Schärfere Coronamaßnahmen Topökonomen warnen vor Wirtschaftslockdown
Monteurin in Friedrichshafen: »Die Industrieproduktion darf nicht kippen«
Foto:Felix Kästle / dpa
Deutschlands Topökonomen warnen vor einer großflächigen Schließung von Fabriken im Kampf gegen die Pandemie. Sechs von sieben vom SPIEGEL befragten Wirtschaftsforscher sprechen sich dagegen aus, weite Teile der Industrie lahmzulegen. Hierfür macht sich unter anderem Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) stark. Auch Weltärztepräsident Ulrich Montgomery hält ähnliche Maßnahmen teils für gerechtfertigt, wenn dies notwendig sei, um die Pandemie einzudämmen.
»Eine Zwangsschließung von Unternehmen würde nicht nur die unmittelbar betroffenen Unternehmen hart treffen, sondern könnte die Lieferketten unterbrechen und damit erhebliche Kosten für die gesamte Wirtschaft verursachen«, sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dem SPIEGEL. Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), schrieb: »Würde man in einem großen Stil die Produktion lahmlegen, hätte das gravierende Folgen für die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr.«
Sebastian Dullien, IMK
Linkenpolitiker Ramelow fordert, Unternehmen vorübergehend stillzulegen, die nicht lebensnotwendig sind oder systemisch nicht abgestellt werden können. Dafür sind neben Abgeordneten seiner eigenen Partei auch Vertreter der Thüringer Grünen, die in Erfurt mit der Linken regieren. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach droht Industriebetrieben indirekt mit Produktionsstopps, sollte der Shutdown nicht erfolgreich zu Ende gebracht werden. Im Frühjahr hatten Spaniens und Italiens Regierungen ihre Wirtschaft mehrere Wochen lang lahmgelegt.
Laut Sebastian Dullien, dem Wissenschaftlichen Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), hätte eine weitgehende Schließung angesichts der labilen Verfassung vieler Betriebe schwerwiegende Folgen: »Die Gefahr von Pleiten und Entlassungswellen wäre dann deutlich größer als im Frühjahr.« Nach Berechnungen des IMK gingen zwei Drittel des Wirtschaftseinbruchs im ersten Halbjahr 2020 direkt auf Produktionsrückgänge im verarbeitenden Gewerbe zurück.
»Die Industrieproduktion darf nicht kippen«, mahnte auch Ifo-Präsident Clemens Fuest. »Die Wertschöpfung hier ist besonders hoch.« Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer und Torsten Schmidt, Konjunkturchef des Essener Wirtschaftsforschungsinstituts RWI, halten einen Industrie-Shutdown ebenfalls für falsch.
Bei Schutzmaßnahmen ist noch viel Luft nach oben
Dalia Marin, Professorin für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Technischen Universität München, sprach sich hingegen für eine Schließung von Fabriken und grenzüberschreitendem Güterverkehr aus: »Ein vollständiger Lockdown jetzt hätte den Vorteil, die Infektionszahlen exponentiell zu senken, bevor noch das mutierte Virus die Gelegenheit hat, sich zu verbreiten. Auch China konnte nur mit einem drakonischen Lockdown die Situation stabilisieren.«
Die Münchener Wirtschaftsweise Schnitzer hält derart drakonische Maßnahmen für überzogen. »Bisher können bei der eigentlichen Fertigung die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen durchaus eingehalten werden«, argumentiert sie. Problematischer seien Begegnungen in den Pausen, in der Kantine oder der Weg zur Arbeit. Deswegen müsse man aber nicht gleich ganze Fabriken schließen. Bei Schutzmaßnahmen wie dem Einbau von Filteranlagen, Fiebermessungen und vor allem der Einhaltung der Abstandsregeln sei noch »viel Luft nach oben«.
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Alle befragten Ökonomen sind dafür, dass Unternehmen ihren Beschäftigten das Arbeiten von zu Hause aus ermöglichen sollen – sofern es denn in der Praxis geht. Eine pauschale Homeoffice-Pflicht wollen sie nicht: allein schon wegen teils fehlender Technik.
»Wenn man zum Beispiel alle Verwaltungsangestellten der Gesundheitsämter ins Homeoffice schicken will, muss man sie auch entsprechend ausstatten«, sagt Schnitzer. »Sonst können sie ihre Aufgaben nicht erfüllen. Dann haben wir nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern ein gesundheitliches.«
Grenzen müssen offen bleiben
Besonders strikt lehnen fast alle Forscher innereuropäische Grenzschließungen für Warentransporte wie zu Beginn der ersten Corona-Welle im März 2020 ab. Angesichts der engen internationalen Verflechtung der Produktionsprozesse »würde eine Einschränkung des Güterverkehrs für viele Unternehmen einer Betriebsstilllegung gleichkommen«, sagt RWI-Konjunkturexperte Schmidt. Vom Güterverkehr gehe weniger Infektionsgefahr aus als vom Personenverkehr.
»Die Aufrechterhaltung der Lieferketten ist wichtig«, argumentiert DIW-Chef Fratzscher, »damit auch die Grundbedürfnisse bei der Gesundheit, bei der Grundversorgung mit Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Lebens nach wie vor gewährleistet sind.« IfW-Chef Felbermayr warnt davor, »diesen Fehler aus dem Frühjahr« zu wiederholen: »Es kann allerdings sinnvoll sein, die Ausreise aus Hochinzidenzgebieten zu limitieren und scharf zu kontrollieren.«
Auch die Idee, den öffentlichen Personennahverkehr zu reduzieren oder ganz einzustellen, halten viele Ökonomen für kontraproduktiv. »Pfleger, Ärzte ebenso wie Beschäftigte im Supermarkt oder in der Lebensmittelproduktion und in anderen Versorgungsberufen kommen oft mit dem öffentlichen Personenverkehr zur Arbeit und könnten ohne diese Option ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen«, sagt IMK-Direktor Dullien.
Zudem würden Beschäftigte ohne eigenes Auto benachteiligt – vor allem dann, wenn sie kein sicheres Beschäftigungsverhältnis haben, ergänzt Schmidt vom RWI. »Eine Reduzierung des öffentlichen Personenverkehrs jenseits des Berufsverkehrs hätte dagegen deutlich geringere Folgen.«
Die vollständigen Statements der befragten Experten nachfolgend zum Nachlesen.
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.
Foto: diwSPIEGEL: Was würde es wirtschaftlich bedeuten, wenn wir jetzt im großen Stil Fabriken schließen?
Fratzscher: Eine Zwangsschließung von Unternehmen würde nicht nur die unmittelbar betroffenen Unternehmen hart treffen, sondern könnte die Lieferketten unterbrechen und damit erhebliche Kosten für die gesamte Wirtschaft verursachen. Im Vergleich: Wir rechnen jetzt im ersten Quartal 2021 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in Deutschland um zwei Prozent. Im zweiten Quartal 2020 war die Wirtschaft dagegen fast zehn Prozent geschrumpft. Es gibt zwar auch Unterschiede in der Weltwirtschaft, aber die wirtschaftlichen Kosten von systematischen Beschränkungen der Wirtschaft wären enorm, könnten zahlreiche Unternehmen in die Insolvenz treiben und die Arbeitslosigkeit erhöhen. Wenn solche Restriktionen zu weit getrieben werden, dann könnte auch die Grundversorgung des Gesundheitssystems, bei Nahrungsmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs gefährdet sein.
SPIEGEL: Welche makroökonomischen Gefahren würden mit einer weitgehenden Homeoffice-Pflicht einhergehen?
Fratzscher: Es ist sowohl für die Gesundheit als auch für die Wirtschaft wichtig, wenn möglichst viele Menschen von zu Hause aus arbeiten können und sich selbst sowie die Kolleginnen und Kollegen nicht großen Risiken aussetzen. Eine Homeoffice-Pflicht könnte jedoch wirtschaftlich großen Schaden anrichten, da sie die effektive Arbeitszeit und Produktivität stark schädigen könnte. Eine Homeoffice-Pflicht ist auch nicht praktikabel, da es selbst innerhalb von Unternehmen große Unterschiede an Möglichkeiten und Bedarfen gibt. Es gibt sicherlich einige Unternehmen, die ihrer Fürsorgepflicht nicht gerecht werden. Die allermeisten Unternehmen jedoch verhalten sich verantwortungsvoll und sehen es als ihre Pflicht, ihre Beschäftigten zu schützen. Man sollte daher nicht die gesamte Wirtschaft unter Generalverdacht stellen, sondern punktuell einzelne Unternehmen oder Branchen mit geeigneten Maßnahmen adressieren.
SPIEGEL: Wie wichtig ist es, Grenzen für den Güterverkehr offenzuhalten?
Fratzscher: Grenzschließungen für den Güterverkehr wären wirtschaftlich extrem schädlich und dürften gesundheitlich kaum Nutzen bringen. Die Aufrechterhaltung der Lieferketten ist wichtig, damit auch die Grundbedürfnisse bei der Gesundheit, bei der Grundversorgung mit Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Lebens nach wie vor gewährleistet ist.
SPIEGEL: Was würde eine Einstellung oder starke Reduzierung des öffentlichen Personenverkehrs ökonomisch bedeuten?
Fratzscher: Ein großer Unterschied zwischen dem zweiten Lockdown und dem ersten Lockdown ist die aktuell viel höhere Mobilität im privaten Verhalten der Menschen in Deutschland. Sehr viele Menschen halten sich zu wenig an die Empfehlung, möglichst keinen Kontakt mit anderen Menschen außerhalb des Haushalts zu haben, und tragen damit zur Verbreitung des Virus entschieden bei. Die private Mobilität einzuschränken ist ein wichtiges Ziel. Gleichzeitig muss der öffentliche Personenverkehr weiter aufrechterhalten werden, sodass die Grundversorgung sichergestellt ist und Menschen in systemrelevanten Berufen ihre Aufgabe erfüllen können.