Chrysler-Bieter Kerkorian Der Mann, der nie genug bekommt

Der Mann wird im Juni 90. Und er hat gewaltige Pläne: Für 4,5 Milliarden Dollar will Kirk Kerkorian Daimler das Problem Chrysler abnehmen. Es wäre ein Fünftel der Summe, die der US-Milliardär 1995 für Chrysler bezahlen wollte. Kommt Zeit, kommt Kerkorian.

Von , New York


New York - Wer sagt denn, dass sich Geschichte nicht wiederholt? Vor exakt zwölf Jahren griff der US-Milliardär Kirk Kerkorian erstmals nach dem Autokonzern Chrysler. Am 12. April 1995 war das, am Vorabend der New York International Auto Show, als er mit Chryslers Ex-Chef Lee Iaccoca die feindliche Übernahme wagte. 22,3 Milliarden Dollar boten sie. Chrysler winkte dankend ab und fusionierte drei Jahre später mit Daimler-Benz.

US-Milliardär Kerkorian: "Arbeite, als würdest du ewig leben. Spiel, als würdest du morgen sterben."
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US-Milliardär Kerkorian: "Arbeite, als würdest du ewig leben. Spiel, als würdest du morgen sterben."

Kerkorian versuchte die Firmenehe noch per Klage aufzuhalten, vergeblich. Nun, nach einem qualvoll-verlustreichen Jahrzehnt, ist sie von selbst gescheitert. Abermals ist es der Vorabend der New York International Auto Show. Abermals bietet Kerkorian für Chrysler. Doch diesmal nur einen Bruchteil des alten Werts: 4,5 Milliarden Dollar, Cash.

Das muss man ihm lassen: Der Mann hat eine Nase fürs Geschäft. Schon als Kind, als er Zeitungen austrug und der einzige Verdiener war in seiner bettelarmen Einwandererfamilie, bis zur Eroberung des "Strips" von Las Vegas, wo dem "Vater des Megaresorts" heute jedes zweite Hotelzimmer gehört, wusste Kerkorian: "Du brauchst keine 30 Jahre Erfahrung, so lange du einen guten Menschenverstand hast."

Eltern in die Armut gerissen

Ob sein aktuelles Chrysler-Gebot klug ist guter, muss sich noch zeigen. Mindestens drei weitere Bieter sind im Rennen, darunter zwei Beteiligungsgesellschaften, und 4,5 Milliarden Dollar dürften da sicher nicht genügen. Fest steht dennoch: Kirk Kerkorian - dessen Holdingfirma Tracinda den Hotel- und Casinokonzern MGM Mirage besitzt - gibt sich ungern mit dem Erreichten zufrieden.

Obwohl er im Juni 90 wird und eigentlich längst kürzer treten sollte (oder könnte). Obwohl er, mit einem Privatvermögen von neun Milliarden Dollar, auf Platz 26 der "Forbes"-Liste der 400 reichsten Amerikaner rangiert. Obwohl er Anwesen in Beverly Hills und Las Vegas hat. Obwohl seine Stiftung schon über 100 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke gespendet hat.

Kerkorian hat sich nie zufrieden gegeben, hat immer mehr gewollt. Der Sohn armenischer Immigranten, dessen wahrer Name Kerkor Kerkorian ist, musste als Kind mit ansehen, wie seine Eltern in die Armut gerissen wurden. "Mit neun Jahren begann ich, finanziell für die Familie so sorgen", erinnert er sich. "Du bekommst einen Drive, der ein bisschen stärker ist als der von jemandem, der erbt."

Vom Kampfpilot zum Casino-Held

In der achten Klasse brach er die Schule ab, um Amateurboxer zu werden. Unter dem Namen "Rifle Right Kerkorian" schaffte er es bis zum Weltergewicht-Champion. Über einen Freund fand er seine Liebe zum Fliegen. Im zweiten Weltkrieg flog er für die britische Air Force Mosquito-Kampfflieger über den Atlantik - für viele Piloten endeten diese Einsätze tödlich.

Sein Rekord für die Querung: sieben Stunden, neun Minuten.

Seine Liebe war jedoch Las Vegas, das er 1944 erstmals besuchte. "Ich war von dem Maß an Aufregung in dieser kleinen Stadt überwältigt", sagte er einmal. "Die besten Zeiten meines Lebens waren in Las Vegas." 1947 kaufte er sich für 60.000 Dollar eine winzige Charterlinie, die zwischen Los Angeles und Las Vegas pendelte. Er nannte sie TransInternational Airlines, brachte sie 1965 erfolgreich an die Börse und verkaufte sie drei Jahre später an den Finanzkonzern Transamerica - für 104 Millionen Dollar. Kerkorian sicherte sich dabei 85 Millionen Dollar in Aktien an Transamerica.

Seinen ersten Hotel-Deal landete er 1962. Da kaufte er 32,3 Hektar Bauland am "Strip" von Vegas, für nicht mal eine Million Dollar.

Darauf entstand 1966 das opulente Casino-Hotel Caesars Palace, an das er das Land erst für vier Millionen Dollar vermietete und dann verkaufte - für weitere fünf Millionen Dollar. Davon baute er sich sein eigenes Hotel, das International (heute Las Vegas Hilton), damals mit 1512 Zimmern das größte Hotel der Welt, in dessen berühmtem Showroom Barbra Streisand und Elvis Presley auftraten. Auch das legendäre Flamingo schnappte er sich.

Größte Bronzestatue der USA

Durch langsame Aktienkäufe sicherte er sich 1971 das marode Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM), reduzierte dessen Film-Geschäft erheblich und baute es zu einem Hotel- und Entertainmentkonzern um.

Im selben Jahr noch eröffnete er in Vegas das MGM Grand, ein 107 Millionen Dollar teures Megaresort und abermals das größte Hotel der Welt. Bei einem Großbrand dort 1980 kamen 85 Menschen um, es war das schlimmste Desaster in der Geschichte der Spielerstadt. 1986 verkaufte Kerkorian das alte MGM Grand und sein Schwesterhaus in Reno für fast 600 Millionen Dollar an die Casino-Company Bally.

Doch Kerkorian wurde nicht müde. Über sein Spinoff-Unternehmen MGM Mirage baute er ein neues MGM Grand, da das alte ja nun Bally's hieß.

Es wurde 1993 eingeweiht und ist heute noch einer der gigantischsten Komplexe von Vegas, samt Vergnügungspark. Sein Eingang wird von einem 15 Meter hohen Bronze-Löwen bewacht - die größte Bronzestatue in den USA. Zu MGM Mirage gehören außerdem noch etliche andere, weltbekannte Casinohotels in Vegas, darunter das Bellagio, das alte Mirage, Treasure Island und New York-New York.

Das MGM-Filmgeschäft stieß Kerkorian 2004 an ein Konsortium aus Sony, dem Kabelkonzern Comcast und zwei Beteiligungsgesellschaften ab. Der Kaufpreis betrug fünf Milliarden Dollar.

Brillianter Schachzug

Nicht alles ging glatt. Mal geriet er mit der US-Börsenaufsicht SEC aneinander, wegen seiner oft undurchsichtigen Beteiligungsverhältnisse. Mal steckte er enorme Verluste ein, etwa als er, um Schulden abzuzahlen, Aktien abstoßen musste, die kurz darauf das Zehnfache wert waren. Doch immer blieb er seinem Motto treu: "Arbeite, als würdest du ewig leben. Spiel, als würdest du morgen sterben."

Kerkorians erstes Chrysler-Gebot war nicht sein einziger Ausflug ins Automobilgeschäft. 2005 sicherte sich seine Holding-Gruppe Tracinda - benannt nach seinen Töchtern Tracey und Linda - neun Prozent an GM, dem weltgrößten Autobauer. Später baute er seinen Anteil auf fast zehn Prozent aus. Nachdem er voriges Jahr vergeblich eine Allianz zwischen GM, Renault und Nissan erzwingen wollte, verkaufte er alle seine GM-Aktien aber wieder.

Seinen zweiten Anlauf auf Chrysler nun derart öffentlich zu verkünden, das ist wie immer ein brillianter Schachzug: Damit stellt Kerkorian die Konkurrenz unter erheblichen Druck. Das und sein Vorschlag, eine "sehr langfristige" Lösung für Chrysler zu finden und daran auch die Autogewerkschaft UAW zu beteiligen, "lässt ihn als rettenden Ritter erscheinen", sagt Analyst Pete Hastings von Morgan Keegan. DailmerChryslers Shareholder stimmen dem offenbar zu: Nach der Nachricht gestern legte die Aktie in New York um 5,3 Prozent zu.



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