Chinas Wirtschaft Der schlimmste Absturz seit der Kulturrevolution

Die Wirtschaft in China ist zum Jahresbeginn drastisch eingebrochen - doch in aller Tristesse sehen Ökonomen erste Hoffnungszeichen, die auch für Deutschland extrem wichtig sein könnten.
Arbeiter in China: Die Produktion ist wieder angelaufen - aber gibt es auch genügend Abnehmer?

Arbeiter in China: Die Produktion ist wieder angelaufen - aber gibt es auch genügend Abnehmer?

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Yao Jianfeng/ AP

Als die Zeiten noch normal waren und das Nationale Statistikamt der Volksrepublik China seine Wachstumsraten veröffentlichte, achteten Experten nur noch auf die Stelle nach der obligatorischen Sechs vor dem Komma. Schon 0,1 Prozent mehr oder weniger als im Vorquartal galten als Signal für Auf- oder Abschwung, in den Augen vieler Ökonomen war die Statistik ohnehin frisiert

Umso bemerkenswerter ist die Zahl, die das Amt diesen Freitag bekannt gegeben hat: minus 6,8 Prozent. So stark soll die Wirtschaftsleistung von Deutschlands wichtigstem Handelspartner in den ersten drei Monaten dieses Jahres geschrumpft sein, gegenüber demselben Zeitraum 2019. Im Vergleich zum letzten Quartal 2019 ging es sogar um fast zehn Prozent abwärts. Das hat es seit 1976 nicht mehr gegeben, dem letzten Jahr der desaströsen Kulturrevolution. 

Damit ist es offiziell: Das Coronavirus hat die Wachstumsmaschine der Weltwirtschaft lahmgelegt. Chinas Zahlen lassen erahnen, was den Staaten des Westens bevorsteht, die noch im Lockdown gefangen sind. Trotzdem schöpfen manche Beobachter Hoffnung aus diesen Daten. Weil sie im Detail nicht so katastrophal ausgefallen sind, wie befürchtet wurde. 

Insbesondere die Werte für März sind erstaunlich gut. So lag die Industrieproduktion in jenem Monat laut Statistik nur um 1,1 Prozent niedriger als im März 2019. Nach einem Einbruch von 13,5 Prozent im Januar und Februar zeigt die Kurve der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde nun wieder steil nach oben. 

Das nährt die Hoffnung auf ein V, also einen ebenso steilen Wiederaufstieg nach dem Absturz. Das ist die Wunschvorstellung von Wirtschaftslenkern und Politikern rund um den Globus. Es würde bedeuten: Die Wirtschaft kommt nur kurz aus dem Tritt und läuft dann wieder normal. Ohne allzu gravierende Folgen für Wohlstand und Arbeitsplätze. 

Kein Zeichen für eine dauerhafte Kehrtwende

"Die gute Nachricht ist da: Chinas Wirtschaft hat sich erholt. Die Zahlen zur Industrieproduktion machen es sichtbar", sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Aus einigen Branchen vermeldet die Statistikbehörde sogar ein deutliches Plus: So sei die Erzeugung von Computern, Kommunikations- und Elektronikausrüstung im März um fast zehn Prozent höher als im Vorjahresmonat gewesen, die von Industrierobotern sogar um knapp 13 Prozent. Auch die Metallschmelzen und der Eisenbahnbau verzeichneten Wachstum. Und der nationale Erdölverbrauch, ein Gradmesser für die Wirtschaftsaktivität, war laut amtlichen Daten nur noch 0,1 Prozent niedriger als im März 2019. 

Kriegt China nun die V-Kurve? Und zieht es dann Deutschland und andere Handelspartner wieder mit nach oben, wie schon nach der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009? Der Chefökonom des Berliner Mercator-Instituts für Chinastudien bezweifelt das. "Es ist verfrüht, von einem Trend zur Normalisierung zu sprechen", sagt Max J. Zenglein. Aus den Daten seien noch keine Anzeichen für eine dauerhafte Kehrtwende zu erkennen. Und die Gefahr eines neuen Rückschlags sei noch lange nicht gebannt. 

Beispiele hierfür seien die Schlüsselbranchen IT und Elektronik. Zwar seien die Daten aus Peking plausibel, sagt Zenglein. "Aber ich bezweifle, dass dieses Wachstum nachhaltig ist. Diese Sektoren sind stark von der globalen Nachfrage abhängig." Und die ist in den vergangenen Wochen massiv abgeflaut - nun, da sich Abnehmer in Europa und Amerika im Lockdown befinden. 

Logistiker befürchten, dass Container aus China, die demnächst in den Häfen des Westens ankommen werden, sich erst mal in den Lagern stapeln werden. Und dann wird nichts weniger gebraucht als Nachschub aus China. "Die Nachwehen dieser Krise haben sich noch gar nicht richtig entfaltet", sagt Zenglein. 

Hinzu kommt: Selbst in der Volksrepublik, deren Führung den Sieg über das Virus auf nationaler Ebene propagiert, ist das Verbrauchervertrauen am Boden. Der Handel setzte auf dem heimischen Markt in diesem März fast 16 Prozent weniger Konsumgüter ab als ein Jahr zuvor. In der Automobilindustrie betrug das Minus mehr als 30 Prozent. Solange viele Schulen geschlossen seien, werde die Verunsicherung anhalten, meint Zenglein. Er sieht China "weiterhin im Krisenmodus." 

Auch Commerzbank-Ökonom Krämer erwartet keine schnelle Rückkehr des Wachstumswunders. "China kam früher in die Coronakrise herein und kommt auch früher wieder heraus. Aber die internationalen Produktionsketten sind aus dem Takt geraten". Und das werde auf die Volksrepublik zurückschlagen. 

"Wir werden in China keinen V-förmigen Aufschwung sehen", prognostiziert Krämer. Immerhin aber gebe es für die deutsche Exportindustrie nun "ein Zeichen der Hoffnung". Während in den USA und Europa die Corona-Rezession gerade erst beginnt, hat die Kundschaft in Fernost das Allerschlimmste vielleicht schon hinter sich.