Soziale Schieflage in der Coronakrise "Große Teile der Mittelschicht leben von der Hand in den Mund"

Die Pest habe die Gesellschaft einst gleicher gemacht - die aktuelle Pandemie vertiefe dagegen die Gräben zwischen Arm und Reich, sagt Forscher Christoph Butterwegge. Er fordert deshalb einen Corona-Soli.
Ein Interview von Matthias Kaufmann
Aktion der Organisation Oxfam im vergangenen Jahr: Höhere Mindestlöhne, stärkere Beteiligung von Reichen

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Foto: Sophia Kembowski/ dpa

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Die Corona-Pandemie und ihre Folgen zerren am Gefüge unserer Gesellschaft. In seinem neuen Buch über "Ungleichheit in der Klassengesellschaft" konstatiert der linke Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge, dass sich in der Folge der Coronakrise die Gräben zwischen Arm und Reich auch in Deutschland vertiefen.

Als Beispiel nennt Butterwegge das Konsumverhalten: "Mehr Familien kaufen bei Lebensmittel-Discountern ein, um Geld zu sparen, wodurch die Eigentümer von Ketten wie Aldi Nord und Aldi Süd noch reicher werden dürften", sagt der Politikwissenschaftler. "Schon vor der Pandemie wurde das Privatvermögen von Dieter Schwarz, Eigentümer von Lidl und Kaufland auf 41,5 Milliarden Euro veranschlagt."

Butterwegge konstatiert einen "Zusammenhang zwischen Immunschwäche und Einkommensschwäche: Für arme Menschen ist das Infektionsrisiko höher, zum Beispiel dann, wenn ihnen Rückzugsräume fehlen." Und die Rettungsmaßnahmen der Bundesregierung seien zwar gut gemeint, verschärften aber die Entwicklung: "Wer vorher nichts 'geleistet' hat", so Butterwegge, "bekommt auch in einer Notsituation nichts. Das gilt für Wohnungs- und Obdachlose, für Bezieher von Transferleistungen, aber zum Beispiel auch für Honorarkräfte und freischaffende Künstler."

Die Phase der Kontaktbeschränkungen habe vielen Menschen in Deutschland zudem "eine erschreckende Erkenntnis vor Augen geführt: Ein großer Teil der Deutschen ist gar nicht in der Lage, finanziell auch dann noch über die Runden zu kommen, wenn mal zwei, drei Monate das reguläre Einkommen ausfällt."

Zur Person
Foto:

Federico Gambarini/dpa

Der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge war bis 2016 Professor an der Uni Köln und hat 2017 auf Vorschlag der Linken für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert; er gehört selbst keiner Partei an. Kommenden Montag präsentiert er sein neues Buch "Ungleichheit in der Klassengesellschaft" zusammen mit dem SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

SPIEGEL: Herr Butterwegge, ob Pest, Cholera oder Spanische Grippe: Seit Jahrhunderten wird die Welt immer wieder von Pandemien heimgesucht. Haben solche Ereignisse die Gesellschaften gleicher oder ungleicher gemacht?

Butterwegge: Pauschal lässt sich die Frage nicht beantworten. Einige weltweit grassierende Infektionskrankheiten haben sozial egalisierend gewirkt. So schlimm sie für die Infizierten und deren Angehörige auch waren, haben sie teilweise für eine Annäherung der Klassen und Schichten gesorgt.

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