Klima-Kompensation fürs Fliegen Das gute Geschäft mit dem reinen Gewissen

Langstreckenflüge, Kreuzfahrten, Fleischkonsum: Wer viel CO2 ausstößt, kann das mit Geld kompensieren. Die Umsätze von Anbietern wie Atmosfair oder Primaklima steigen - aber helfen die Zahlungen der Umwelt?
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Bei Atmosfair spüren sie den Greta-Effekt: und zwar in der Kasse. Deutschlands führender Anbieter für Klimakompensation wird 2019 mehr Geld einnehmen als je zuvor. Schon vor dem Weihnachts- und Jahresendgeschäft liege man bei den Ausgleichszahlungen über dem Vorjahreserlös von 9,75 Millionen Euro, sagte eine Atmosfair-Sprecherin der Nachrichtenagentur dpa. Und auch die Konkurrenz vermeldet Rekorderträge. Bei myclimate wurde im ersten Halbjahr allein über den Klimarechner auf der Website fast viermal mehr CO2 wettgemacht als 2018. Und bei Primaklima aus Bergisch Gladbach sind die Erträge um rund 150 Prozent hochgeschossen.

Für die Anbieter sind das gewaltige Schritte. Dem Weltklima helfen diese Zahlungen aber nur marginal. Dafür sind sie viel zu gering. 23 Euro je Tonne Kohlendioxid zahlen Endkunden bei Atmosfair. Rechnet man das auf die Gesamterlöse des Anbieters um, haben die Kunden des Marktführers weniger als 450.000 Tonnen CO2 kompensiert. Der von Deutschland ausgehende Luftverkehr verursacht aber rund 70-mal so viel CO2: mehr als 31 Millionen Tonnen.

Höchstens ein niedriger einstelliger Prozentsatz der Deutschen gleicht seinen persönlichen Treibhausgasausstoß aus. Trotz Greta, trotz der "Fridays for Future"-Proteste, trotz des schlechten Gewissens, das immer mehr Menschen gerade beim Fliegen haben.

"Es gibt zwei grundlegende Hindernisse beim Kompensieren über diese Portale", sagt Jakob Graichen, Klimaschutzexperte des Öko-Instituts. "Erstens ist es nicht bequem: man muss sich erst einmal durch diese CO2-Rechner klicken. Und zweitens ist es relativ teuer."

Zwischen 15 und 23 Euro je kompensierter Tonne CO2 verlangen die meisten seriösen Anbieter. So kostet ein Economyflug von Frankfurt nach Bangkok und zurück mit der Lufthansa bei Atmosfair 104 Euro - zusätzlich zum normalen Flugpreis wohlgemerkt. Viel Geld für ein etwas weniger schlechtes Gewissen.

Zudem wissen längst nicht alle Passagiere, wofür die Zahlungen verwendet werden - und ob sie überhaupt dazu beitragen, Emissionen zu verringern. Oder ob sie bloß ein sinnloser "Ablasshandel" sind, wie Kritiker gerne verbreiten.

Anbieter wehren sich gegen Vorwurf des Ablasshandels

Im Prinzip verfolgen alle Kompensationsanbieter einen ähnlichen Ansatz: Sie stellen CO2-Rechner bereit, mit denen die Kunden zuerst ihren Treibhausgasausstoß errechnen - und danach entsprechend Geld überweisen sollen.

Mit der bereitgestellten Summe finanzieren die Anbieter anderswo in der Welt klimafreundliche Projekte. Diese sollen dann ebenso hohe Emissionen einsparen wie die Kunden vorher durch ihre Flüge, Kreuzfahrten, Heizen oder ihren Fleischkonsum verursacht haben.

Größere Anbieter ziehen oft selbst solche Projekte auf: meist in Schwellen- und Entwicklungsländern. Dazu zählt, natürlich, der Aufbau regenerativer Energiequellen wie etwa kleiner Biogasanlagen. Aber auch Maßnahmen zum Energiesparen wie Kocher, die weniger Feuerholz verbrauchen. Oder die Wiederaufforstung von Wäldern, die CO2 binden. In allen Fällen wird Treibhausgas eingespart. Kompensation sei daher kein Ablasshandel, argumentiert ein Sprecher des Anbieters myclimate: "Es geschieht mit dem Geld ja wirklich etwas. Die Emissionen sinken messbar."

Aber wie stark sinken sie wirklich? Und: Würden die Biogasanlage in Nepal oder das Wasserkraftwerk in Indien nicht sowieso gebaut?

Missbrauch verhindern sollen Gütesiegel für Klimaschutzprojekte. Das vielleicht bekannteste ist der sogenannte Gold Standard. Er wird nur an Projekte vergeben, die nachweislich zur Verringerung von Treibhausgasen führen und gleichzeitig der lokalen Umwelt und den Menschen vor Ort nutzen. Unabhängige Kontrolleure, etwa von der Naturschutzorganisation WWF, überprüfen diese Projekte regelmäßig. Und: Seriöse Kompensationsanbieter geben in Transparenzberichten detailliert Auskunft über ihre Projekte und die genaue Mittelverwendung.

Die Lufthansa rechnet die Kompensation günstig

Trotzdem bleibt das Geschäft nebulös. Das fängt schon damit an, dass die verschiedenen CO2-Rechner der Anbieter denkbar unterschiedliche Ergebnisse ausspucken.

Für den Lufthansa-Flug Frankfurt-Bangkok und zurück errechnet Atmosfair zum Beispiel eine durchschnittliche Klimawirkung von 4,5 Tonnen. Myclimate hingegen kommt für dieselbe Strecke auf 2,9 Tonnen. Und der von myclimate betriebene Rechner auf der Lufthansa-Website gibt lediglich 1,2 Tonnen an. Bei Deutschlands führender Fluggesellschaft kostet es daher nur 24 Euro, sein Gewissen zu erleichtern - also nicht einmal ein Viertel des Preises von Atmosfair.

Die dramatischen Abweichungen sind das Ergebnis unterschiedlicher Rechenmethoden. So berücksichtigt der Lufthansa-Rechner nur den reinen CO2-Ausstoß der Jets. Tatsächlich aber geht die Klimawirkung des Luftverkehrs weit über die CO2-Emissionen hinaus. Wasserdampf, Stickoxide und andere Abgase haben bedeutende Auswirkungen auf das Klima, besonders in großen Flughöhen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Gesamtklimawirkung des Luftverkehrs mindestens zweimal, womöglich sogar dreimal so hoch ist wie der reine CO2-Effekt. Der Weltklimarat empfiehlt, den CO2-Ausstoß von längeren Flügen mit dem Faktor 2,7 zu multiplizieren.

Atmosfair rechnet sogar mit einem Faktor von drei, myclimate mit zwei. Die Lufthansa verzichtet auf jeglichen Multiplikator - und kann damit umso billiger anbieten.

Es sei wissenschaftlich umstritten, wie groß die genaue Klimawirkung abseits von CO2 sei, rechtfertigt Konzernchef Carsten Spohr dieses Vorgehen. Allerdings ist wissenschaftlich ganz und gar nicht umstritten, dass die Klimawirkung durch die anderen Abgase erheblich ist. "Wer heute noch die immer verbleibenden Restunsicherheiten vorschiebt, will sich offenbar vor Konsequenzen drücken", sagt Christoph Balz, der Politische Geschäftsführer der Umweltorganisation Germanwatch.

Gerade wird der Kompensationsmarkt durcheinandergewirbelt: durch den Lufthansa-Konkurrenten Easyjet. Die britische Billigairline hat für Furore gesorgt mit ihrem Versprechen, künftig den CO2-Ausstoß all ihrer Flüge selbst durch Klimaschutzprojekte zu kompensieren.

Ausgleichswillige Passagiere müssten damit nicht mehr selbst ihre Emissionen errechnen und dafür bezahlen. Allerdings blendet auch Easyjet die Klimawirkung der Abgase jenseits von CO2 aus. Entsprechend niedrig sind die geplanten Aufwendungen: umgerechnet nur etwa 0,30 Euro pro transportiertem Kunden.

"Der Easyjet-Ansatz ist immerhin besser als das, was andere Airlines machen - aber lange nicht das, was wirklich nötig wäre", sagt Jakob Graichen vom Öko-Institut. Auch künftig sei nicht zu erwarten, dass Massen von Fluggästen freiwillig ihre Klimaschäden neutralisierten, meint der Experte. " Hier muss die Politik die Weichen richtig stellen: zum Beispiel durch eine EU-weite Kerosinsteuer." Die wäre allerdings um ein Vielfaches teurer als die CO2-Kompensation von Easyjet - für die Fluggesellschaften und ihre Passagiere.