Das dunkle System

Teil 2: Folter und Zwangsarbeit

KORRIGIEREN UND HEILEN

Eine breite Steintreppe führt zum Eingang eines hellgrauen Verwaltungsgebäudes hinauf. Über ihr spannt sich ein großzügiges Vordach aus grünem Glas, links und rechts schaukeln akkurat geschnittene Bäume im Wind. Alles an der Anlage wirkt freundlich, auch der Schriftzug über dem Eingang.

"Respektvoll das Gesetz vollstrecken", steht dort sinngemäß, "korrigieren und heilen."

Etwa anderthalb Stunden hat die Autofahrt von Chongqing bis hierher gedauert. Das erste Stück des Weges fuhren wir auf einer gut ausgebauten Autobahn nach Nordwesten. Nachdem wir den Jialing-Fluss überquert hatten, wurde die Straße holpriger und die Gegend einsamer. Auf Serpentinen ging es hinauf in die Berge, an den Hängen wucherte Urwald, am Wegesrand standen vereinzelte Hausruinen.


Im Jahr 2009, als Li, Xie und Sun im Polizeiwagen über diese Straße rollten, war Xishanping eines der größten Straflager Chongqings. In der Anlage, die bereits in den Fünfzigerjahren errichtet worden war, sollen bis zu zehntausend Häftlinge geschuftet haben.

Von einer Seitenstraße aus kann man den Teil des Lagers sehen, in dem Li, Xie und Sun inhaftiert waren. Das Gelände ist so weitläufig wie ein Stadtviertel. Weiße, bis zu fünfstöckige Plattenbauten ragen zwischen braunen Mauern empor. Viele Gebäude sind modern und mit asphaltierten Straßen verbunden. Abseits, im Schatten hoher Bäume, steht ein massiver Bau mit einem großen eisernen Tor.

Sun wurde am 13. November 2009 ins Straflager gebracht. Li und seine Cousins kamen drei Tage später an. Schließlich, am 8. Dezember 2009, erreichte Xie das Lager. Die Polizisten brachten ihn direkt zum Eisentor.


NACKT

Als er vor dem düsteren Gebäude stand, stiegen Xie Bilder in den Kopf, die er vor vielen Jahren im Fernsehen gesehen hatte. Bilder von abgemagerten Juden, die sich in Konzentrationslagern zu Tode arbeiteten. Was danach geschah, schildert Xie wie folgt:

Man führte ihn in einen Raum, in dem schon viele andere Neuankömmlinge nackt auf dem Boden hockten. Ein Wärter marschierte neben ihnen auf und ab. Es war Dezember, eine Heizung gab es nicht. Manche der Männer zitterten. Ob vor Kälte oder vor Angst, vermochte Xie nicht zu sagen.

Auch Xie musste sich ausziehen, nackt auf den Boden kauern, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, das Gesicht zu Boden gerichtet. "Hocken!", brüllte ein Polizist. "Nicht hochgucken!" Der Mann inspizierte Xies Sachen, den eleganten Mantel, das moderne Handy. Den Rasierer steckte er ein. Xie fühlte sich ausgeliefert, entrechtet. Ohnmächtige Wut stieg in ihm auf.

Nachdem sie durchsucht worden waren, mussten sich Xie und die anderen in eine Reihe stellen und erneut niederhocken. Häftlinge, die schon länger im Lager waren, rasierten Xie die Haare ab. Seine dichten, schwarzen Locken sammelten sich vor seinen Füßen. Dann reichten sie ihm eine hellblaue Stoffhose und ein grünes Hemd. Diese Sachen müssen in den Sechzigerjahren einmal in Mode gewesen sein, dachte er.

Xie, der Textilfabrikant, streifte die schmucklose Kleidung über. Er war jetzt ein Sträfling. Oder, wie sie es hier nannten, ein Straflagerschüler.


DURST

An seinem zweiten Tag in Xishanping quälte Xie großer Durst. Seit seiner Ankunft hatte er nichts mehr zu trinken bekommen - trotz des anstrengenden Trainings, das er nun täglich absolvieren musste.

Xie berichtet, wie er immer nervöser wurde. Er dachte zwar, dass sie ihn schon nicht verdursten lassen würden. Aber sein Körper gierte so sehr nach Wasser, dass ihn dieser Gedanke kaum noch beruhigte.

Der Tagesablauf für Neuankömmlinge war strikt. Fünfeinhalb Stunden mussten sie laufen, marschieren und in der Kälte stillstehen. Fünf weitere Stunden hämmerten die Lagerpolizisten ihnen Gesetzestexte und Verhaltensregeln ein.

Gib deine Fehler zu!

Gehorche deinen Aufsehern!

Respektiere die Führung der Kommunistischen Partei!

Tag für Tag mussten die Häftlinge solche und andere Leitsätze laut wiederholen. Xie kann die Regeln noch heute auswendig.

Näherte sich ein Polizist, mussten sich die Sträflinge niederhocken. Außerhalb des Erziehungsunterrichts ließen sich die Beamten allerdings nur selten blicken. Sie delegierten viele ihrer Aufgaben an ausgewählte Häftlinge, Gruppenleiter wurden diese genannt.

Gruppenleiter genossen Privilegien. Sie mussten beim Morgenappell nicht mitmachen, sich nicht kleinmachen, wenn ein Polizist kam, und während die normalen Häftlinge auf dem Boden in der Hocke aßen, saßen die Gruppenleiter am Tisch und bekamen Extrarationen.

Sun sagt, er habe die Gruppenleiter verabscheut. Er hielt sie für Verräter. Li sagt, viele Gruppenleiter seien Schwerverbrecher gewesen. Die Lagerpolizisten hätten sie wegen ihrer Skrupellosigkeit gezielt ausgewählt. Manche hätten eine sadistische Freude gehabt, sich immer neue Demütigungen auszudenken.

Die Gruppenleiter sprachen die Gefangenen oft mit "Dieb" an.

Dieb, komm her!

Dieb, geh das holen!

Dieb, ich befehle dir . . .

Die Häftlinge hatten darauf mit "Jawohl" zu antworten. Sie selbst durften einen Gruppenleiter ohne Genehmigung nicht ansprechen.

Toilettengänge mussten zweifach bewilligt werden. "Der Straflagerschüler Xie bittet um Erlaubnis, auf Toilette zu gehen", musste Xie seinen Gruppenleiter fragen. Erteilte der die Genehmigung, musste Xie zum Obergruppenleiter. Erst wenn auch der zusagte, durfte Xie auf Toilette. Oft durfte er nicht.

Es habe unzählige solcher Schikanen gegeben, sagt Xie. Selbst kleine Regelverstöße seien geahndet worden. Zu den milderen Strafen zählten Ohrfeigen, Essens- und Schlafentzug und sogenannte Strafhaltungen.

Zu den härteren Strafen gehörten Prügel aller Art. Sun sagt, er sei fast täglich mit Tritten und Schlägen traktiert worden, wenn er sich Befehlen widersetzte. Manchmal ging er selbst auf einen der Gruppenleiter los - so lange, bis dieser Verstärkung bekam.

Sun dachte, er könnte sich mit seinen Fäusten Respekt verschaffen. Stattdessen musste er bald weiqi kennenlernen, eine im Lager besonders gefürchtete Strafe.


GEHIRNWÄSCHE

Die Schilderungen unserer Augenzeugen decken sich mit den Beschreibungen von Ex-Häftlingen aus anderen chinesischen Straflagern, die Amnesty International zwischen 2009 und 2013 interviewt hat. In den Lagern gebe es ein ausgeklügeltes Belohnungs- und Bestrafungssystem, schreibt die Menschenrechtsorganisation.

Wer den Polizisten diene, könne auf größere Essensrationen, bessere Schlafbedingungen und verkürzte Haftzeiten hoffen. Und es gebe in den Lagern so einige Jobs für Kollaborateure.


ZUOBAN

Die zuoban zum Beispiel würden andere Insassen bespitzeln und deren Fehlverhalten den Aufsehern melden, schreibt Amnesty. Die dashou hätten die Aufgabe, andere Sträflinge zu foltern.

Manche Straflagerleiter setzten laut Amnesty dashou ein, um Falun-Gong-Mitglieder von ihrem Glauben abzubringen - teils mit noch viel brutaleren Methoden als diejenigen, die unsere Augenzeugen ertragen mussten.


DASHOU

Eine Falun-Gong-Anhängerin berichtete, wie zwei Männer ihr zunächst mit einer Nagelschere die Haut an der Innenseite ihrer Oberschenkel abgeschnitten hätten. Danach habe sie sich stundenlang hinhocken müssen, so lange bis sich eine Blutkruste gebildet habe, die an ihrer Hose festklebte. Die Schmerzen beim Aufstehen seien grauenvoll gewesen.

Laut Amnesty werden Gefangene zudem psychisch unter Druck gesetzt. In speziellen Unterrichtseinheiten werde ihnen eingebläut, wie ein rechtschaffener Chinese zu leben habe. Politische Dissidenten müssten sich in endloser Selbstkritik üben, sie sollten irgendwann selbst glauben, dass sie schuldig seien.

Manche Foltermethoden stammen noch aus der Zeit der Kulturrevolution, die zwischen 1966 und 1976 stattfand. Sixiang gaizao hieß das System der Umerziehung damals. Zu Deutsch: Gedankenreform. Treffender: Gehirnwäsche.


ERNIEDRIGUNG

An seinem dritten Morgen in Xishanping hielt Xie den Durst nicht mehr aus. Er brauchte Wasser, sofort. Er musste etwas unternehmen. Es war ihm egal, wenn sie ihn dafür bestrafen.

Draußen vor dem Schlafsaal, am Ende des Flurs, stand ein Eimer, der den Sträflingen als Toilette diente. Jeden Morgen musste ein Häftling ihn leeren und säubern.

Xie stellte sich vor die Tür des Schlafsaals, wartete, bis ein Wächter sie aufschloss, und stürmte los: Er lief, so schnell er konnte, vorbei an den hämisch lachenden Wächtern, vorbei an den anderen rennenden Häftlingen, die offenbar dieselbe Idee hatten wie er.

Xie schnappte sich den stinkenden Eimer, trug ihn zu einem Waschraum und putzte ihn. Dann trank er hastig aus dem Wasserhahn.


DER RUF DES KUCKUCKS

Ab dem vierten Tag bekam Xie regelmäßig zu trinken, dafür aber meist zu wenig Essen. Auf dem Speiseplan standen Chinakohl, Rettich und Wintermelone oder einfach nur eine Schüssel Reis. Fleisch gab es fast nie.

Neben Li berichten noch andere Augenzeugen, dass sie den heißen Reis verschlangen, während ein Wächter hinter ihnen von zehn herunterzählte. Manchmal erhöhten die Aufpasser den Zeitdruck noch. Sie gaben dann nur jedem zweiten Häftling ein Paar Stäbchen.

Im Benimmunterricht mussten die Gefangenen Loblieder auf die Kommunistische Partei singen. Das solle ihnen helfen, China zu lieben, sagte ein Lehrer einmal zu Xie.

"Ich liebe mein Land, doch mein Land liebt mich nicht", antwortete Xie.

Der Lehrer fixierte ihn streng. "Du sprichst jetzt besser nicht weiter."


In jener Nacht konnte Xie nicht schlafen. In seinem Kopf kreisten die Gedanken. Wie ging es seiner Familie? Wie würde die Textilfabrik ohne ihn laufen? Was dachte seine Tochter über ihn? Wann würde er sie endlich wiedersehen?

Vor dem vergitterten Fenster des Schlafsaals sang ein Kuckuck seinen Lockruf. Xie hörte ihm zu. Er war traurig, als der Vogel davonflog und sein Ruf in den Bergen verhallte.


DER SCHLAFSAAL

Nach dreißig Tagen gelangte Xie auf das Hauptgelände von Xishanping. Wächter führten ihn über einen riesigen Innenhof. Sie passierten eine Fabrik und mehrere Bürogebäude, näherten sich einem fünfstöckigen Plattenbau, betraten ihn und gingen hinauf in den zweiten Stock.

Oben befand sich ein Vorraum mit einem Tisch, an dem ein Wächter saß. Links von ihm war eine vergitterte Tür. Dahinter lag ein langer Flur, von dem zehn Schlafsäle abgingen. In einem davon brachten sie Xie unter.

Der Schlafsaal war rechteckig und vielleicht zwanzig Quadratmeter groß, die Fenster waren vergittert. Auf jeder Seite standen drei Stockbetten. Xie bekam das erste Bett auf der linken Seite zugewiesen, sein Schlafplatz war oben. Eine Matratze oder Decke bekam er nicht, nur ein dünnes Laken.

Unter dem Bett befand sich eine Box mit der Nummer 0051, in der Xie seine Habe verstaute. Er besaß zwei Overalls für den Sommer und zwei für den Winter, dazu zwei Hemden, zwei Hosen, zwei Jacken und zwei Paar Schuhe. Die Kleidung habe er sich zu überteuerten Preisen kaufen müssen, sagt er.

Als die Neulinge ihre Sachen eingeräumt hatten, erklärte ein Aufseher ihnen den Tagesablauf. Um sechs Uhr mussten sie aufstehen. Um sieben begann die Schicht in der Fabrik, gearbeitet wurde teils bis spät in die Nacht.

Sonntags hatten die Häftlinge frei und durften duschen. Zweimal im Monat, für je zehn Minuten, durften sie Besuch von Freunden oder Familienangehörigen empfangen. Nachts mussten sie sich gegenseitig bewachen, je zwei Häftlinge mussten für zwei Stunden Wache schieben.

Als der Aufseher gegangen war, wurde es still im Zimmer. Xie musterte die anderen Häftlinge. Er hatte den Eindruck, dass sie versuchten, bloß nicht aufzufallen.

Nur ein Mann gab sich betont furchtlos. Er war groß und hatte einen schiefen Schneidezahn, an dem eine Ecke fehlte. Seinem Dialekt nach zu urteilen stammte er irgendwo aus dem Norden. Der Mann erzählte, er sei Lkw-Fahrer. Sein Name war Sun Jongdae.


ZWANGSARBEIT

Die Arbeit in der Fabrik sei monoton und stressig zugleich gewesen, berichten Li, Xie und Sun. Die Häftlinge saßen an langen Tischen in einer riesigen Halle und löteten Lan-Anschlüsse, bis zu 380 Stück pro Tag.

Es waren nur ein paar Handgriffe, die sie in endloser Wiederholung ausführten. Schutzbrillen bekamen sie nicht. Ihr Monatslohn betrug acht Yuan, weniger als einen Euro. Während der Arbeit durften sie kaum auf die Toilette. Wer sein Soll nicht schaffte, musste bis spät nachts nacharbeiten.

Sun stellte sich oft ungeschickt an, lötete Teile falsch zusammen und bezog dafür Prügel von den Gruppenleitern. Oder er bekam kein Essen. Oder er musste stundenlang in einer Strafhaltung verharren.

Li stellte sich geschickter an. Er hatte in seinem Elektroladen schon viele Geräte repariert, entsprechend leicht fiel ihm das Löten.

Wenn er sein Soll geschafft hatte, half Li anderen Häftlingen. Besonders denen, die er für unschuldig hielt. Und davon gab es viele: Li lernte sogar einen älteren Mann kennen, der sagte, er habe nur ein paar Mandarinen geklaut. Li fragte sich, warum Menschen wegen solch kleiner Vergehen im Straflager landeten.

Bald darauf sah er, wie ein Lagerpolizist einen Häftling ohrfeigte, weil dieser einen Fehler beim Löten gemacht hatte. "Ich hab für dich viel Geld bezahlt", hörte Li den Polizisten sagen. "Jetzt sieh zu, dass du ordentlich arbeitest."

Ein anderes Mal hörte Li, wie ein Polizist mit einem Gutachter stritt. Dieser sagte ebenfalls, dass er für die Häftlinge teures Geld bezahlt habe und dass die Qualität der Ware schleunigst besser werden müsse. Später erfuhr Li, dass der Gutachter für eine Firma aus der Guangdong-Provinz arbeitete, die einen Teil der Lan-Anschlüsse kaufte.

Ein Mithäftling, der schon lange im Lager war, erläuterte Li schließlich das System der Ausbeutung. "Die Unternehmen zahlen der Direktion des Straflagers für jeden Häftling eine Kopfprämie", sagt Li. "Einen Teil dieser Prämie reicht die Direktion an die örtlichen Polizeibehörden weiter - damit diese ihnen immer neue Häftlinge beschaffen." Die Beamten seien offenbar nicht sehr wählerisch, sagt Li. "Sie verhaften zur Not auch einen Mandarinendieb."


Straflager waren in China schon immer ein Wirtschaftsfaktor. In einem staatlichen Dokument aus dem Jahr 1954 ist vermerkt, dass sie dem "ökonomischen Aufbau des Staates" dienen sollten. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren bauten Lagerhäftlinge unter anderem einen großen Staudamm und verlegten lange Straßen und Bahngleise durch entlegene Provinzen.

Im China des 21. Jahrhunderts profitieren offenbar so gut wie alle Wirtschaftssektoren von Zwangsarbeit, berichtet unter anderem die Laogai Research Foundation (LRF), eine inzwischen nicht mehr aktive Washingtoner Denkfabrik, die viele Jahre lang Missstände in chinesischen Straflagern aufgedeckt hat.

Laut LRF wurden die Häftlinge unter anderem auf Baustellen und Farmen, im Maschinenbau, in der Autoindustrie, in Chemie- und Batteriefabriken oder in Asbestminen eingesetzt. Prinzipiell scheinen sie überall dort zu arbeiten, wo monotone und potenziell gesundheitsschädliche Handarbeit anfällt.

Volkswirtschaftlich gesehen spielt Zwangsarbeit nur eine untergeordnete Rolle: Die laojiao und andere Einrichtungen erwirtschaften Schätzungen zufolge Umsätze von mehreren Milliarden Dollar pro Jahr. Das chinesische Bruttoinlandsprodukt belief sich 2017 auf rund zwölf Billionen Dollar.

Auf lokaler Ebene hingegen sind die Lager durchaus ein Wirtschaftsfaktor. "Nicht nur die Provinzregierungen verdienen gut daran", sagt Hubert Körper von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, "sondern auch die Lagerleitung einschließlich des Wachpersonals."


XIE UND LI

Neben der Arbeit in der Fabrik mussten die Sträflinge oft Sonderaufgaben übernehmen. An einem kalten Januartag schleppte Li gerade zwei schwere Getränkepaletten über den Hof, als ihm ein neues Gesicht begegnete.

"He, Chef", rief Li. "Kannst du mir mal helfen?"

Der Mann nickte und nahm ihm eine der Paletten ab. Er war vielleicht Mitte dreißig. An seiner Brust heftete das Ansteckschild, das jeder Häftling im Lager tragen musste.


Xie Sunming
Verurteilt wegen: Störung der sozialen Ordnung
Abteilung 5
Inhaftiert am 8.12.2009


"Warum bist du wirklich hier?", fragte Li.

Xie erzählte von seinem Internetkommentar.

"Dann bist du kein Verbrecher", sagte Li.

Die beiden redeten eine Weile. Sie fanden heraus, dass sie auf demselben Stockwerk wohnten und dass sie beide den jähzornigen Nordmann aus Xies Zimmer kannten. Li hatte Sun schon öfter beim Löten geholfen.

Li mochte Xie auf Anhieb. Er wirkte gebildeter als die meisten anderen im Lager, er war offenkundig einmal ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen. Li beschloss, dem Neuling zu helfen.

"Nimm dich vor den Gruppenleitern in Acht", warnte er. "Besonders vor He Gang. Er ist ein echter Schurke."

DIE GEHEIME BOTSCHAFT

Im Oktober 2012 bereiteten sich die Anwohner von Damascus, Oregon, wie jedes Jahr auf das Halloween-Fest vor. Schaurige Dekorationen schmückten die Hauseingänge des verschlafenen Vororts an der amerikanischen Pazifikküste. Auch Julie Keith war mitten in der Partyplanung.


In ihrem Wohnzimmer stand eine verstaubte Box, in der sich mehrere Grabmale aus Styropor befanden. "Ich hatte die Deko schon zwei Jahre früher gekauft", erzählt Keith. "Doch ich hatte sie nie benutzt. Nun wollte ich meine Tochter damit beglücken. Sie hat kurz vor Halloween Geburtstag."

Als sie die Kiste auspackte, entdeckte Keith einen weißen, linierten Zettel, auf den jemand in gebrochenem Englisch eine Nachricht geschrieben hatte.

"Sir! Sollten Sie gelegentlich dieses Produkt kaufen, geben Sie diesen Brief bitte an die Weltmenschenrechtsorganisation weiter", begann Keith zu lesen. "Tausende Menschen hier, die unter der Verfolgung der kommunistischen chinesischen Regierung stehen, werden Ihnen für immer danken."


Keith fotografierte den Brief und veröffentlichte das Bild auf Facebook - wo es mehrere US-Medien entdeckten.

Der TV-Sender CNN fand schließlich heraus, dass ein 47-jähriger Chinese die Nachricht geschrieben hatte. Der Mann sei Falun-Gong-Anhänger und bis 2010 im berüchtigten Masanjia-Straflager im Nordosten Chinas inhaftiert gewesen, berichtete CNN. Dort sollen Häftlinge unter anderem mit Elektrostäben gefoltert und mit Schläuchen zwangsernährt worden sein.

Der 47-Jährige produzierte im Masanjia-Lager jene Styropor-Grabmale, die schließlich in Julie Keiths Wohnzimmer landeten. Während seiner Gefangenschaft schmuggelte er rund zwanzig Nachrichten in die von ihm produzierten Waren - in der Hoffnung, dass jemand sie findet und ihn befreit.

Die geheime Botschaft, die Keith entdeckte, ist nur einer von zahlreichen Belegen, dass in chinesischen Straflagern Waren für den Weltmarkt produziert werden - und dass solche Güter auch in Länder gelangen, die sie eigentlich gar nicht importieren dürften. Zum Beispiel in die USA, deren Bundesrecht die Einfuhr ausdrücklich verbietet.

Die Importeure können oft kaum nachvollziehen, welche Produkte aus Straflagern stammen. Denn die Güter gelangen meist über ein Netz aus Tarnfirmen und Zwischenhändlern ins Ausland.

Im chinesischen Handelsregister waren zur Zeit unserer Recherche zum Beispiel gleich vier Unternehmen unter der Adresse von Xishanping gelistet: Jinxi Jingmao, Kangben Technology, Maoben Gongmao und Xumao Gongmao.

Alle vier Firmen gaben als Geschäftszweck den Handel mit kleinen Elektroteilen an - mit jenen Produkten also, die auch Li, Xie, Sun und Wang Shangcai 2009 bis 2010 in Xishanping herstellen mussten. Ein weiterer Geschäftszweck aller vier Firmen ist der Handel mit Autoteilen - jenen Produkten, die Lis Cousin Wang Shangjin in Xishanping fertigte.

Die vier Unternehmen befanden sich zudem allesamt im Besitz einer einzigen Holding-Firma: der Yong-Zhu-Gruppe. Diese wiederum hatte nur einen einzigen Aktionär: das Komitee zur Umerziehung durch Arbeit der Stadt Chongqing. Im Management der Yong-Zhu-Gruppe saß unter anderem der Leiter von Xishanping.

Komitee zur Umerziehung durch Arbeit Jinxi Jingmao Kangben Maoben Gongmao Xumao Gongmao Y ong-Zhu-Gruppe

Die meisten Regierungen versuchen gar nicht erst, die Einfuhr von Produkten aus Zwangsarbeit zu stoppen. Offizielle Verbote gibt es, neben den USA, nur in wenigen Ländern, zum Beispiel in Kanada und Neuseeland. Die EU dagegen konnte sich bis heute nicht auf ein Importverbot verständigen.

In Deutschland wurden ebenfalls schon Produkte aus Straflagern entdeckt. 2012 etwa erzählte ein ehemaliger Häftling dem SPIEGEL, er habe in einem laojiao im Chongqinger Stadtbezirk Fuling Lichterketten für den Export nach Deutschland hergestellt.

Die Bundesregierung setzt sich nach eigenen Angaben regelmäßig in hochrangigen Gesprächen mit der chinesischen Führung für die Abschaffung der Straflager ein. Erst Mitte November hat Außenminister Heiko Maas die Zustände in der Uiguren-Provinz Xinjiang auch öffentlich thematisiert.

"Mit Umerziehungslagern können wir uns nicht abfinden", sagte der SPD-Politiker zum Auftakt eines zweitägigen Besuchs in Peking. Die chinesische Botschaft in Berlin beklagte daraufhin eine "eklatante Einmischung in die inneren Angelegenheiten und eine grobe Verletzung der Souveränität Chinas".


Der 47-jährige Chinese indes, dessen Brief durch Zufall Julie Keith erreichte, konnte schließlich aus China fliehen. Im Januar 2017 setzte er sich in die indonesische Hauptstadt Jakarta ab und beantragte dort Asyl. Kurz darauf schrieb er Keith eine E-Mail. Nach mehr als vier Jahren erfuhr sie seinen Namen.

Im März 2017 flog Julie Keith nach Jakarta, um Sun Yi zu besuchen. Als sie sich das erste Mal trafen, schenkte sie ihm eines der Styropor-Grabmale.

Die übrigen stellt sie jedes Jahr zu Halloween in ihrem Haus auf. Damit die Menschen, die sie produziert haben, nicht umsonst gelitten haben.



Lesen Sie in Teil 2, was Li, Xie und Sun im Straflager widerfährt.

Lesen Sie in Teil 3, wie das Straflager die Persönlichkeit von Li, Xie und Sun verändert.

Lesen Sie in Teil 4, wie Li, Xie und Sun versuchen, das Trauma von Xishanping zu verarbeiten.

Teil 1: Verhaftet
Teil 2: Folter und Zwangsarbeit
Teil 3: Die Verwandlung
Teil 4: Traumata

DAS TEAM

Konzept
Stefan Schultz

Recherche
Edward Lee
Jannika Schultz
Stefan Schultz

Text
Stefan Schultz

Fotos
Jannika Schultz

Videos
Edward Lee
Stefan Schultz
Jannika Schultz
Bernhard Zand

Animationen
Birk Reddehase

Zeichnungen
Mona Eing
Michael Meißner

Sprecher
Frank Gustavus

Kalligrafien
Edward Lee

Redaktion
Yasmin El-Sharif
Olaf Kanter
Birger Menke
Jens Radü

Dokumentation
Mara Küpper
Rainer Szimm

Rechtsabteilung
Sascha Sajuntz

Schlussredaktion
Christine Sommerschuh
Sebastian Hofer

Fotoredaktion
Nasser Manouchehri
Stephanie Meyer-Stolten

Videoschnitt
Roman Höfner
Aida Marquéz
Stefan Schultz

Grafik
Tobias Lauer
Michael Niestedt
Marcel Pauly
Hanz Sayami
Patrick Stotz

Motion Design
Ferdinand Kuchlmayr
Michael Niestedt

Musik
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Ilan Eshkeri
Stephen Mclaughlin
Risto Miettinen
Andrew Raiher
Debbie Wiseman

Sounddesign
Birk Reddehase
Stefan Schultz

Programmierung
Chris Kurt

Technik
Axel Bolz

Testgruppe
Matthias Kaufmann
Timo Sauer
Stefan Schütt

Übersetzung ins Englische
Chris Cottrell
Charles Hawley
Daryl Lindsey

Übersetzung aus dem Chinesischen
Sebastien Armand
Maximilian Kalkhof
Edward Lee

Zusätzliches Bildmaterial
Getty Images
Julie Keith
Mapbox
Reuters
Xie Sunming
YouTube

Zusätzliches Videomaterial
Li Yiwen
Pu Zhiqiang
Xie Sunming

DAS DUNKLE SYSTEM



WAS BISHER GESCHAH

Der Elektriker Li Yiwen ist ein glühender Anhänger der Kommunistischen Partei. Als die Provinzregierung sein Haus demolieren will und er eine höhere Entschädigung dafür fordert, wird er plötzlich verhaftet. Der jähzornige Lkw-Fahrer Sun Jongdae wird nach einer Prügelei mit korrupten Wachmännern ebenfalls festgesetzt. Auch den Textilfabrikanten Xie Sunming führen Polizisten aus seiner Wohnung ab, nachdem er einen kurzen regierungskritischen Kommentar im Internet veröffentlicht hat. Die drei Männer werden ohne Gerichtsprozess ins Straflager Xishanping gebracht.

Der patriotische Li Yiwen, der jähzornige Sun Yongda und der geschäftstüchtige Xie Sunming sind wegen kleiner Vergehen ins Straflager Xishanping gesteckt worden. Sie lernen sich dort kennen und verbünden sich gegen ihre Aufseher, die sie mit Prügeln, Psychoterror und tagelangem Wasserentzug quälen. Die Sträflinge müssen sechs Tage die Woche in bis zu 16-stündigen Schichten LAN-Anschlüsse löten und bekommen in Gehirnwäscheklassen die Lehren der Kommunistischen Partei eingetrichtert. Als Sun mit dem aggressiven Aufseher He Gang aneinandergerät, eskaliert die Lage.

Die drei Chinesen Li Yiwen, Sun Yongda und Xie Sunming leiden im Straflager Xishanping seit Monaten unter Folter, Gehirnwäsche und Zwangsarbeit. Durch die traumatischen Erlebnisse beginnen sich ihre Persönlichkeiten zu verändern: Der temperamentvolle Sun wird 30 Tage in Einzelhaft gefoltert und verliert den Kontakt zu seinen Gefühlen. Der apolitische Xie entwickelt einen gewaltigen Hass auf die Regierung. Der patriotische Li verliert den Glauben an die Kommunistische Partei. Als die Männer schließlich freikommen, merken sie, dass sie ihr altes Leben nicht mehr weiterleben können.