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Höchste Fernstraße der Welt: Bauprojekt in den Bergen

Foto: Hasnain Kazim

Karakorum Highway China baut höchste Schnellstraße der Welt

Vom Holperweg zur Handelsmagistrale - mit gewaltigem Aufwand baut China den pakistanischen Karakorum Highway aus, die höchste Fernstraße der Welt. Das vermeintliche Geschenk steht beispielhaft für Pekings Wirtschaftsstrategie: nicht die kurzfristigen Kosten zählen, sondern der langfristige Nutzen.

Langsam quält sich die Straßenwalze den Berg hoch, die Asphaltdecke dampft in der Hitze. Mehrere chinesische und pakistanische Arbeiter stehen da, auf ihre Schaufeln gestützt. Sie schauen zu, wie Mister Li, ihr Chef, das gelbe Ding fährt. Ein paar Meter weiter stoppt Mister Li, springt auf der nicht asphaltierten Seite von der Maschine hinunter, knapp vor dem etwa tausend Meter tiefen Abgrund. Die Höhe scheint ihm nichts auszumachen. Er nickt seinen Arbeitern zu und ruft: "So macht man das! Noch Fragen?"

China baut, und zwar weltweit und im großen Stil: Hochhäuser, Häfen, Straßen. Der Ausbau des berühmten Karakorum Highway von China nach Pakistan, Teil des als Seidenstraße bekannten Strangs von Handelsrouten, ist dabei eines der herausragenden Bauprojekte und ein Beispiel für die chinesische Zukunftsstrategie: Investiere viel und verschenke großzügig, wenn es dir langfristig nützt.

Der knapp 1300 Kilometer lange Karakorum Highway, der vom westchinesischen Kaschgar im uigurischen autonomen Gebiet bis fast zur pakistanischen Hauptstadt Islamabad führt, soll von einer staubigen Holperstrecke zur modernen, mehrspurigen Hochgebirgsmagistrale umgebaut werden. Das Teilstück auf chinesischer Seite ist schon fertig. "Peking geht es darum, künftig noch mehr Waren nach Pakistan zu exportieren und über den Hafen Karatschi in alle Welt zu verschiffen", sagt China-Experte Fazal ur-Rehman vom Institute of Strategic Studies in Islamabad. Außerdem soll künftig entlang des Karakorum Highway eine Pipeline verlaufen, über die China iranisches Gas beziehen will.

In Indien, Chinas asiatischem Machtrivalen, sieht man allerdings noch einen anderen Aspekt. Indische Regierungskreise merken besorgt an: Nach dem Ausbau könnte China auch Panzer und anderes schweres militärisches Gerät bis zum Indischen Ozean transportieren. Schließlich habe China schon einmal sein aggressives Potential gezeigt, als es 1950 in Tibet einmarschiert sei und ein paar Jahre später weitere Teile der Region besetzt habe.

"Uns Chinesen werden immer böse Absichten unterstellt"

Ingenieur Li steht immer noch am Abgrund nahe der Stadt Karimabad im Hunza-Tal. Unten rauscht der Hunza-Fluss, der sich weiter südlich mit dem Indus vereint. "Uns Chinesen werden immer böse Absichten unterstellt", sagt er und lacht. "Sagt das nicht mehr über diejenigen, die uns das unterstellen, als über uns?"

Um ihn herum stehen pakistanische Polizisten mit Maschinenpistolen, die überall dort Wache gehen, wo Chinesen arbeiten. Unter keinen Umständen soll einer von ihnen überfallen oder gar entführt werden, damit die Chinesen das Projekt nicht wegen Sicherheitsbedenken stoppen. Selbst Fotos von den Chinesen sind nicht erlaubt.

Li sagt, es gehe darum, eine "zuverlässige Verbindung" zwischen China und Pakistan zu bekommen, eine Straße, die ganzjährig nutzbar sei und auf der auch Sattelschlepper mit 40-Fuß-Containern fahren könnten. Derzeit ist der Karakorum Highway im Winter geschlossen, weil Räumfahrzeuge auf der unebenen Oberfläche nichts bewirken. Und noch haben selbst LKW mit kleinen 20-Fuß-Containern an vielen Stellen Schwierigkeiten, die Kurve zu kriegen.

Der Karakorum Highway, höchste Fernstraße der Welt mit spektakulärer Streckenführung an Gebirgsriesen wie Nanga Parbat und K2 vorbei, wurde in den sechziger und siebziger Jahren in die Berge gesprengt. Bis dahin gab es hier nur Trampelpfade, auf denen Menschen mit Packeseln unterwegs waren. Die Straße führt durch den Karakorum, den Hindukusch und das Himalaya, über weite Teile am Fluss Indus entlang. Auf der Strecke gibt es mehr als hundert Brücken. Auch hier wachen Militärposten oder Polizisten darüber, dass niemand Fotos macht - die Brücken gelten als strategisch wichtige Ziele, daher sind sie auch in kaum einer Karte eingezeichnet.

Ein Geschenk der Chinesen an den Nachbarn Pakistan

Das gigantische Projekt war schon damals ein Geschenk der Chinesen an den südlichen Nachbarn Pakistan. Peking finanzierte das Vorhaben, umgesetzt wurde es unter chinesischer Aufsicht von insgesamt 15.000 pakistanischen Arbeitern, überwiegend Soldaten, und bis zu 20.000 chinesischen Kräften. Nach offiziellen Angaben starben dabei mehr als 800 Pakistaner und 82 Chinesen, vermutlich gab es aber vor allem unter den Chinesen mehr Opfer. Viele kamen bei den Sprengungen ums Leben, andere stürzten in die abgrundtiefen Schluchten.

Trotz des Namens Highway - die Straße war bisher vor allem Schotterpiste, die auf der höchsten Stelle, am Kunjirap-Pass auf der Grenze zwischen China und Pakistan, gut 4700 Meter erreicht. In den vergangenen 15 Jahren wurden zwar einige Abschnitte asphaltiert, aber es blieb bei einer Spur, an der sich in schwindeligen Höhen Lastwagen aneinander vorbeischoben.

Die jetzt geplante durchgängige feste Straßendecke und die Verbreiterung auf zwei, an manchen Stellen sogar auf vier Spuren ist erneut ein Geschenk der Volksrepublik an den südlichen Nachbarn. Rund 400 Millionen Dollar kostet der Ausbau, von der chinesischen Regierung über staatliche Banken finanziert. "Wenn wir fertig sind, dauert die Fahrt von der Grenze bis nach Islamabad nur noch 20 statt 30 Stunden", sagt Li.

Nicht kleckern, klotzen

Ursprünglich sollte das spätestens 2013 der Fall sein, aber dann kam es nördlich von Karimabad zu einem gewaltigen Erdrutsch, ein Berg zerbröselte und begrub mehrere Dörfer unter sich. Ein Stausee setzte den Karakorum Highway auf einer Länge von 22 Kilometern unter Wasser. "Wer heute auf dem Landweg von Pakistan nach China oder umgekehrt will, muss hier auf ein Boot umsteigen", sagt Li. Eine andere Route gibt es nicht, auch Fracht muss auf Boote verladen werden.

Die Chinesen entschlossen sich kurzerhand, einen Tunnel zu bohren, um den neu entstandenen Attabad-See, inzwischen eine Touristenattraktion, zu umgehen. "Das wird nun doch ein paar Jahre in Anspruch nehmen", sagt Li.

Nicht kleckern, klotzen: Schweres Gerät wird aus China herangekarrt, und wenn Ziegelsteine benötigt werden, um die Straße mit Mauern vor Erdrutschen oder herabfallenden Felsbrocken zu schützen, errichtet man gleich vor Ort ganze Ziegelbrennereien. "Wo Schutzmauern nichts nützen, bauen wir Tunnel", sagt Li.

Kilometer für Kilometer entsteht so ein Monument der chinesischen Außenwirtschaftsdoktrin: Peking schaut nicht auf die kurzfristige Renditerechnung seiner Bauprojekte im Ausland, sondern auf die langfristigen Handelsoptionen, die sich dadurch eröffnen. Und auf die Verbündeten, die sich mit solch großzügiger Hilfe gewinnen lassen. Nicht nur in Pakistan, in vielen Ländern, in denen Peking seine strategischen Handelsinteressen sichern will, sorgen chinesische Ingenieure für die nötige Infrastruktur. Und oftmals investieren die Chinesen gerade dort, wo sich der Westen längst zurückgezogen hat: weil die Sicherheitslage zu prekär ist oder weil rechtsstaatliche Prinzipien allzu offensichtlich mit Füßen getreten werden - wie etwa in vielen rohstoffreichen Staaten Afrikas.

Die Pakistaner staunen unterdessen über das Wissen der Chinesen und lernen. An einem Teilstück musste die frisch asphaltierte Straße aufgebrochen werden, weil pakistanische Arbeiter das Material einfach auf den platt gewalzten Schotter ausgebracht hatten. Li erläutert, man habe ihnen beibringen müssen, dass eine Straßendecke aus mehreren Schichten bestehe, gerade in einer Region, in der die Temperaturen im Winter bis zu minus 40 Grad und im Sommer bis zu plus 40 Grad Celsius erreichten.

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