China Die Kellermenschen von Peking

Peking treibt seine Arbeiter in den Untergrund: Hunderttausende Menschen leben in der chinesischen Hauptstadt in Kellern, weil sie sich eine Wohnung über Souterrain-Niveau nicht leisten können. Spekulanten treiben Immobilienpreise künstlich in die Höhe. 

Von , Peking


Für Dong Ying, 27, ist Peking das Ziel aller Wünsche. Vor zwei Jahren kam die Sportlehrerin aus einer Kleinstadt in der nordöstlichen Provinz Heilongjiang in Chinas Metropole. Hier werde sich, so hoffte sie, ihr Traum von einem interessanten Leben erfüllen.

Seither tingelt sie jeden Tag als Trainerin von Fitnessclub zu Fitnessclub, tanzt, tritt in die Pedale, biegt und krümmt sich und sorgt dafür, dass wohlhabende Städter in Form bleiben. Zuweilen sitzt sie jeden Tag vier Stunden in S- und U-Bahn, um zu ihren Kursen zu kommen.

Rund 3000 Yuan (knapp 350 Euro) verdient sie im Monat, auf diese Summe käme sie bei gleicher Arbeitsleistung in ihrer Heimat nie. Und sie kann das Flair des Hauptstadtlebens genießen. "Ich bin glücklich", sagt die junge Frau in ihrem rosa Nike-Sporthemd. "Ich liebe meine Arbeit und fühle mich frei."

Doch ihr Leben in Peking hat einen schweren Makel. Dong Ying lebt im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund. Denn als Bleibe kann sie sich nur einen winzigen Raum leisten, der sich in der ersten Kelleretage eines Wohnhauses befindet. 52 Euro muss sie dafür jeden Monat bezahlen, fast 15 Prozent ihres Einkommens. Andere Mieter müssen noch tiefer hinab, in die zweite Kelleretage. Dort ist die Miete etwas billiger.

In ihr kahles Zimmer passen gerade mal ein Bett, ein kleiner Schrank und ein Schreibtisch. Toilette und Waschraum befinden sich am Ende des Flures. Wer hier wohnt, muss außerhalb essen, denn Kochstellen sind aus Sicherheitsgründen verboten. Dennoch kann Dong Ying ihrer Lage etwas Gutes abgewinnen. "Die Verwaltung ist okay. Der Flur ist sauber."

Zum Leben in der Tiefe verurteilt

Dong Ying ist eine von Hunderttausenden Zuwanderern, die zum Leben in der Tiefe verurteilt sind: Wanderarbeiter, Jobsucher, Straßenhändler, kurz all jene, die sich eine Bleibe über der Erde nicht leisten können, müssen in den Untergrund.

Dong Yings Verschlag ist einer von rund 100 unter einem modernen Apartmenthaus am äußeren Rand des Pekinger Chaoyang-Bezirks. Während die Bewohner am Eingang nach links und rechts zum Lift gehen, steigen die U-Menschen am Fahrradkeller vorbei hinab in die Tiefe, einen Notausgang gibt es nicht.

Es sind meist nicht die Bewohner der Wohnviertel, die die Not der Zuwanderer ausnutzen, in dem sie ihre Kellerräume vermieten, sondern die Hausverwaltungen: Hart an der Grenze der Vorschriften nutzen sie ungenutzte Gewölbe. Nicht selten funktionieren sie sogar die offiziellen Luftschutzkeller in Wohnräume um - was eigentlich streng verboten ist.

Die Nachfrage nach Kellerräumen dürfte in nächster Zeit sogar noch steigen. Denn die Pekinger Stadtregierung lässt in diesen Wochen in den Außenbezirken Dutzende von Dörfern für neue Wohn- und Geschäftsviertel dem Erdboden gleichmachen.

Dort lebten Tausende von Wanderarbeitern in oft primitiven Unterkünften, die Pekinger nennen sie "Ameisenmenschen". Für die heißt es nun: Sich noch weiter vor den Toren der Stadt eine Bleibe zu suchen oder, näher an der Arbeitsstelle, in Pekings Unterwelt hinabzutauchen.

Eine Stadt, die ihre Arbeiter in die Tiefe treibt

Pekings Funktionäre rühmen sich zwar, dass es in ihrer Stadt keine Slums wie in Nairobi oder Bangkok gibt. Die Viertel aus primitiven Ziegelsteinverschlägen ohne Klo, die einst das Bild vieler Bezirke prägten, verschwinden langsam. Was die Stadtväter aber bislang verschweigen: Das Problem, dass viele Millionen sich keine normale Wohnung leisten können, bleibt unverändert bestehen. So symbolisiert der Wohnungsmarkt der Hauptstadt trefflich den Zustand des kommunistischen China: Es ist eine Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht.

Im Schnitt kosten Domizile in Peking 350 Euro Miete - so viel, wie Dong Ying im Monat verdient. Und die Preise steigen: Anfang des Jahres mussten Mieter noch 314 Euro Miete zahlen, zu Beginn des vorigen Jahres waren es nur rund 266 Euro.

Ein Grund für die hohen Preise: Das Angebot ist kleiner als die Nachfrage. In Peking gibt es nur verhältnismäßig wenige Mietwohnungen, über zwei Drittel des Bestands sind Eigentumswohnungen, von denen ein großer Teil einst von Behörden und Fabriken billig an die Mitarbeiter verkauft wurde.

Ein sozialer Wohnungsbau steckt in den Anfängen. Im vorigen Jahr zum Beispiel wurden nur 8000 Mietwohnungen für Pekinger mit kleinem Einkommen errichtet, in diesem Jahr sollen es 10.000 werden.

Quadratmeterpreise schießen in den Himmel

Ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber auch wer das Geld für ein eigenes Heim besitzt, hat derzeit schlechte Karten. Obwohl in Windeseile allenthalben neue Wohnviertel entstehen und damit das Angebot wächst, schossen die Preise in den letzten Monaten in den Himmel, 2546 Euro kostet derzeit im Schnitt ein Quadratmeter.

Denn viele Domizile sind für reiche Chinesen, etwa die Kohlebarone aus der Provinz Shanxi, wie Aktien oder Gold reine Spekulationsobjekte. Sie denken nicht daran, sie zu vermieten, sondern setzen auf steigende Preise, um sie wieder mit Gewinn zu verkaufen.

Längst sprechen Experten von einer Immobilienblase, die zu platzen droht. Weil der Unmut unter jenen Bürgern wächst, die zwar gut verdienen, sich aber dennoch keine eigene Wohnung leisten können, versucht die Regierung, die Spekulation mit neuen Regeln und Steuern zu erschweren.

Von einer Eigentumswohnung ist Wang Xueping, 30, Lichtjahre entfernt. Im Haus neun der Wohnanlage Jiqing Li im Zentrum der Stadt versucht sie, den Kinderwagen aus dem Souterrain zu schieben. Vor zwei Monaten zog sie mit ihrem Baby aus der Provinz Jilin zu ihrem Mann, der seit drei Jahren in Peking Taxi fährt.

Nun wohnen sie alle drei in einem zehn Quadratmeter großen Kellerraum. "Hauptsache, wir können alle zusammen wie eine Familie leben", sagt Wang.

Die Fitness-Trainerin Dong Ying hatte vor wenigen Tagen Glück. Sie konnte in ihrem Keller umziehen - in einen Raum, in den durch einen Schacht von oben ein wenig Tageslicht dringt. Und sie hat einen neuen Freund. Der hat sich gerade eine Eigentumswohnung gekauft. Wenn sie heiraten, hat ihr Leben unter Tage ein Ende.



insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
sandro_c 20.12.2010
1. Nur in Peking?
Zitat von sysopPeking treibt seine Arbeiter in den Untergrund: Hunderttausende Menschen leben in*der chinesischen*Hauptstadt in Kellern, weil sie sich eine Wohnung über Souterrain-Niveau nicht leisten können. Spekulanten treiben Immobilienpreise künstlich in die Höhe.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,733743,00.html
Man gehe z.B. mal am Abend durch München-Schwabing. Viele Keller sind dort bewohnt - vermutlich nicht nur von Arbeitern. Heinrich Zille hätte seine Freude in Anbetracht der neuen Motive ...
Dschinny, 20.12.2010
2. na und?
350 Eur ist für Studentenbuden auch in Deutschland ein durchaus gängiger Preis. Ich gebe jedenfalls deutlich mehr als 15% meines Einkommens für Miete aus.
franksterling 20.12.2010
3. -
was ist daran so schlimm. ich lebe in london. das ist hier standard. mit dem wirtschaftsboom in china musste es ja irgendwann mal soweit kommen. mit geld kommen eben auch probleme.
durchfluss 20.12.2010
4. Ehrlich
Zitat von Dschinny350 Eur ist für Studentenbuden auch in Deutschland ein durchaus gängiger Preis. Ich gebe jedenfalls deutlich mehr als 15% meines Einkommens für Miete aus.
Nach diesem Kommentar kann ich kaum glauben, dass Sie studieren. 350€ ist für die Frau im Artikel 100% ihres Einkommens.
fkrone 20.12.2010
5. Nun ja
Zitat von sysopPeking treibt seine Arbeiter in den Untergrund: Hunderttausende Menschen leben in*der chinesischen*Hauptstadt in Kellern, weil sie sich eine Wohnung über Souterrain-Niveau nicht leisten können. Spekulanten treiben Immobilienpreise künstlich in die Höhe.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,733743,00.html
Ich frage mich allen Ernstes, was uns Mietprobleme in China angehen, wenn man doch im eigenen Land (Deutschland) genügend Skandale und Probleme hat, die man angehen sollte? Nur ein "gesundes" Land, kann auch Teil einer großeren Staatenverbundes sein. Derzeit schwächeln so manche Euroländer, weshalb es mehr denn je notwendig ist, hier alles gerade zu ziehen!
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