Gesunkener CO2-Ausstoß in der Coronakrise "Wir haben eine große Chance"

Kohle, Erdöl, Gas: Die Lockdowns lassen den weltweiten Energieverbrauch kollabieren. Der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, sieht in der Coronakrise eine Gelegenheit, die Wirtschaft umzubauen.
Fatih Birol: Besser machen als in der Finanzkrise

Fatih Birol: Besser machen als in der Finanzkrise

Foto: AP/dpa

Die Lockdowns im Zuge der Corona-Pandemie werden dazu führen, dass der weltweite Kohlendioxidausstoß in diesem Jahr stärker fällt als je zuvor. Dies prognostiziert die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrer am Donnerstag veröffentlichten Global Energy Review . Demnach werden die mit Energie verbundenen CO2-Emissionen 2020 um acht Prozent oder 2,6 Milliarden Tonnen sinken. Das ist mehr als der dreifache jährliche Ausstoß von ganz Deutschland.

"Der historische Einbruch der Emissionen ist kein Grund zum Feiern", sagte IEA-Chef Fatih Birol dem SPIEGEL. Er sei lediglich das Resultat der Pandemie und des "historischen Schocks" der Weltwirtschaft - durch den der globale Energieverbrauch 2020 um rund sechs Prozent sinken werde. Und sollte es so laufen wie vor zehn Jahren nach der Weltfinanzkrise, warnt Birol, "dann werden wir bald wieder einen starken Anstieg der Emissionen sehen, sobald sich die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern." Damals gingen die weltweiten CO2-Emissionen im Krisenjahr 2009 leicht zurück - um dann 2010 so stark wie nie zuvor in der Geschichte hochzuschießen.

Um dies zu verhindern, fordert der IEA-Chef, dass die Regierungen in Europa, Nordamerika oder den großen Schwellenländern CO2-arme Technologien in den Mittelpunkt ihres ökonomischen Wiederaufbaus stellen. "Wir haben eine große Chance", sagte Birol zum SPIEGEL. "Wenn die richtige Energiepolitik in den Konjunktur- und Stimulusprogrammen verankert wird, kann das neue Arbeitsplätze schaffen, Staaten wettbewerbsfähiger machen und uns in eine weniger krisenanfällige, sauberere Zukunft führen". Konkret spricht sich Birol für Investitionen in regenerative Energieträger, Elektro- und Wasserstofffahrzeuge, CO2-Abscheidung und Energieeffizienz aus.

Mehr Anreize für Batterie-Produktion

Deutschland gehöre bei vielen dieser Technologien zu den führenden Nationen und habe eine gute Ausgangsposition, sagt der IEA-Chef. Nun müsse die Bundesregierung gemeinsam mit anderen europäischen Staaten noch mehr Anreize für die Massenproduktion von Lithium-Ionen-Batterien und grünem Wasserstoff schaffen, um deren Kosten nach unten zu bringen. Zudem solle die staatliche Förderbank KfW "mehr Geld zu günstigeren Konditionen für grüne Energieprojekte weltweit bereitstellen."

Die regenerativen Energien sind laut IEA die einzige Energiequelle, die 2020 wachsen wird. Ihrer Prognose zufolge soll die Stromgewinnung aus Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse um rund fünf Prozent steigen: vor allem wegen der immer niedrigeren Kosten und der bevorzugten Einspeisung in Stromnetze. Im Gegenzug werde der Kohleverbrauch um acht Prozent fallen. Nach Einschätzung der Energieagentur verdrängt die von ihr sogenannte CO2-arme Elektrizitätserzeugung - also erneuerbare Energien und Atomkraft - damit die Kohle erstmals als wichtigste Stromquelle weltweit. Die Nachfrage nach Erdgas werde 2020 um etwa fünf Prozent fallen, der Erdölverbrauch um rund neun Prozent.

Insgesamt ist der Strombedarf laut IEA während der Lockdowns stark rückläufig - und ähnelt in vielen Staaten dem typischen Konsum an Sonn- und Feiertagen vor der Coronakrise. Privathaushalte verbrauchen mehr, Industrie und Dienstleistungsunternehmen hingegen deutlich weniger.

In ihren Vorhersage-Modellen geht die Energieagentur davon aus, dass die Einschränkungen des Alltags- und Wirtschaftslebens in vielen Staaten noch länger anhalten und nur graduell gelockert werden. Chefmodelliererin Laura Pozzi erwartet eine ökonomische "U"-Kurve, also ein längeres Verharren der globalen Wirtschaftsaktivität auf niedrigem Niveau. Eine schnellere Erholung in Form eines "V" würde zu einem deutlich höheren Energiebedarf und CO2-Ausstoß als vorhergesagt führen, sagt Pozzi. Sollte es hingegen im Herbst zu einer weiteren Infektionswelle und neuerlichen Lockdowns kommen, würden der Energieverbrauch und die Emissionen noch stärker einbrechen.

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