Szenarien-Analyse Handelskrieg mit China würde sechsmal teurer als Brexit

Deutsche Unternehmen rechnen damit, dass sich der Konflikt zwischen China und Taiwan noch verschärft – und fürchten die Konsequenzen. Einer Ifo-Studie zufolge wäre zuerst die Autoindustrie betroffen.
Autoproduktion in Zwickau: »Die Globalisierung macht uns ärmer«

Autoproduktion in Zwickau: »Die Globalisierung macht uns ärmer«

Foto: Jan Woitas / dpa

Der Brexit war teuer für Deutschland – ein Handelskrieg mit China könnte einer Untersuchung des Ifo-Infstituts zufolge fast sechsmal so teuer werden. Besonders betroffen wäre die Automobilindustrie, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Hier würde es einen Wertschöpfungsverlust von rund 8,5 Prozent oder 8,306 Milliarden Dollar geben. Auch Unternehmen, die Transportausrüstung herstellen und Maschinenbauer wären demnach stark betroffen.

Die deutsche Wirtschaft befürchtet eine weitere Verschärfung des Konfliktes zwischen ihrem wichtigsten Handelspartner China und Taiwan. Die Volksrepublik hat nach einem Besuch der US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi seit Donnerstag Militärübungen nahe der von ihr beanspruchten Insel abgehalten. Daher werden Stimmen lauter, dass sich Deutschland von China nicht ähnlich abhängig machen dürfe wie von russischem Gas. China ist der mit Abstand wichtigste deutsche Handelspartner: 2021 wurden zwischen beiden Ländern Waren im Wert von rund 245 Milliarden Euro ausgetauscht.

»Unternehmen sollten sich nicht ohne Not von wichtigen Handelspartnern abwenden.«

»Die Globalisierung macht uns ärmer«, sagte die Mitautorin der Ifo-Studie, Lisandra Flach. »Unternehmen sollten sich nicht ohne Not von wichtigen Handelspartnern abwenden, sondern parallel auf Vorleistungen aus anderen Ländern setzen, um einseitige und kritische Abhängigkeiten von bestimmten Märkten und autoritären Regimes zu verringern.«

Wenn Deutschland als Exportnation sein Geschäftsmodell neu ausrichten wolle, sei die Nationalisierung von Lieferketten keine Lösung, die der Wirtschaft helfe, so das Ifo-Institut. »Vielversprechender ist es, strategische Partnerschaften und Freihandelsabkommen mit gleich gesinnten Nationen wie den USA zu schließen«, sagte Mitautor Florian Dorn. »Das sollte das Ziel der deutschen und europäischen Wirtschaftspolitik sein.«

Die Ifo-Forscherinnen und -Forscher haben in ihrer Studie fünf Szenarien simuliert – unter anderem auch eine Entkopplung der westlichen Länder von China, kombiniert mit einem Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. Das Handelsabkommen zwischen der EU und den USA könnte die negativen Auswirkungen der Entkopplung des Westens von China auf die deutsche und US-Wirtschaft abfedern, sie aber nicht vollständig ausgleichen. Durch die erwarteten Gewinne in der Handelsbeziehung mit den USA würden die Kosten netto auf einem ähnlichen Niveau liegen wie die erwarteten Kosten des Brexits.

Eine wirtschaftliche Abkopplung von China und anderen autoritären Staaten würde für Deutschland nach Einschätzung des Ifo-Instituts große Wohlstandsverluste bedeuten. Einerseits würden Absatzmärkte wegbrechen, andererseits würden sich Vorprodukte und Rohstoffe für die deutsche Industrie verteuern, schreiben die Münchner Ökonomen in einem unter Federführung von Ifo-Präsident Clemens Fuest veröffentlichten Papier. Zuvor hatte die »Süddeutsche Zeitung« berichtet. 

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Allein eine wechselseitige Abkopplung der EU von China würde die deutsche Industrie demnach sehr hart treffen und deren Wettbewerbsfähigkeit sinken lassen, insbesondere Autohersteller und den Maschinenbau. Höhere Einfuhrzölle und andere Handelshemmnisse auf beiden Seiten würden laut Ifo-Berechnung das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,81 Prozent sinken lassen, also einen beträchtlichen Anteil des gesamten Wirtschaftswachstums kosten. Zudem betonen die Ifo-Forscher, dass das nur die Untergrenzen der zu erwartenden Verluste seien. Profitieren würden demnach nur vergleichsweise kleine Bereiche wie die Textilindustrie.

»Die Deglobalisierung könnte nicht nur zu erhöhter Arbeitslosigkeit und geringerem Wachstum führen, sondern letztlich auch die politische Stabilität des Landes gefährden«, warnen die Autorinnen und Autoren in dem Papier. Das Ifo-Institut empfiehlt eine Reduzierung einseitiger Abhängigkeiten und eine Diversifizierung der Lieferketten.

ani/Reuters
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