Conti-Schaeffler-Kompromiss Abgang eines Riesen-Egos

Der Autozulieferer Continental hat seinen Widerstand gegen einen Einstieg von Schaeffler aufgegeben. Die Aktionäre bekommen mehr Geld als erwartet, Schaeffler kann seine Macht in Ruhe ausbauen. Der große Verlierer ist Conti-Chef Wennemer - der nun seinen Rücktritt angekündigt hat.


Hamburg - Wochenlang hatte Conti-Chef Manfred Wennemer Übernahmeversuche des fränkischen Familienkonzerns Schaeffler bis aufs Messer bekämpft. Er warf Schaeffler ein "Anschleichen" vor, später ein "rechtswidriges Vorgehen". Mit dieser Wortwahl stellte Wennemer - ein "Mann mit Riesen-Ego", wie es in Analystenkreisen heißt - von vornherein klar, dass es mit ihm eine Übernahme des von ihm geführten Dax-Konzerns durch Schaeffler nicht geben werde.

Conti-Chef Wennemer: Rücktritt nach der Einigung
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Conti-Chef Wennemer: Rücktritt nach der Einigung

Nun steigt Schaeffler doch ein - und Wennemer steigt aus. In der Nacht zum heutigen Donnerstag kündigte Wennemer seinen Rücktritt an. Zuvor hatte Conti seinen Widerstand gegen eine Beteiligung von Schaeffler aufgegeben. Plötzlich ist bei dem Hannoveraner Konzern von einem "akzeptablen Gesamtkonzept" die Rede, das Schaeffler vorgelegt habe.

Der Vereinbarung zufolge bessert Schaeffler seine Offerte um sieben Prozent auf 75 Euro je Aktie auf, was Conti mit gut zwölf Milliarden Euro bewertet. Arbeitnehmern sichert Schaeffler umfangreichen Bestandsschutz zu. Als Garant für die Wahrung der Interessen von Conti wurde Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder gewonnen. Die Conti-Aktie zog gegen den Markttrend leicht auf 73,80 Euro an.

Schaeffler verpflichtet sich zudem, zumindest für die nächsten vier Jahre einen Anteil von maximal 49,99 Prozent an dem Dax-Konzern aus Hannover nicht zu überschreiten. Schaeffler hatte von Anfang an erklärt, einen Anteil von unter 50 Prozent anzustreben, nicht zuletzt weil das Unternehmen beim Kauf einer Mehrheit die Schulden von Conti hätte übernehmen und teuer refinanzieren müssen.

Für Nachteile, die Conti in Bezug auf Schuldendienst und Steuerzahlungen durch die Übernahme entstehen, muss Schaeffler nun bis zu einer halben Milliarde Euro als Ausgleich springen lassen. Bei einem möglichen Weiterverkauf von Conti-Aktien will Schaeffler demjenigen Bieter den Vorzug geben, den der als Garant für die Interessen von Aktionären und Mitarbeitern eingesetzte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder benennt.

Es handele sich um einen "klassischen Kompromiss", von dem sowohl Conti als auch Schaeffler profitierten, sagte ein Frankfurter Analyst. "Es war ein großer Fehler Wennemers, sich gleich nach Bekanntwerden des Interesses Schaefflers so weit aus dem Fenster zu lehnen und das Angebot kategorisch auszuschließen." Wahrscheinlich habe er, angesichts seiner Bezahlung auch durch Aktienoptionen, auf einen weitaus höheren Kurs gesetzt. "Die Conti-Aktionäre sind gut beraten, das jetzige Angebot anzunehmen. Das Umfeld für Auto-Aktien ist derzeit eher schwierig." Schaeffler könne durch die Einigung zwar vier Jahre lang nicht die Strukturen bei Conti ändern, profitiere aber davon, die Schulden nicht übernehmen zu müssen. "Das Unternehmen kann die Beteiligung nun in Ruhe finanzieren."

Mit der Kontrollmehrheit stellt Schaeffler zudem die Weichen für eine verstärkte Zusammenarbeit. Das Unternehmen strebt Kreisen zufolge vier Sitze im Conti-Aufsichtsrat an.

Die auf mechanische Komponenten wie Kugellager spezialisierte Schaeffler-Gruppe verspricht sich viel von der Entwicklung gemeinsamer Autoteilesysteme und will dabei vor allem von der Elektronikkompetenz von Conti profitieren. "Unverzüglich" sollen nun Kooperationsprojekte ausgelotet werden, teilte Schaeffler mit. Vor allem beziehe sich dies auf die Conti-Sparte für Antriebstechnik (Powertrain), die bei Conti zuletzt schwache Renditen abgeworfen hatte.

Dass sich Conti bereits nach gut einem Monat auf eine Einigung einlässt, hängt auch mit fehlenden Optionen im Abwehrkampf zusammen. Da sich Schaeffler über Wertpapiergeschäfte den Zugriff auf 36 Prozent der Conti-Aktien gesichert hatte, blieben "weiße Ritter" aus. Offenbar wollte sich kein Investor bei einem Unternehmen engagieren, bei dem ein als feindlich erachteter Aktionär gut ein Drittel der Stimmen hat. Die umstrittenen Derivate-Geschäfte erhielten derweil grünes Licht von der Finanzaufsicht BaFin, die keinen Verstoß gegen gesetzliche Meldepflichten erkannte. Daher gebe es für die Behörde keinen Grund zum Eingreifen, teilte sie mit.

Als Favoriten für Wennemers Nachfolge, dessen Vertrag erst Ende 2011 ausgelaufen wäre, gelten zwei Männer: Finanzchef Alan Hippe und Technikvorstand Karl-Thomas Neumann. Bereits in diesem Frühjahr hatte Wennemer seine Nachfolge in die Wege geleitet, etwa in dem er Hippe die Verantwortung für einen operativen Bereich (Pkw-Reifen) übertragen hatte. Dass Schaeffler einen externen Manager an der Conti-Spitze installieren will, gilt als unwahrscheinlich. Es wird erwartet, dass der Conti-Aufsichtsrat bereits bis Anfang kommender Woche den Nachfolger beruft.

kaz/Reuters



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