mitarbeiter der Transportfirma Brink''s Schenker. In deren Panzerwagen fuhren die drei Männer zur Vacuumschmelze nach Hanau, um die Stahlbehälter mit Gamma Pigment für G&D in München abzuholen.

Stunden später, so der als »vertraulich/persönlich« gekennzeichnete Aktenvermerk vom 16. Mai 1983, passierte der Transporter bei Basel die deutsch-schweizerische Grenze. Die Ware wurde ordnungsgemäß verzollt. Als Empfänger war in den Ausfuhrpapieren die Security Printing angegeben. Die »Verzollung«, heißt es in dem Vermerk, sei »problemlos« verlaufen.

In Zürich angekommen, erhielten die Männer von einem SP-Mitarbeiter neue Papiere für den Rückexport nach Deutschland. Doch zuvor mußte der Transporter mit seiner Fracht noch einen Umweg fahren - nach Chavornay nördlich von Lausanne.

In einer Lagerhalle der Schweizer Firma Sicpa geschah dann das, was in dem internen Aktenvermerk als »Veredelung« des Materials bezeichnet wird: Durch Zusatz einer Chemikalie wurde das Pulver verflüssigt - dadurch stieg das Gewicht um ein Drittel. Aus Gamma 25 war Gamma 24 geworden. _(* Von Giesecke & Devrient an ) _(Security Printing (oben) und Rückverkauf ) _(an Giesecke & Devrient (unten). )

Was genau mit dem Ausgangsstoff in der Schweiz passierte, ist den Bundesbankern bisher unklar. Zu der angeblichen Veredelung der Banknotenzutat Gamma Pigment verweigert die Geschäftsleitung von G&D dem SPIEGEL in der vergangenen Woche jede Auskunft. »Zeitraum als auch Zweck der Verwendung« von Gamma Pigment sowie auch »Rezeptur und Fertigungsvorschriften« der Chemikalie unterlägen der Geheimhaltung.

Wenig einleuchtend ist die Erklärung, warum die Substanz unbedingt in der Schweiz verarbeitet werden mußte. Die Veredlung sei nur in »speziellen technischen Anlagen und unter Einhaltung strengster Brandschutzmaßnahmen« möglich gewesen, behauptet G&D: »Geeignete Einrichtungen dieser Art standen in Deutschland nicht zur Verfügung.«

Augenzeuge Lindemann hat den Vorgang anders in Erinnerung. »Im Nebenraum einer Lagerhalle wurden die Behälter geöffnet und wegen der Feuergefahr geerdet«, erzählt der Sicherheitsbegleiter: »Ein Mitarbeiter der Sicpa hat dann aus Kanistern eine handelsübliche Chemikalie dazugekippt.«

Spezielle Sicherheitsanlagen hat Lindemann, der ein Dutzend dieser Transporte begleitete, in Chavornay nicht gesehen. Er meint: »Das Ganze hätten wir genausogut in München auf dem Hof machen können.« Der gesamte Vorgang dauerte nach seiner Erinnerung nie länger als eine halbe Stunde.

Die aufwendigen Schweiz-Transporte haben nun auch die Bundesbank stutzig gemacht. Warum, fragen sich die Währungshüter, hat die Münchner Firma Ottos Security Printing eingeschaltet?

Dies sei »im Interesse der Geheimhaltung« geschehen, erklärt G&D auf Anfrage. Die Sicpa-Mitarbeiter sollten »nicht die Verbindung zu Giesecke & Devrient« durchschauen, und sie sollten auch nicht »den endgültigen Verwendungszweck der Substanz erfahren«.

Die Erklärung klingt windig. In Wahrheit hat sich G&D keine allzu große Mühe gegeben, die Schweizer Firma über die Herkunft des Materials zu täuschen.

Alle Sicherheitstransporte nach Chavornay wurden von mindestens einem G&D-Mitarbeiter begleitet. In der Branche war ohnehin klar, daß Security Printing keinerlei Produktionsstätten besaß und nur als Gewinn-Sammelstelle der Münchner funktionierte.

Die Geschäftsleitung von G&D wollte sich zu dem Betrugsverdacht gegenüber dem SPIEGEL nicht äußern. Es handele sich, teilte die Firma mit, um eine »VS-Angelegenheit, deren Einzelheiten wir nicht befugt sind bekanntzugeben«.

* Von Giesecke & Devrient an Security Printing (oben) undRückverkauf an Giesecke & Devrient (unten).

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