Waffen-Boom wegen Corona in Kalifornien "Die Leute werden gierig"

Amerikaner decken sich in der Coronakrise nicht nur mit Klopapier ein, sondern auch mit Waffen und Munition. Sie befürchten, dass die Situation eskaliert.
Aus Kalifornien berichtet Guido Mingels
Waffenladen in San Bruno, Kalifornien: "Die Leute werden gierig. Wer weiß, was noch passiert."

Waffenladen in San Bruno, Kalifornien: "Die Leute werden gierig. Wer weiß, was noch passiert."

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JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Lexer Tovar steht mit seiner Tochter Shay vor dem Waffenladen "Marin County Arms" im kalifornischen Novato, einem Vorort nördlich von San Francisco. Es regnet. Sie müssen draußen warten, denn der Ladenbesitzer hat die Vorschrift erlassen, dass nur drei Kunden auf einmal im Shop sein dürfen, um den Corona-Sicherheitsabstand zu wahren, und die Nachfrage ist groß. Der 42-Jährige trägt seine Gesichtsmaske nachlässig runtergeklappt über dem Kinn. Seine Tochter, die mit ihrem blumengemusterten Haarreif selbst noch aussieht wie ein Kind, ist hochschwanger. Beide, Vater und Tochter, besitzen Handfeuerwaffen und wollen nun Munition auf Vorrat kaufen. 

DER SPIEGEL

Wozu? Wollen sie das Virus erschießen, wenn es kommt? Er lacht. "Alle drehen durch wegen Corona", sagt Lexer, "ich muss mein Haus und meine Familie beschützen." Shay sagt, sie habe beim Einkaufen in den Supermärkten üble Szenen erlebt, Leute, die sich Waren aus den Händen reißen, und das mache sie nervös. Sie fährt sich über den Bauch: "Auch wegen des Babys." Ihr Vater sagt: "Die Leute werden gierig. Wer weiß, was noch passiert."

Neben Klopapierherstellern und Videokonferenzanbietern gibt es in den USA also eine weitere Branche, die von der Pandemie profitiert: Waffenhändler. Nachrichten von steigendem Absatz in amerikanischen Waffenshops kamen in den vergangenen Tagen aus diversen US-Bundesstaaten, aus Ohio, New York, Alabama, North Carolina, Washington. Auf Twitter wurden Bilder langer Schlangen vor den Shops gepostet, so etwa aus Los Angeles . Viele der Kunden sind offenbar Erstkäufer, besaßen also noch nie zuvor eine Waffe, kommen jetzt aber zur Überzeugung, dass es sein muss. Ein Waffenhändler aus dem kalifornischen Burlingame erzählte dem "San Francisco Chronicle", sein Umsatz habe sich in den vergangenen zwei Wochen verfünffacht. 

Katastrophe gehört zum kulturellen Selbstverständnis

Die Bürger fürchten Überfälle oder Plünderungen, sie fürchten einen möglichen Zusammenbruch von Recht und Ordnung, sie wollen gewappnet sein. In einem Land, in dem es mehr Schusswaffen gibt als Einwohner, in dem pro Tag im Schnitt rund hundert Menschen durch Schusswaffen ihr Leben verlieren, in dem das Recht auf privaten Waffenbesitz in der Verfassung festgeschrieben ist, liegt dieser Impuls nahe. Der Gedanke des Rückzugs auf die Selbstverteidigung im Fall einer Katastrophe gehört hier zum kulturellen Selbstverständnis.

Diverse amerikanische Endzeitspielfilme haben solche Worst-Case-Szenarien vorexerziert. In Steven Soderberghs düsterem Pandemie-Drama "Contagion", einem Film aus dem Jahr 2011, der sich plötzlich neuer Beliebtheit erfreut und derzeit in den USA zu den meistgestreamten gehört, greift Hauptdarsteller Matt Damon zum Gewehr, um seine Tochter und sich selbst zu beschützen. In Amerika ist der Firnis der Zivilisation dünner als an anderen Stellen des Globus. 

Waffenladen in Culver City: Die Stimmung ist unfreundlich bis grimmig

Waffenladen in Culver City: Die Stimmung ist unfreundlich bis grimmig

Foto: MARIO TAMA/ AFP

Auch vor dem Waffenshop "City Arms" in Pacifica, einem Ort an der Pazifikküste südlich von San Francisco, hat sich eine Menschenreihe gebildet, die umso länger ist, weil die Leute beim Warten auf ihre erste AK-47 artig den empfohlenen Abstand von sechs Fuß einhalten. Manche stehen schon seit Stunden da. Keiner murrt, man hat Geduld, das hier ist wichtig. Ein Security-Angestellter mit Glatze und Springerstiefeln schließt für jeden Kunden, der an der Reihe ist, die Tür auf, schließt sie danach wieder ab. Sehr langsam kommt ein betagter Mann mit einem gebrechlichen alten Hund aus dem Laden, einen Stapel Patronen im Arm. 

"Soweit ich weiß, sind wir essenziell"

Die Schlange führt an den Schaufenstern von benachbarten Läden vorbei, einem Shop für Strickbedarf, einem Zentrum für Yoga und Bauchtanz, einem Nagelstudio. Sie alle sind geschlossen, weil in Nordkalifornien einige Counties als Erste im Land Anfang dieser Woche die sogenannte "Shelter-in-place"-Order ausgegeben haben ("Schutz an Ort und Stelle"), eine Form der Ausgangssperre - zu der auch gehört, dass nur Betriebe geöffnet bleiben dürfen, die zur essenziellen Grundversorgung gezählt werden: Lebensmittelläden, Apotheken, Tankstellen. Waffenläden wurden von den Behörden zwar nicht aufgeführt, aber "soweit ich weiß, sind wir essenziell", meinte ein kalifornischer Waffenverkäufer gegenüber einer Zeitung. Er jedenfalls werde seine Kundschaft bedienen, "bis ich tot umfalle".

Ein junger Mann mit Atemschutzmaske tritt aus dem Laden in Pacifica, einen langen schmalen Pappkarton in der Hand, darin ein Maschinengewehr. Er legt die Ware in den Kofferraum seines Autos. Fragen will er nicht beantworten, rasch fährt er davon. Niemand in der Schlange hier ist auskunftsbereit, die Stimmung ist unfreundlich bis grimmig. Als später ein Filmteam des TV-Senders NBC aufkreuzt und eine Kamera vor dem Laden in Stellung bringt, tritt ein schwerer älterer Herr aus der Tür und verscheucht die Journalisten: "Keine Kameras hier! Ihr seid der Feind."

Waffenkunde Lexer erzählt, dass er seine Arbeit als Uber-Fahrer eingestellt habe, es habe sich nicht mehr gelohnt, zu wenig Kundschaft. Er lebe üblicherweise "von Scheck zu Scheck, von Woche zu Woche", sagt Lexer, und im Moment ist er ohne Job. Auch seine Tochter Shay ist gerade entlassen worden und so wie ihnen geht es derzeit Hunderttausenden in den USA - im Gastgewerbe, in der Hotelindustrie, an Flughäfen. "Ich weiß nicht, wovon ich meine nächste Miete bezahle", sagt Lexer. Er will sich jetzt bei Amazon bewerben. Der Konzern hat vor ein paar Tagen verlauten lassen, dass er 100.000 neue Leute einstellen werde, als Lagerarbeiter und Lieferanten.

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