Commerzbank-Studie Experten sagen Wachstumsknick voraus - US-Wirtschaft in der Rezession

Die Finanzkrise strahlt weltweit immer stärker auch auf die anderen Bereiche der Wirtschaft aus: Der IWF addiert die Schäden auf fast eine Billion Dollar, eine Studie der Commerzbank sieht die USA bereits mitten in der Rezession. Auch Deutschland muss mit einer deutlichen Abkühlung rechnen.


Frankfurt am Main - Der Teufelskreis ist leicht zu beschreiben: Die Banken beklagen hohe Verluste durch Kreditausfälle und werden entsprechend vorsichtig bei der Kreditvergabe. Unternehmen bekommen deswegen zunehmend Schwierigkeiten, Investitionen und Aufträge zu finanzieren, geraten womöglich sogar in Zahlungsnot.

Bankenviertel in Frankfurt am Main: Die schwierigsten Zeiten stehen noch bevor
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Bankenviertel in Frankfurt am Main: Die schwierigsten Zeiten stehen noch bevor

Große Zurückhaltung der von der Immobilienkrise betroffenen Banken bei der Vergabe neuer Kredite stellen auch die Experten der Commerzbank Chart zeigen in ihrer am heutigen Dienstag vorgestellten Studie fest. Auch eine Erholung am Bau sei nicht in Sicht, die Lage am Arbeitsmarkt verschlechtere sich. All das wird den Angaben zufolge den privaten Konsum in den USA stärker dämpfen als im Vorjahr.

"Für den Durchschnitt des Jahres 2008 sehen wir nur noch ein Wirtschaftswachstum von 1,0 Prozent." Die Experten erwarten angesichts der weiter bestehenden Risiken und der schwelenden Finanzmarktkrise, dass die amerikanische Notenbank die Zinsen bis zum Sommer weiter auf vermutlich 1,25 Prozentpunkte senken wird. "Wahrscheinlich ist die US-Wirtschaft in eine Rezession gerutscht, sie steht vor schwierigen Zeiten", erklären die Volkswirte in ihrer Studie.

Die wahren Ausmaße der Finanzkrise sind allerdings noch immer nicht vollständig abzusehen. Umso größere Aufmerksamkeit ziehen immer wieder einzelne Fälle auf sich, in denen Banken massive Verluste melden müssen. Etwa die von der Finanzkrise schwer getroffene größte amerikanische Sparkasse Washington Mutual, die sich jetzt eine dringend benötigte Kapitalspritze in Höhe von sieben Milliarden Dollar beschaffen konnte.

Das frische Geld kommt von einer Investorengruppe rund um die Beteiligungsgesellschaft TPG. Washington Mutual hatte bereits im vergangenen Jahr infolge der US-Immobilienkrise kräftige Verluste erlitten und war in die roten Zahlen gerutscht. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres fiel nach Angaben der Sparkasse wegen milliardenschweren Wertberichtigungen ein Verlust von 1,1 Milliarden Dollar an.

Wachstumsknick in Deutschland erwartet

Auch in Deutschland reißt die Kette der Alarmmeldungen von Banken wie etwa der IKB Chart zeigen nicht ab. Drei Tage zuvor warnte bereits Bundesbank-Chef Axel Weber vor weiteren Hiobsbotschaften. Den Banken stehe das Schlimmste sogar noch bevor, sagte er, weil sie "Verluste nicht wie im letzten Jahr gegen ein sehr gutes erstes Halbjahr buchen können".

Eine Rezession wie in den USA zeichnet sich nach Einschätzung der Autoren der Commerzbank-Studie in Deutschland und in Europa zwar nicht ab. So sprächen die immer noch gute Gewinnlage der Unternehmen und die hohe Kapazitätsauslastung gegen einen Einbruch der Unternehmensinvestitionen. Insgesamt bleibe der Ausblick auch für den Arbeitsmarkt positiv. Die Beschäftigung werde 2008 weiter zunehmen, wenn auch nicht mehr so stark wie im vergangenen Jahr. Dies und Einkommenszuwächse stützten den Konsum.

Allerdings hat das Wachstum der Studie zufolge in Deutschland und im Euroraum seinen Höhepunkt überschritten. Nachdem die deutsche Wirtschaft 2007 um 2,5 Prozent gewachsen ist, sei für das laufende Jahr nur noch mit einem Plus von 1,6 Prozent zu rechnen. Das Wachstum im Euroraum werde allerdings noch stärker von 2,6 Prozent auf 1,5 Prozent zurückgehen.

Wegen der stark gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreise rechnen die Experten bei der Euro-Inflationsrate bis zum Herbst mit einer Drei vor dem Komma. Die Europäische Zentralbank (EZB) werde ihren Leitzins voraussichtlich noch lange bei 4,0 Prozent belassen. Erst zur Jahreswende könnte sie dann beginnen, ihn zu reduzieren.

Die Experten glauben auch, dass der Euro kurzfristig weiter zulegen kann. Allerdings könnte er im zweiten Halbjahr Gegenwind bekommen. Gemessen an den Fundamentaldaten sei er "deutlich überbewertet".

mik/AP/dpa-AFX



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