Chronologie Der scheinbar endlose Prozess

Von Düsseldorf nach Karlsruhe und wieder zurück - die Neuauflage des legendären Mannesmann-Prozesses steht bevor. Auch sechs Jahre nach der Übernahme des Konzerns durch Vodafone müssen die Angeklagten immer noch mit einer Verurteilung rechnen.


Für 188 Milliarden Euro schluckt der britische Mobilfunkriese Vodafone im Februar 2000 den traditionsreichen Mannesmann-Konzern. Damit ist die bis dahin teuerste Unternehmens-Übernahme der Welt besiegelt. Nur wenig später wird bekannt, dass Mannesmann-Vorstände Prämien und Abfindungen in Millionenhöhe kassiert haben. Die Ermittlungen führen nach vier Jahren zu einem der spektakulärsten deutschen Wirtschafts-Strafprozesse. Alle Angeklagten werden freigesprochen - doch der Bundesgerichtshof hebt das Urteil Ende 2005 wieder auf. Der Prozess wird neu aufgelegt. Die Stationen im Einzelnen:

14. November 1999: Die Telefongesellschaft Vodafone macht dem deutschen Konkurrenten Mannesmann ein feindliches Übernahmeangebot und strebt damit nicht länger eine friedliche Einigung an. Mannesmann zieht den französischen Konzern Vivendi vor und investiert mehr als 100 Millionen Euro in die Abwehr von Vodafone.

30. Januar 2000: Vivendi schlägt sich überraschend auf die Seite von Vodafone.

3. Februar 2000: Mannesmann-Chef Klaus Esser, Vodafone-Vorstandsvorsitzender Chris Gent und Hutchison Whampoa-Chef Canning Fok (der Mischkonzern mit Sitz in Hongkong ist mit einem Anteil von zehn Prozent größter Mannesmann-Aktionär) einigen sich nach dreimonatigem Übernahmekampf auf eine Fusion: Vodafone übernimmt den deutschen Konzern für 180 Milliarden Euro. Außerdem ist von einer Anerkennungsprämie für Esser die Rede.

4. Februar 2000: Essers Prämie und die von weiteren Managern werden im Aufsichtsratsausschuss für Vorstandsangelegenheiten bei Mannesmann thematisiert.

17. Februar 2000: Der Aufsichtsratsausschuss beschließt weitere Anerkennungsprämien für Mannesmann-Manager.

18. Februar 2000: Die IG Metall spricht von "unanständig hohen" Zahlungen an die Manager. Die Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG zweifelt an den Beschlüssen über die Prämien.

23. Februar 2000: Medien haben über Beschlussdetails berichtet. Wegen Verdachts der Untreue erstatten zwei Stuttgarter Rechtsanwälte Strafanzeige gegen Esser. Die hohen Prämien halten sie für unplausibel.

27. März 2000: Der Aufsichtsratausschuss beschließt Pensionsabfindungen für ehemalige Mannesmann-Vorstände und deren Witwen.

3. April 2000: Die Staatsanwaltschaft lehnt nach erstmaliger Prüfung die Aufnahme einer Ermittlungsverfahrens ab.

17. April 2000: Chris Gent von Vodafone übernimmt nach der Übernahme den Aufsichtsratsvorsitz bei Mannesmann. Der Ex-Vorsitzende Funk erhält nur noch eine verringerte Abfindung von rund drei Millionen Euro.

20. Dezember 2000: Die beiden Rechtsanwälte erweitern ihre Anzeige bei der Generalstaatsanwaltschaft auf den Straftatbestand der Bestechlichkeit.

21. März 2001: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Führungsmannschaft von Mannesmann. Ex-Vorstandschef Klaus Esser, der frühere Aufsichtsrat und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der frühere IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und Ex-Aufsichtsratschef Joachim Funk hätten mit ihren Zahlungsgenehmigungen Aktionärsvermögen geschädigt.

17. Februar 2003: Die Staatsanwaltschaft erhebt nach zwei Jahren Ermittlung Anklage gegen Ackermann, Zwickel, Esser, Funk sowie den früheren Konzernbetriebsrat Jürgen Ladberg und den Protokollführer Dietmar Droste. Ihnen wird Untreue in besonders schwerem Fall oder Beihilfe zur Untreue vorgeworfen. Es geht um eine Summe von rund 57 Millionen Euro. Die Angeklagten weisen den Vorwurf zurück.

21. Januar 2004: Vor dem Landgericht Düsseldorf beginnt die Hauptverhandlung, der sogenannte Mannesmann-Prozess.

31. März 2004: Das Gericht zeigt sich nicht von der Schuld der sechs Angeklagten überzeugt. Die Staatsanwaltschaft bemüht sich, das Gericht umzustimmen.

30. Juni 2004: Die Staatsanwälte fordern Haftstrafen zwischen einem Jahr und drei Jahren.

22. Juli 2004: Freispruch aller Angeklagten. Zwar wurde nachweislich gegen das Aktiengesetz verstoßen. Darin habe aber keine strafrechtliche Verantwortlichkeit gelegen.

23. Juli 2004: Einen Tag nach dem Urteil kündigt die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe an.

4. April 2005: Die Bundesanwaltschaft schließt sich an und fordert ebenfalls die Aufhebung der Freisprüche.

20./21. Oktober 2005: Der Fall landet vor dem BGH. Die Bundesrichter zweifeln an der Rechtmäßigkeit der Prämien und sprechen von "Geschenken".

21. Dezember 2005: Der BGH hebt die Freisprüche des Düsseldorfer Landgerichts in allen zentralen Punkten wegen erheblicher Bedenken gegen die Urteilsbegründung auf. Die Folge: Der Prozess muss vor einer anderen Kammer des Landgerichts neu aufgerollt werden.

tos/dpa-AFX/Reuters



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