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»Clinton ist ein Pionier«

Sculley, 53, ist einer der führenden US-Manager. 1983 verließ der studierte Architekt und Ökonom den Chefsessel des Pepsi-Cola-Konzerns, um die kalifornische Computerfirma Apple zu übernehmen. Der Republikaner Sculley unterstützt im Präsidentschaftswahlkampf den Demokraten Bill Clinton. Er ist Wortführer einer wachsenden Gruppe von Unternehmern, die, anders als vor vier Jahren, zum Parteiwechsel bereit sind.
aus DER SPIEGEL 42/1992

SPIEGEL: Mr. Sculley, Sie sind einer der erfolgreichsten Manager in den USA und seit vielen Jahren eingetragener Republikaner. Wieso unterstützen Sie jetzt den Demokraten Bill Clinton?

SCULLEY: Ich habe lange mit mir gerungen. Clintons Frau Hillary kenne ich seit mehreren Jahren. Sie ist Vorstandsmitglied einer Vereinigung für Erziehungsreform, die ich leite. Bill Clinton selbst traf ich vor zwei Jahren in Hollywood. Es zeigte sich, daß wir alle unzufrieden waren über die Richtung, die Demokraten wie Republikaner eingeschlagen hatten. Clinton ist intelligent und belesen, ein Mann mit neuen Ideen und nahezu unerschöpflicher Energie.

SPIEGEL: Wo fanden Sie eine gemeinsame Basis?

SCULLEY: Während ich hier in Kalifornien an der Pazifikküste saß und als Unternehmer Richtung Asien blickte, wurde mir sehr bald klar, daß die Weltwirtschaft sich grundlegend von dem fortentwickelte, was sie in den Nachkriegsjahrzehnten gewesen war. Während der letzten beiden Jahre bin ich wiederholt mit Clinton zusammengetroffen und habe dabei festgestellt, daß ihn der Gedanke an diese neue Weltwirtschaft ebenso bewegt wie mich.

SPIEGEL: George Bush dagegen nicht?

SCULLEY: Ich schätze den Präsidenten, er ist ein feiner Mensch. Doch wurde mir immer deutlicher bewußt, daß es zur Führung dieses Landes ähnlicher Eigenschaften bedarf wie zur Führung einer High-Tech-Firma: Ideen, Visionen und Bereitschaft zu weitgreifenden Entscheidungen. Das aber sind nicht die Charaktermerkmale von Bush.

SPIEGEL: Was zeichnet ihn denn aus?

SCULLEY: Präsident Bush ist ganz auf Wettbewerb fixiert, aber Wettbewerb im Sinne des überholten Weltmodells. Aus der Sicht der neuen Weltwirtschaft ist er der Reichsverweser, Clinton hingegen ein Pionier - so wie wir in Silicon Valley Pioniere sind.

SPIEGEL: Sehen Sie einen Bruch zwischen jenen Industrien, die einst die ökonomische Stärke der USA begründeten, und den neuen High-Tech-Firmen, die Sie vertreten?

SCULLEY: Ganz bestimmt. Unter High-Tech-Managern werden Sie eine Mehrheit für Clinton finden.

SPIEGEL: Die Republikaner behaupten dagegen, die wichtigen Wirtschaftsbosse stünden nach wie vor auf ihrer Seite. _(* Das Gespräch führte Redakteur ) _(Siegesmund von Ilsemann. )

SCULLEY: Sicher würde eine Umfrage unter den Führern großer Unternehmen an der Ostküste eindeutig zugunsten von Präsident Bush ausgehen. In Chicago sprachen sich allerdings 400 Manager für Clinton aus. Einige Kritiker höhnten zwar, es seien keine wirklich großen Namen darunter. Genau das aber könnte ein Vorteil sein. Wenn ich George Bush wäre, würde es mich sehr sorgen, daß Gouverneur Clinton so viele kleine Geschäftsleute um sich scharen konnte, die nahezu immer stramme Republikaner waren.

Clinton hat viel mehr gemein mit jener neuen Generation von Wirtschaftsführern, die sich bereits auf eine veränderte Weltwirtschaft eingestellt haben, in der Amerika gleichrangig neben anderen großen Wirtschaftssystemen steht: Europa mit seinem Schwerpunkt Deutschland, Asien mit seinem Schwerpunkt Japan.

SPIEGEL: Was müßte Ihr Idealkandidat für das Weiße Haus mitbringen?

SCULLEY: Ein Staatsführer muß heute vor allem ein klares wirtschaftliches Weltbild haben, nicht nur eine Vorstellung von politischer oder militärischer Macht. Die Rolle des Präsidenten hat sich ebenso verändert wie die der Wirtschaftsführer. Unternehmer und Manager sind heute genauso wichtige Präsidentenberater wie jene weisen Männer mit großer politischer und militärischer Erfahrung, die den Präsidenten während des Kalten Krieges zur Seite standen. Die USA haben sich bislang noch nicht darauf eingestellt, daß der Kalte Krieg zu Ende ist. Wir leben noch immer in den Überbleibseln einer vergangenen Zeit. Dabei müßten wir dringend neue Prioritäten setzen.

SPIEGEL: Aber kann Bush seinen Herausforderer nicht mit seinem Übermaß an Erfahrung ausstechen?

SCULLEY: Niemand hat einen eindrucksvolleren Lebenslauf als George Bush: Kriegsheld, CIA-Chef, Uno-Botschafter, erster US-Geschäftsträger in China, Vizepräsident und schließlich Präsident der Vereinigten Staaten. Das ist die ideale Vita - für einen Präsidenten der alten Weltordnung.

SPIEGEL: Viele Millionen Amerikaner halten den amerikanischen Traum mittlerweile für ein Muster ohne Wert. Glauben Sie noch daran?

SCULLEY: Ich bin Optimist. Ganze Generationen warten auf die Chance, am Aufbau eines Amerika mitzuwirken, das für das 21. Jahrhundert gerüstet ist. Wir haben unser Land schon wiederholt auf einen neuen Kurs gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es zunächst Präsident Truman, der mit dem Marshall-Plan nicht nur Deutschland wieder auf die Beine half, sondern zugleich auch unsere eigenen industriellen Fundamente stärkte. Dann ließ der Republikaner Eisenhower ein landesweites Autobahnnetz anlegen. Und Silicon Valley würde es heute nicht geben, wenn nicht Präsident Kennedy 1961 beschlossen hätte, einen Mann zum Mond zu schicken.

Truman, Eisenhower und Kennedy wußten, welche Grundsteine sie für unsere Industriegesellschaft legen mußten. Wir haben in den vergangenen 40 Jahren in Amerika unglaublich gut gelebt, weil sie eine stabile Basis geschaffen haben.

SPIEGEL: Doch die bröckelt nun: Die Städte zerfallen, Kriminalität und Drogenmißbrauch nehmen zu, ebenso Obdachlosigkeit und Analphabetentum . . .

SCULLEY: . . . und der Mann, der seit fast vier Jahren Präsident ist, hat uns nicht verraten, wie wir uns auf diese Situation und auf die heranwachsende neue Weltwirtschaft einstellen sollen.

SPIEGEL: Haben Sie denn an Clintons politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen nichts auszusetzen?

SCULLEY: Ich befürworte nicht alle seine Wirtschaftspläne. Viele Manager ärgert vor allem die Absicht, jene zwei Prozent der Bevölkerung, die am besten verdienen, höher zu besteuern und das Geld an die Mittelklasse umzuverteilen. Entscheidend ist für mich aber, daß er Kontakt zur Geschäftswelt hält und andere Meinungen anhört.

SPIEGEL: Clinton tritt weit weniger entschieden für den freien Welthandel ein als Bush. Taugen protektionistische Ansätze als Mittel, um die internationale Konkurrenzfähigkeit der USA zurückzugewinnen?

SCULLEY: Ich sehe in der Handelspolitik keine grundlegenden Unterschiede zwischen Clinton und Bush. Der Unterschied liegt vielmehr darin, daß Bush nichts von einer aktiv eingreifenden Regierung hält, Clinton hingegen schon. Aber selbst Bush könnte kaum behaupten, daß es in unserem Land keine Industriepolitik gibt. Jeder Gouverneur betreibt so etwas.

SPIEGEL: Wo liegt dann das Problem bei Bush?

SCULLEY: Ich störe mich an einer Regierung, die sagt: Aus ideologischen Gründen glauben wir nicht an eine Industriepolitik, deswegen entwickeln wir dafür auch keinen Plan. Für die Leitung eines Unternehmens wäre ein solcher Standpunkt idiotisch.

SPIEGEL: Waren Sie je in Versuchung, den Geschäftsmann Ross Perot zu unterstützen?

SCULLEY: Nein, auf keinen Fall wünsche ich mir einen Präsidenten Perot. Nach all dem Hin und Her kann doch niemand mehr sicher sein, was er als nächstes tun wird. Das ist keiner, der ein Land führen kann. Aber mit einigen seiner ökonomischen Vorschläge hat er sich große Verdienste erworben. Sicher lassen sich nicht alle seine Ideen verwirklichen, aber manche sollten von Clinton geprüft werden.

SPIEGEL: Was sollte Clinton denn aus Perots Programm übernehmen?

SCULLEY: Auf jeden Fall muß das Haushaltsdefizit abgebaut werden. Nur können wir das nicht in dem Eiltempo bewerkstelligen, wie Perot es will, wenn wir nicht eine tiefe Rezession riskieren wollen.

SPIEGEL: Wirtschaftsführer und Unternehmer stellten sich früher regelmäßig gegen die Demokraten, weil sie angeblich nur immer mehr Steuern eintreiben wollten. Zieht dieser Vorwurf nicht mehr?

SCULLEY: Bei vielen Managern wird Ideologie zunehmend von Pragmatismus verdrängt. Die Wirtschaft kennt keine heiligen Kühe mehr. Manager müssen heute mehr Phantasie haben und zu weitreichenden Veränderungen bereit sein. Wenn Sie denselben Maßstab an die Regierung anlegen, dann wird auch dort Ideologie automatisch dem Pragmatismus weichen müssen.

SPIEGEL: Die Republikaner haben aber auf ihrem Parteitag in Houston versucht, einen ausgesprochen ideologisch geprägten Kulturkampf zu führen.

SCULLEY: Ich konnte es nicht fassen, daß in Houston ein Redner nach dem anderen von Familienwerten faselte, dem Lieblingsspielzeug der religiösen Rechten. Das war ein kapitaler strategischer Fehler. Gemäßigte Republikaner wie ich fanden sich in der Wahlplattform nicht wieder. Ich bin zwar nicht aus der Partei ausgetreten, aber ich fühlte mich von der Verpflichtung befreit, automatisch den zu unterstützen, den diese Partei ins Präsidentschaftsrennen schickt. Was mich besonders beunruhigt: Bush sieht die Veränderungen in der Weltwirtschaft überhaupt nicht.

SPIEGEL: Können Sie uns dafür ein Beispiel nennen?

SCULLEY: Im Sommer letzten Jahres sprach der Präsident zwei Stunden lang im Weißen Haus mit mir und vier anderen Topmanagern. Sein ganzer Stab war dabei: Finanzminister Nicholas Brady, Budgetdirektor Dick Darman, Stabschef John Sununu. Der Präsident wurde Zeuge einer engagiert geführten Diskussion. Aber zum Schluß sagte er nur: Es geht einfach nicht in meinen Kopf, daß wir ein Problem haben sollen.

SPIEGEL: Was könnte der Präsident denn tun?

SCULLEY: Er kann die Steuern nicht festsetzen, das macht der Kongreß. Er entscheidet nicht über die Geldpolitik, die untersteht der Bundesbank. Der Präsident hat tatsächlich nicht so viel Macht, wie viele glauben. Aber er hat dennoch unglaublich viel Einfluß auf den Kurs des Landes. Er kann Ziele vorgeben, er kann die Gesellschaft, den Staat, ja sogar andere Länder zu gemeinsamen Erkenntnissen zwingen.

SPIEGEL: Davon ist auch bei Clinton wenig zu sehen.

SCULLEY: Leider ist dafür im Wahlkampf kein Platz. Dort geht es um Argumentationsfetzen; deren Neuigkeitswert ist vergänglich. Präsidentschaftsrennen sind für die Formulierung politischer Programme nicht geeignet.

SPIEGEL: Wäre ein anderes Ausleseverfahren für den Führer der Großmacht USA besser?

SCULLEY: Obwohl unser System fehlerhaft ist, hat es doch einen großen Vorteil: Der Präsidentschaftswahlkampf, der sich nach der öffentlichen Bewerbung eines Politikers oft über Jahre hinzieht, läßt den Kandidaten erst richtig heranwachsen . . .

SPIEGEL: . . . oder scheitern.

SCULLEY: Diesmal zum Glück nicht. Bill Clinton ist selbstsicherer geworden, er hat an Statur gewonnen.

SPIEGEL: Clinton verkörpert die Hoffnung auf Veränderung. Reicht das, um Amerika wiederzubeleben?

SCULLEY: Die Vereinigten Staaten sind das Kind einer Revolution. Das Land wurde von Menschen gegründet, die Europa verlassen hatten, um völlig frei zu werden. Die Pfeiler der amerikanischen Gesellschaft sind Individualismus, Pioniergeist, Erfindungsreichtum, Kreativität und die Lust am Neuen. Das ist wie ein genetischer Kode der amerikanischen Gesellschaft. Clinton will diese Energie freisetzen.

SPIEGEL: Müßte er dafür nicht zuerst die Bildungskatastrophe bekämpfen?

SCULLEY: Unbedingt. In diesem Land gibt es 30 Prozent Analphabeten. Aber heute beruht wirtschaftlicher Reichtum auf Know-how und nicht auf Bodenschätzen. Beinahe über Nacht ist Amerika, ein Land mit Ressourcen im Überfluß, zu einem Land geworden, das arm ist an Ressourcen. Und die meisten Amerikaner wissen das nicht einmal. Warum redet Bush nicht über den Bildungsnotstand?

SPIEGEL: Er ist immerhin mit dem Anspruch angetreten, ein »Erziehungspräsident« zu sein.

SCULLEY: Bisher war unser Erziehungssystem darauf ausgerichtet, 20 Prozent unserer Schüler auf die Universität vorzubereiten, wo sie zu Führungskräften herangebildet werden. Die übrigen 80 Prozent wurden in den Blaumann gesteckt. In der heutigen, auf Wissen gegründeten Wirtschaft muß jedoch jeder in der Lage sein, selbständig zu denken. Deswegen müssen wir so viele Schüler wie möglich weiterbilden, egal ob sie zur Universität gehen oder einen Fabrikjob annehmen. Clinton will sowohl Schul- als auch Berufsausbildung; dafür sucht er die Zusammenarbeit der Privatwirtschaft mit der Regierung. Das ist der entscheidende Unterschied zu Bush.

SPIEGEL: Sie haben bereits vor fünf Jahren in einem Buch die Symptome der Krise beschrieben, unter der die USA heute leiden. Warum haben die Politiker nicht rechtzeitig reagiert?

SCULLEY: Die Saat für die wirtschaftlichen Veränderungen ist bereits vor langer Zeit gelegt worden. Es gibt viele Menschen, nicht nur in Amerika, die erkannt haben, daß sich das 21. Jahrhundert dramatisch von allem unterscheiden wird, was wir in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts erlebt haben. Mich ärgert, daß die führenden Leute unserer Regierung diese Entwicklung geradezu verleugnen und sagen: Laßt uns zurückgehen zu den guten alten Werten, zu jenem Amerika, das mächtig war; laßt uns Amerika an die erste Stelle setzen, konzentrieren wir uns auf nichts anderes als auf Amerika. Aber so funktioniert die Welt nicht mehr.

SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie auch: »In einer Demokratie ereignen sich Revolutionen nur, wenn das Unbehagen oder die Krisenstimmung so weit angestiegen sind, daß genügend Menschen eine Veränderung fordern.« Halten Sie diesen Zeitpunkt jetzt für gekommen?

SCULLEY: In unserer Gesellschaft gibt es eine tiefsitzende Mißstimmung, und ich sehe darin eine Chance. Es wäre falsch, unsere Probleme weitere vier Jahre unbeachtet zu lassen. Die Revolution ist bereits in vollem Gang und greift rasch um sich.

SPIEGEL: Mr. Sculley, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Das Gespräch führte Redakteur Siegesmund von Ilsemann.

Siegesmund v. Ilsemann
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