ComRoad-Prozess Breitseite gegen KPMG

Im Betrugsprozess gegen ComRoad-Gründer Bodo Schnabel hat die Verteidigung den Wirtschaftsprüfer KPMG attackiert. Dem Angeklagten wird das Manöver kaum helfen - ihm drohen mehr als zehn Jahre Haft.


Angeklagter Schnabel: "Clown des neuen Marktes"
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Angeklagter Schnabel: "Clown des neuen Marktes"

München - Thomas Pfister, der Anwalt des Angeklagten, ging am Mittwoch in die Gegenoffensive. Während die Lage seines Mandanten immer haltloser erscheint, warf Pfister der Prüfgesellschaft KPMG massives Versagen vor. Sie hatte jahrelang Bilanzen testiert, in denen fiktive Umsätze mit der ebenfalls fiktiven Hongkonger Firma VT Electronics gebucht waren.

KPMG habe in den Jahren 1998 bis 2001 nie ein einziges Dokument verlangt, aus dem sich Näheres über den angeblich wichtigsten ComRoad-Geschäftspartner ergeben hätte, so Pfister. "Das ist doch wohl das kleine ABC der Wirtschaftsprüfer." Erst Anfang 2002 hatte die Gesellschaft den Vertrag mit ComRoad wegen Zweifeln an der Geschäftsleitung und der Existenz der Partnerfirma gekündigt.

Daraufhin wurde die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner mit einer Sonderprüfung beauftragt. Nach Darstellung des zuständigen Mitarbeiters suchte sie vergeblich nach der Hongkonger Firma. Rödl & Partner habe Schnabel vergeblich um die Herausgabe von Visitenkarten, Verträgen und Schreiben aus Hongkong gebeten. Im Hongkonger Handelsregister sei die Firma nicht eingetragen gewesen, unter der auf Rechnungen angegebenen Adresse sei nur eine asiatische ComRoad-Tochter zu finden gewesen.

Schnabel ist wegen Kursbetrugs, Insider-Handels und gewerbsmäßigen Betrugs angeklagt. Zusammen mit seiner Ehefrau Ingrid soll er durch Verkäufe von Aktien, deren Kurs er durch die fiktiven Meldungen nach oben trieb, rund 30 Millionen Euro eingenommen haben.

Während Schnabels Verteidiger andere beschuldigte, scheint sein Mandant jegliche Chance auf ein mildes Urteil zu verspielen. So nahm er ein teilweises Schuldeingeständnis vom ersten Prozesstag wieder zurück. Schnabel hatte damals bereits eingeräumt, von falschen Umsatzangaben in den Ad-hoc-Meldungen von 1999 bis 2001 gewusst zu haben.

Nun sagte er, er wisse lediglich aus seiner momentanen Sicht, dass die Zahlen unrichtig gewesen seien - zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sei ihm das nicht klar gewesen. Es sei für ihn auch "kein großer Unterschied, ob da Umsätze oder Aufträge gemeldet wurden". Auf die Frage des Richters Wolf-Stefan Wiegand, was er unter Umsatz verstehe, antwortete Schnabel: "Da müssen sie einen Buchhaltungsspezialisten fragen".

Wiegand verlor daraufhin endgültig die Geduld. Schnabel könne nun nicht mehr auf ein mildes Urteil hoffen, "der Zug ist abgefahren". Mit seiner sturen Haltung mache Schnabel "unheimlich viel kaputt". Am ersten Prozesstag hatte der Richter noch angekündigt, Schnabel könne mit einer Haftstrafe unter sieben Jahren rechnen, wenn er schnell ein volles Geständnis ablege.

Staatsanwalt Peter Noll drohte, ein möglichst hohes Strafmaß beantragen zu wollen. Er wolle "von Ihnen nachher kein Klagen und Jammern hören", sagte er in Schnabels Richtung. Dem Angeklagten seien genug goldene Brücken gebaut worden. Noll sagte zu Journalisten, er werde wahrscheinlich mehr als zehn Jahre fordern.

Zu turbulenten Szenen kam es, als der Anwalt von Schnabels Ehefrau die widersprüchlichen Ausführungen des Angeklagten unterbrach: "Sie sind kurz davor, als der Clown des Neuen Marktes in die Geschichte einzugehen", rief Dingfelder, "es ist fürchterlich, was Sie hier inszenieren." Bodo Schnabels Frau hat sich bereits in sämtlichen Anklagepunkten schuldig bekannt.



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