Chinesische Bürokratie Kafka in der Bank

Harvard-Abschluss, Armani-Anzug - Chinas Banker geben sich alle Mühe, modern zu erscheinen. Doch hinter den Fassaden lebt der bürokratische Muff des KP-Staats weiter. Das erfährt man spätestens, wenn man ein Konto ummeldet - wie unser Reporter Andreas Lorenz.


Peking - Es ist noch gar nicht so lange her: Anfang der neunziger Jahre mussten sich Ausländer, die von ihrem Pekinger Konto Geld abholen wollten, in das ehrwürdige Gebäude der chinesischen Staatsbank am Platz des Himmlischen Friedens begeben. Dort saßen mindestens zehn Bankangestellte hinter einem Tresen um einen langen Tisch und bearbeiteten den Vorgang. Das Formular wanderte von einem zum anderen, mit jedem Wechsel kamen ein neues Papier, ein neuer Stempel und eine weitere Unterschrift hinzu.

Banker beim Geldzählen: Lange Verhandlungen zwischen Schalter 31 und 32
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Banker beim Geldzählen: Lange Verhandlungen zwischen Schalter 31 und 32

Dann folgte der Höhepunkt, auf den jeder Kunde freudig wartete: Wie ein Geschoss flog das Formularbündel zu einem anderen Tisch in der Tiefe der Halle. Dort fingerte jemand die Geldscheine aus einer Schublade und warf den Packen zurück. Dann setzte sich die Prozedur fort. Formulare und Geld wanderten von Hand zu Hand. Es wurde gezählt: zwei Mal, drei Mal - bis der Kunde die Summe endlich in Empfang nehmen konnte.

Etwas Gemütliches haftete diesem Geschehen an. Es war genau so, wie man sich eine sozialistische Bank vorstellte. Zum Frühjahrsfest überreichten die Kunden den mitunter sehr hübschen Kassiererinnen kleine Aufmerksamkeiten. Schneller wurde der Service dadurch nicht.

Harvard und Armani

15 Jahre später ist China eine aufstrebende Wirtschaftsmacht. Die Filiale im Zentrum Pekings existiert noch, aber Ausländer dürfen auch anderswo ihre Konten führen. Computer haben die pekuniären Wurfgeschosse ersetzt.

Chinas vier große Staatsbanken setzen zum Sprung in die Welt an, sie drängen an internationale Börsen. Ihre Manager vermitteln den Eindruck von Kompetenz und Effizienz. Sie tragen Armani-Anzüge, haben in Harvard studiert, jonglieren mit Fonds und Derivaten. Die Bank of China besitzt Filialen in den Finanzmetropolen der Welt.

Gleichzeitig drängen ausländische Geldhäuser ins Reich der Mitte, angelockt von der Hoffnung auf Zugang zum riesigen Privatkunden-Markt. Sie stecken viel Geld in Chinas Finanzinstitute. In die Bank of China hat sich zum Beispiel jüngst ein Konsortium unter der Königlichen Bank von Schottland eingekauft. Die Schweizer UBS Chart zeigen erwarb ebenfalls Anteile für 500 Millionen US-Dollar.

Wissen die Investoren, worauf sie sich einlassen? Haben sie jemals erwogen, dass der Schein trügen könnte? Nicht nur, dass sie kaum Mitspracherecht erhalten und Chinas Banken eine enorme Last von faulen Krediten herumschleppen: Trotz Börse und Bonds lebt noch heute der alte sozialistische Geist, der einst im alten Bankhaus gegenüber dem Mao-Mausoleum wehte.

"Neues System der Zahlungen für die Volkswährung"

Diese Erfahrung machen gerade viele ausländische Firmen und Pressebüros, darunter auch der SPIEGEL. In seiner Pekinger Redaktionsvertretung trifft im Oktober 2005 ein Schreiben der Bank of China ein. Überschrift: "Wichtige Mitteilung". Um ein "neues System der Zahlungen für die Volkswährung" einzuführen, verlangt sie von ihren oft langjährigen Kunden, die Konten für den offiziellen Zahlungsverkehr neu zu eröffnen. Keine große Sache, sollte man meinen.

Irrtum. Die Neuerung bedeutet einen kafkaesken Ausflug in die Staatsbürokratie, der monatelang Kräfte, Nerven und Geld kosten wird. Um das bislang reibungslos funktionierende Konto wieder eröffnen zu dürfen, verlangen die Banker zunächst einmal einen Stapel Dokumente.

  • Einen Antrag, das Konto neu eröffnen zu dürfen
  • die vom Außenministerium erteilte Genehmigung, ein Korrespondentenbüro zu betreiben plus Kopie
  • die Original-Steuerbescheinigung des Finanzamts plus Kopie
  • das Originalzertifikat der Generalverwaltung für Qualitätskontrolle, Hygiene und Quarantäne plus Kopie
  • die Arbeitserlaubnis und den Reisepass des Chef-Repräsentanten plus Kopie. Hinweis: Die Unterschriften dürfen sich nicht von denen auf dem Kontoantrag unterscheiden.
  • eine Aufstellung aller Ausgaben und Einnahmen des Büros rückwirkend mindestens drei Monate plus Kopie.

Alle Kopien müssen im DIN-A4-Format vorliegen, fügen die Banker hinzu. Und sie sind mit dem offiziellen Bürostempel abzustempeln.

Die Forderung, die Ausgaben offen zu legen, schafft höchste Verwirrung. Wollen die Banker auch Taxi-Belege sehen? Können sie die auf Deutsch geschriebenen Abrechnungen verstehen? Ist die Einsicht in die Buchhaltung, wenn überhaupt, nicht Sache des Finanzamts?

Es folgen Verhandlungen. Ort: Schalter 31 oder 32 in der schicken Zentrale der Bank of China im Westen Pekings. Das Personal ist häufig überfordert. Vorgesetzte müssen hinzugezogen werden. "Kommen Sie morgen wieder", heißt es dann. Schließlich findet sich ein Kompromiss: Gegen ein formloses Antragsschreiben verzichtet die Bank darauf, die Buchhaltung einzusehen. Dafür will sie weitere Unterlagen. Dazu zählen:

  • ein erneuter Antrag, das Konto neu zu eröffnen, dieses Mal auf einem Formular der Bank
  • die Registrierung des Korrespondentenbüros als Arbeitseinheit
  • ein Antrag über die Höchstsumme, die auf dem Konto eingezahlt werden darf
  • eine Vollmacht des Büroleiters für die Kollegin, die Geld abhebt
  • eine Vereinbarung zwischen der Bank und dem Kunden über die Eröffnung des neuen Kontos.

Es sind mittlerweile zwei Monate vergangen. Die Akte hat einen beträchtlichen Umfang erreicht. Da folgt ein herber Rückschlag: Der SPIEGEL-Bürostempel, befindet die Bank of China, entspricht nicht mehr den Vorschriften. Er muss rund sein und nicht wie bisher viereckig. Außerdem hat er aus Kupfer zu sein und nicht aus Plastik.

Zuständig für offizielle Stempel ist die Polizei, die zum Glück zügig arbeitet. Gebühr: umgerechnet rund 20 Euro. Doch nun schaltet sich die Zentralbank ein. Die Existenz des Büros müsse offiziell erneut bestätigt werden, befindet sie. Zuständig sei die Staatsverwaltung für Industrie und Handel. Die winkt ab: Um internationale Journalisten kümmere sich ausschließlich das Außenministerium. Nachfragen bei der Zentralbank bleiben erfolglos. Die angegebene Telefonnummer antwortet nicht.

Es wird Februar. Dann kommt der erlösende Anruf: "Sie können Ihre Dokumente einreichen." Es fehlt nur noch die winzige Bestätigung, dass der Antragsteller befugt ist, den Antrag zu stellen.

Inzwischen ist klar, was die Bank of China unter neuem Kundenservice versteht. Wie viel Geld jedes Mal abgehoben werden darf, entscheidet in letzter Instanz die Bank, nicht der Kunde. Kontoauszüge gibt es nur alle zehn, alle 20 oder alle 30 Tage. Ausnahmen sind nicht erlaubt. Die Belege müssen jedes Mal in der Hauptfiliale abgeholt werden, die Bank sieht sich nicht in der Lage, sie zuzuschicken.

Mitte März verlangt sie weitere Unterlagen, dazu zählen:

  • Ein Antrag, das alte Konto schließen zu dürfen plus Kopie
  • die Arbeitserlaubnis des Bürochefs plus Kopie
  • die Arbeitserlaubnis der für die Abhebungen zuständigen Kollegin, plus Kopie
  • eine weitere Vollmacht des Büroleiters für die Kollegin, die das Geld abhebt
  • eine schriftliche Aufstellung der Nummern der unbenutzten Schecks
  • eine Erklärung, wie das Geld vom alten Konto abgehoben wird.

Die Frage, ob die Summe einfach vom bisherigen auf das neue Konto überwiesen werden darf, bleibt vorerst unbeantwortet. Das Telefon der Bank of China ist ständig besetzt.



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