Chronik Das ungleiche Paar

Die Scheidung kam noch vor der offiziellen Hochzeitsfeier. Nicht einmal einen Monat brauchten die beiden Großbanken, um sich hoffnungslos zu zerstreiten. Die Folge: Das Image beider Institute ist beschädigt, die Anleger sind frustriert, die Kunden verärgert.


Die Geschichte begann vor knapp einem Monat mit einer Meldung vom "Manager Magazin". "Deutsche und Dresdner Bank fusionieren zur größten Bank der Welt", hieß es in der Nachricht, die am Nachmittag des 6. März schnell weltweit Furore machte.

Sensationell war nicht nur die Tatsache der Fusion. Auch die Ankündigung, dass die Allianz sich künftig um das Privatkundengeschäft kümmern werde, war von niemanden erwartet worden.

Tags darauf reagiert die Börse: Die am frühen Morgen von der Deutschen und der Dresdner Bank offiziell bestätigten Kooperationsgespräche, die in eine Fusion münden sollten, entfachten eine regelrechte Kaufwut.

Die Finanzaktien machten Kurssprünge, wie sie bei den Standardwerten im Deutschen Aktienindex die Ausnahme sind: Dresdner Bank stiegen um 20 Prozent auf 57 Euro, Allianz um 12 Prozent auf 380 Euro, Commerzbank verbesserten sich um 9,23 Prozent auf 40,49 Euro, Deutsche Bank legten um 9,18 Prozent auf 94,90 Euro zu und HypoVereinsbank um 8,12 Prozent auf 60,97 Euro. Von der Dresdner-Aktie gingen alleine im Computer-Handelssystem Xetra über zehn Millionen Anteilspapiere um, die Deutsche Bank kam auf fast neun Millionen, die Commerzbank auf immerhin noch über fünf Millionen Stück.

Drei Tage später, am 9. März, dann die Pressekonferenz zur Fusion. Rolf Breuer und Bernhard Walter stellten ihre Pläne vor. Man habe aus den Erfahrungen anderer gelernt, meinte Walter mit Seitenblick auf die schwierige Fusion von Hypo- und Vereinsbank. Das neue Vorstandsgremium wurde verkündet. Die neue Bank sollte von einer Doppelspitze geführt werden. Schon ab dem 1. Juli sollte die neue "Deutsche Bank" an den Start gehen.

Von einem "merger of equals" war da freilich hinter den Kulissen schon nicht mehr die Rede. Die Deutsche Bank habe die Dresdner übernommen, die "Blauen" hatten mehr Gewicht als die "Grünen".

Doch vorerst sorgte die Fusionsankündigung für heftige Unruhe unter den augenscheinlich zuerst Betroffenen: den Mitarbeitern in den Filialen. Rund 30 Prozent der Beschäftigten, so eine schnell kolportierte Zahl der Gewerkschaften, müssten um ihren Job bangen. 16.000 Jobs würden gestrichen, bestätigten die beiden Vorstände.

Nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Kunden der beiden Häuser waren irritiert. Die Kunden mussten lernen, dass sie in zwei Kategorien einsortiert wurden: Die Kleinsparer, die fortan von der Automatenbank Deutsche Bank 24 versorgt werden sollten. Und die vermögenden Privatkunden, die von den verbliebenen Beratern künftig noch mehr umsorgt werden sollten.

Zwar beschwichtigte der Privatkunden-Vorstand der Dresdner Bank immer wieder, dass kein Kunde zum Wechsel gezwungen werde. Doch so richtig überzeugend klang das nicht. Sparkassen, Genossenschaftsbanken und die HypoVereinsbank breiteten dagegen die Arme weit aus und versicherten: Bei ihnen sei der Kunde König.

Schließlich der Streit um das Investmentbanking. Relativ schnell verließ der Chef des Investmentbankings der Deutschen Bank das Institut, obwohl er doch zu den zehn auserkorenen Vorständen des neuen fusionierten Instituts gehören sollte.

Dann kamen erneut Gerüchte auf, die Deutsche Bank wolle zumindest Teile von Dresdner Kleinwort Benson verkaufen. Ein Gesichtsverlust für Dresdner-Bank-Chef Bernhard Walter, hatte der doch schon auf der Pressekonferenz einen solchen Verkauf kategorisch ausgeschlossen.

Auch an der Börse wendete sich das Blatt. Nach dem Fusionshoch kam der Fall. Die Aktien von Deutscher und Dresdner Bank gaben kräftig nach, Analysten vermissten genaue Pläne für die ersten 100 Tage. "Mehr als den Wunsch, nun endlich zusammen zu gehen, gibt es da wohl nicht", kommentierte ein Analyst nüchtern den Ausblick, den die beiden Vorstände gaben.



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