Sorge vor Wirtschaftskrise in China Präsident Xi mahnt zur Geduld – und keilt gegen den Westen

Chinas Wachstum ist schwach, im Bausektor gibt es große Probleme: Staatschef Xi fordert die Bürger zum Zusammenhalt auf und schreibt zugleich westlichen Ländern Schwierigkeiten zu.
Chinas Präsident Xi Jinping: Kritik am Westen

Chinas Präsident Xi Jinping: Kritik am Westen

Foto: Florence Lo / REUTERS

Massive wirtschaftliche Probleme machen der chinesischen Regierung zu schaffen. Das Wachstum der Industrie hat an Schwung verloren, die Bürger sparen, und der wichtige Bausektor schwächelt. Die Kommunistische Partei versucht, den Einbruch einzudämmen. Nun wurde zudem eine Rede des chinesischen Staatschefs Xi Jinping veröffentlicht.

»Wir müssen eine historische Geduld bewahren und darauf bestehen, stetige, schrittweise Fortschritte zu machen«, sagte Xi demnach. Seine Rede wurde von »Qiushi«, der wichtigsten theoretischen Zeitschrift der Partei, veröffentlicht. Demnach handelt es sich um eine Ansprache aus dem Februar in der südwestlichen Stadt Chongqing. Es ist durchaus üblich, dass die Zeitschrift Reden erst nach Monaten veröffentlicht.

Aktuelle Daten zeigen, dass die Industrieproduktion sich verlangsamt und die Einzelhandelsumsätze hinter den Prognosen zurückbleiben – obwohl die Regierung gegensteuert.

Xi rief China dazu auf, »eine sozialistische Ideologie mit starkem Zusammenhalt aufzubauen«. Er nannte langfristige Ziele wie die Verbesserung der Bildung, der Gesundheitsversorgung und der Lebensmittelversorgung für die 1,4 Milliarden Menschen in China.

Zugleich warnte er davor, nur kurzfristigen materiellen Wohlstand zu verfolgen. Gemeinsamer Wohlstand für alle Menschen sei ein wesentliches Merkmal der Modernisierung im chinesischen Stil und unterscheide sie von der westlichen Modernisierung, sagte Xi.

Die Modernisierung westlicher Prägung »verfolgt die Maximierung von Kapitalinteressen, anstatt den Interessen der großen Mehrheit der Menschen zu dienen«, sagte er. »Heute befinden sich die westlichen Länder zunehmend in Schwierigkeiten«, sagte Xi. »Sie können die Gier des Kapitals nicht zügeln und chronische Krankheiten wie Materialismus und geistige Armut nicht lösen.«

Allerdings steckt China selbst in handfesten Schwierigkeiten. Akut betroffen ist die wichtige Baubranche. Der chinesische Immobilienkonzern Country Garden ist von der Pleite bedroht. Das Unternehmen konnte zwei fällige Zinszahlungen für Kredite nicht leisten. Ihm bleibt eine Frist von 30 Tagen, andernfalls droht im September die Insolvenz.

Chinas Regierung versucht, verunsicherte Hauskäufer zu beruhigen. Man werde die Schulden unter Kontrolle bringen, sagte ein Regierungssprecher. Country Garden hatte mitgeteilt, man werde »die Regierung und die Aufsichtsbehörden um Rat und Unterstützung bitten«.

Die Behörden haben sich noch nicht dazu geäußert, ob das Unternehmen ein so großes Risiko darstellt, dass die Aufsichtsbehörden in die Umstrukturierung eingreifen oder Bauprojekte übernehmen könnten.

Der Immobiliensektor hat Chinas Wirtschaftsboom vorangetrieben, aber die Bauträger haben sich stark verschuldet. Die Baubranche muss unter dem Druck der regierenden Kommunistischen Partei ihre hohen Schulden abbauen, die als wirtschaftliche Bedrohung angesehen werden. Dies hat Hunderte von kleinen Bauträgern in den Ruin getrieben und das Wirtschaftswachstum Chinas gebremst.

Die Probleme von Country Garden erinnern an den Fall der Evergrande Group. Dieser Immobilienkonzern war ebenfalls in Schwierigkeiten geraten. Die Befürchtung eines möglichen Zahlungsausfalls von Evergrande im Jahr 2021 erschütterte die Weltmärkte, beruhigte sich jedoch, nachdem die chinesische Zentralbank erklärte, die Probleme des Unternehmens seien eingedämmt und Peking werde die Kreditmärkte am Laufen halten.

Expertin warnt vor Kernschmelze in China

Es gebe aktuell keine Anzeichen dafür, dass sich die Probleme von Country Garden über China hinaus ausbreiten könnten, da das chinesische Finanzsystem von den globalen Kapitalströmen abgeschottet sei, hieß es von Experten.

Im Ausland dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten, schrieb Jennifer McKeown vom Beratungsunternehmen Capital Economics. Ausländische Investoren hätten sich nach früheren Ausfällen aus dem chinesischen Immobilienmarkt zurückgezogen. Aber die Regierung solle eingreifen, um eine Kernschmelze in China zu verhindern, schrieb McKeown.

Die Probleme in Chinas Immobiliensektor führen zu einem Teufelskreis, da verunsicherte Haushalte Wohnungsbau, Autokäufe und andere große Anschaffungen aufschieben, was wiederum die Wirtschaftstätigkeit weiter dämpft.

Mischkonzern Zhongzhi schließt Pleite nicht aus

Auch auf die chinesische Finanzbranche hat die Immobilienkrise Auswirkungen. So wird beim chinesischen Konglomerat Zhongzhi das Geld knapp. Das Unternehmen aus Peking räumte Liquiditätsschwierigkeiten ein, wie aus dem Videomitschnitt eines Treffens mit Investoren hervorgeht.

Zhongzhi plant nun eine Umschuldung und sucht strategische Investoren. Dazu hat das Unternehmen laut dem Video eine der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften angeheuert, die die Bilanzen unter die Lupe nehmen soll.

Zu dem Konzern gehört auch der in Schieflage geratene Treuhandfondsanbieter Zhongrong. Dieser leidet unter der Immobilienkrise und hatte seit Ende Juli laut Anlegern die Fristen für Zahlungen auf Dutzende von Investmentprodukten verstreichen lassen.

Zhongzhi war für eine Stellungnahme zu dem Video zunächst nicht erreichbar. Das Konglomerat ist in zahlreichen Geschäften aktiv – vom Bergbau bis zur Vermögensverwaltung – und ist in mehrfacher Hinsicht vom schwächelnden Immobilienmarkt abhängig.

Die Prüfer hätten bereits im Juli mit ihrer Arbeit begonnen, erklärte das Zhongzhi-Management bei dem Investorentreffen.

Man könne nicht wissen, ob das Unternehmen Insolvenz anmelden müsse, bevor sie die Prüfung der Bilanzen abgeschlossen hätten. Ziel sei eine geordnete Rettung aus eigener Kraft, auch eine Pleite sei aber möglich. Wie hoch die Schuldenlast ist, um die es bei der Sanierung geht, ließen die Zhongzhi-Manager offen.

Es wäre nicht der erste große chinesische Mischkonzern, der in Schieflage gerät: Der Versicherer Anbang und die HNA Group waren ebenfalls zusammengebrochen.

mmq/AP/Reuters

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