Chinas Energiemisere Stromnot in der Weltwerkstatt

Weil Chinas Führung soziale Spannungen fürchtet, hat die Regierung dem Riesenreich ein ambitioniertes Wachstumsprogramm verordnet. Doch Energieengpässe bedrohen den Aufschwung. Verzweifelt sucht die Volksrepublik nach Auswegen – und schafft sich dabei neue Probleme.

Von , Shanghai


Shanghai - Die Altstadt von Fengdu gleicht einem Steinbruch. Arbeiter klettern in den Ruinen herum und bearbeiten die Wände mit Hämmern und Brechstangen. Was die Trümmertruppe noch für verwertbar hält, stapelt sie am Rande der Geisterstadt. Dort türmen sich Türrahmen und Fenster.



Vor drei Jahren war Fengdu noch eine von vielen Kommunen an den Ufern von Chinas größtem Fluss, dem Jangtse. 50.000 Menschen wohnten hier. Die Regierung hat die Einwohner jedoch größtenteils umgesiedelt in eine brandneue Retortenstadt am gegenüberliegenden Ufer. Das alte Fengdu dagegen wird bald in den Fluten versinken.

Der Pegel des Jangtse steigt, weil China flussabwärts eines der größten Wasserkraftwerke der Welt baut. Mit dem Drei-Schluchten-Damm hat die Volksrepublik bewiesen, dass sie weder Kosten noch Mühen scheut, wenn es um Energie geht. In der dunstigen Herbstluft lassen sich die Dimensionen des Beton-Monsters kaum erahnen.

Klar ist allerdings, dass die Verantwortlichen einen ganzen Landstrich für die Talsperre opfern. Wenn der Drei-Schluchten-Damm 2009 endgültig fertig ist, wird der Wasserstand bei 175 Metern über Null liegen. Im Schnitt erhöht sich die Wassertiefe in dem 600 Kilometer langen Stausee um 70 Meter. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen müssen bis dahin ihre Häuser verlassen haben und in höher liegende Gebiete umziehen. 140 Städte, mehr als 300 Dörfer und 657 Fabriken werden untergehen.

Angaben über die Gesamtkosten schwanken. Hieß es zunächst, der Damm schlage mit 25 Milliarden Dollar zu Buche, gehen Beobachter nun von bis zu 75 Milliarden Dollar aus. Dass die Chinesen den Bau dennoch feiern wie eine zweite Große Mauer, hängt auch mit der Energieleistung des Wasserkraftwerks zusammen. Nach Angabe der Projektleitung sollen die insgesamt 26 Turbinen soviel Strom liefern wie 16 Atomkraftwerke.

Hunger nach Energie

Energie ist die Nahrung für Chinas Boomwirtschaft und diese Nahrung wird knapp. Schon klagen Unternehmen über Stromausfälle. Fabriken in den Megastädten Shanghai und Peking arbeiten im Sommer nur nachts, weil am Tage Millionen von Klimaanlagen die Räume kühlen und das Netz zusammenbricht. Die veralteten Kohlekraftwerke können den Bedarf kaum decken. Gab es 2003 landesweit in 21 Provinzen Abschaltungen, waren es 2004 schon 24 Provinzen.

Ohne Energie kann China seine Wachstumsziele nicht erfüllen - mit möglicherweise dramatischen Folgen für das Riesenreich. Schon jetzt ziehen mehrere 100 Millionen Bauern vom verarmten Land auf der Suche nach einer Zukunft in die Städte. Die gigantische Wanderbewegung verunsichert den Staatsapparat. Im Frühjahr warnte Ministerpräsident Wen Jiabao vor einer Gefahr für Stabilität und den sozialen Frieden im Land. Tatsächlich hat es nach Regierungsangaben 2004 rund 70.000 teilweise gewalttätige Vorfälle in Folge von sozialen Spannungen gegeben.

Die Regierung hat reagiert. Unter dem Motto "Bescheidener Wohlstand für alle" hat sich China ein Programm zur Verbesserung des Lebensstandards verordnet. Peking will die Landflucht eindämmen und das Wachstum der Städte unter Kontrolle bekommen. Bis 2020 soll das Pro-Kopf-Einkommen von derzeit knapp 1000 Dollar auf 3000 Dollar steigen. Um das Ziel zu erreichen muss China das Bruttoinlandsprodukt bis dahin vervierfachen, was im Schnitt einer Zunahme von jährlich sieben Prozent entspricht.

Doch der Plan droht an Stromausfällen und veralteten Kraftwerken zu scheitern. China muss dringend die marode Energieinfrastruktur modernisieren. Ansonsten sind die Wachstumsvorgaben kaum einzuhalten. Jüngst hat die Regierung erklärt, dabei vermehrt auf erneuerbare Energien zu setzen. Und darunter versteht Peking vor allem Wasserkraft.

Botschafter der Wasserkraft

So etwas hört Si Zefu gerne. Der Manager steht an der Spitze von Dongfang, einem von Chinas größten Kraftwerksausrüstern. Selbstredend arbeitet der Staatskonzern auch beim Drei-Schluchten-Damm mit. Dongfang liefert unter anderem einen Teil der Turbinen. Mit seiner geschliffenen Rhetorik und dem Dauerlächeln könnte Si auch als Chinas Botschafter in Sachen Staudammbau arbeiten. Auf die ritualisierten Interviewrunden der Altkader mit vorher abgesprochenen Fragen verzichtet er. Stattdessen schwärmt er vom Potential der Wasserkraft.

Dongfang-Chef Si: "In der Wasserkraft liegt unsere Zukunft"
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Dongfang-Chef Si: "In der Wasserkraft liegt unsere Zukunft"

Derzeit liegt der Anteil der Stromerzeugung aus Wasserkraftwerken zwischen 15 und 18 Prozent. Der Dongfang-Chef erwartet eine deutlich höhere Quote und entsprechend mehr Staumauern. Schon jetzt sind seine Auftragsbücher bis 2009 gefüllt. "In der Wasserkraft liegt unsere Zukunft", erklärt Si. Alternativen sieht er nur wenige, obwohl die Folgen jedes neuen Staudamms für Menschen und Umwelt gravierend sind. Atomkraft? Zu kompliziert in Planung und Bau. Energie einsparen? "Wenn wir so reich werden wollen wie Deutschland, reicht das nicht." Vor allem aber will er den Anteil an fossiler Energiegewinnung verringern: "Wir müssen die Zahl der Kohlekraftwerke reduzieren. Kohlevorkommen sind begrenzt und die Umweltbelastungen sind zu hoch."

Tatsächlich ist die Abhängigkeit von Kohle für China und den Rest der Welt ein Riesenproblem. Rund 70 Prozent tragen Kohlekraftwerke zur Stromerzeugung bei. Dabei gelten viele Anlagen als veraltet und ineffizient. In großen Mengen pusten sie Schwefeldioxid, Stickoxide und das Treibhausgas Kohlendioxid in die Atmosphäre. Schon heute ist die Volksrepublik der weltweit größte Emittent von SO2, bei CO2 liegt China noch auf Platz zwei hinter den USA. Allerdings wird die Volksrepublik bald auch hier die Spitzenposition einnehmen. Sollte das Land sein Wachstumsziel vom "Bescheidenen Wohlstand" erreichen, wird sich der Kohlendioxidausstoß mehr als verdoppeln.

Wie schlecht es immer noch um Chinas Kraftwerke steht, lässt sich jedes Jahr im Herbst beobachten. Bis dahin bleibt der Himmel über den großen Städten klar. Doch sobald die Heizperiode einsetzt, ist es vorbei mit der schönen Aussicht. Binnen weniger Tage wölben sich dicke Smogglocken über den Metropolen.

Goldgrube für Kraftwerksbauer

China versucht nun, das Problem in den Griff zu bekommen - auch mit deutscher Hilfe. Siemens beispielsweise beteiligt sich an zahlreichen Modernisierungsprojekten und Neubauten von Kraftwerken. "Was hier entsteht, ist der neueste Stand der Technik", schwärmt Lutz Kahlbau, Statthalter der Siemens-Kraftwerkssparte in China.

Siemens-Generatoren in Waigaoqiao: Goldfischteich am Eingang
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Siemens-Generatoren in Waigaoqiao: Goldfischteich am Eingang

Sein aktuelles Projekt ist der Ausbau des Kohlekraftwerks Waigaoqiao bei Shanghai. Geplant sind zwei neue Blöcke mit einer Gesamtleistung von 2000 Megawatt. Stolz präsentiert der hoch gewachsene Manager die Anlage. Mit den dreckschleudernden Braunkohlekraftwerken sozialistischer Prägung hat Waigaoqiao wenig gemein. Dicke Qualmwolken sind nicht in Sicht, im Kunstteich auf dem Vorplatz schwimmen Goldfische im klaren Wasser und auf den Generatoren in der blankgeputzten Maschinenhalle prangt gut sichtbar das Siemens-Logo.

Das Potential für den Münchener Konzern in China ist riesig. 50 Prozent der Kohlekraftwerke sind entweder zu alt oder zu klein, schätzt Kahlbau. Die Regierung will die alten Anlagen durch moderne Großkraftwerke ersetzen. Bei einer Gesamtleistung von 500 Gigawatt mag der Siemens-Mann nicht schätzen, wie lange das dauern wird. Auf jeden Fall sind die Chinesen auf ausländische Hilfe angewiesen und begierig, vom Westen zu lernen. "Knowhow-Transfer ist bei Kraftwerksprojekten in China Pflicht. Die Behörden haben ein sehr genaues Gespür dafür, was sie an neuem Wissen bekommen können", berichtet Kahlbau.

Chinas grünes Gewissen warnt vor Staudämmen

In China jemanden zu treffen, der den Wachstumswahn insgesamt hinterfragt, ist nicht leicht. Fündig wird man im Zentrum von Peking, in einem vollgestellten Büro hinter der Mittelschule Nummer 65. Hier residiert die Umweltschutzorganisation "Friends of Nature". An ihrer Spitze steht Liang Congjie, der so etwas ist wie das grüne Gewissen der Volksrepublik. "China ist sehr stolz darauf, die Werkstatt der Welt zu sein. Dabei sind wir die Küche und müssen das schmutzige Geschirr abwaschen", kritisiert der über 70-Jährige die Haltung seiner Landsleute.

Umweltschützer Liang: "Wir sind die Küche"
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Umweltschützer Liang: "Wir sind die Küche"

Liang zeigt wenig Verständnis für den ungehemmten Ausbau der Kraftwerkskapazitäten: "Wir müssen der Regierung erklären, dass diese Strategie nicht weit reichen wird. Sie zerstört unsere Zukunft." Stattdessen forderte er mehr Maßnahmen zum Einsparen von Energie. Dabei sieht der "Friends of Nature"-Chef auch den Westen in der Pflicht. "Ich hoffe, dass uns Europa mehr Technik im Umweltbereich anbietet. Der Transfer muss unkomplizierter und billiger werden."

Dass die chinesische Regierung zusehends auch erneuerbare Energie wie Wasserkraft entdeckt und deren Ausbau versprochen hat, kann Liang die Skepsis nicht nehmen. "Man wird abwarten müssen, ob sie ihre Zusage einhalten", sagt der Naturschützer. Überdies sieht er gerade in den ambitionierten Dammprojekten neuen sozialen Sprengstoff. "Bald wird jeder Fluss in China eine Staumauer haben. Viele Bauern werden ihr Land an das Wasser verlieren." Möglicherweise, so Liangs Befürchtung, wird China mit seinen ambitionierten Energieprojekten eben jene Unruhen heraufbeschwören, die das Land mit aller Kraft verhindern will.



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