Frühjahrsprognose Bundesregierung geht von schwerster Rezession der Nachkriegszeit aus

Die Bundesregierung rechnet für dieses Jahr wegen der Coronavirus-Pandemie mit einem heftigen Einbruch der Wirtschaftsleistung. Das Bruttoinlandsprodukt könnte demnach um 6,3 Prozent zurückgehen.
Eine Einzelhändlerin in Frankfurt bereitet sich auf die Wiedereröffnung ihres Geschäfts vor

Eine Einzelhändlerin in Frankfurt bereitet sich auf die Wiedereröffnung ihres Geschäfts vor

Foto: Arne Dedert/ dpa

Die Bundesregierung erwartet wegen der Coronakrise in Deutschland die schwerste wirtschaftliche Rezession der Nachkriegszeit. In ihrer Frühjahrsprojektion geht sie nun offiziell von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr um 6,3 Prozent aus.

Der SPIEGEL hatte über die düstere Absturzprognose der Bundesregierung bereits am vergangenen Freitag berichtet. Sollte das Szenario eintreten, wäre es ein weitaus stärkerer Wirtschaftseinbruch als in der weltweiten Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren.

Erst 2022 wird laut Prognose das Niveau von vor der Coronakrise erreicht werden, 2021 könnte die Wirtschaft im Zuge eines Aufholprozesses demnach um 5,2 Prozent wachsen.

In der Wirtschaft wächst die Kritik am Kurs der Bundesregierung. In einem Brandbrief ans Kanzleramt warnten mehrere Branchenverbände vor einem "Untergang" von Unternehmen und forderten vor Beratungen von Bund und Ländern am Donnerstag ein klares Signal für ein zügiges Wiederanfahren der Wirtschaft.

Altmaier: Lockerungen nur mit Augenmaß

"Wir stehen vor großen Herausforderungen", sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier mit Blick auf die erste Rezession nach zehn Jahren Wachstum. "Der Arbeitsmarkt gerät stark unter Druck", heißt es in der Frühjahrsprognose, die der CDU-Politiker nun offiziell vorgestellt hat. Demnach erwartet die Regierung im laufenden Jahr folgende Entwicklungen:

  • Die Erwerbstätigkeit werde um 370.000 Personen zurückgehen. Besonders betroffen seien das Gastgewerbe, der Handel sowie die Unternehmensdienstleistungen.

  • Die Kurzarbeit werde im März und April in einem noch nie dagewesenen Ausmaß steigen und viele Entlassungen verhindern, heißt es.

  • Die Arbeitslosigkeit dürfte im Jahresdurchschnitt auf 5,8 Prozent anwachsen. Im März lag die Quote bei 5,1 Prozent.

  • Der Konsum der privaten Haushalte könnte laut Regierung dieses Jahr um 7,4 Prozent zurückgehen. Für 2021 sei jedoch wieder mit einem Anstieg um 6,5 Prozent zu rechnen.

  • Die Exporte dürften um 11,6 Prozent einbrechen - und 2021 um 7,6 Prozent zulegen.

Altmaier teilte mit, Ziel müsse es sein, die Substanz der Wirtschaft zu erhalten sowie Unternehmen und Beschäftigte durch die Krise zu begleiten. Wegen der Pandemie wurden weite Teile des öffentlichen Lebens und damit auch der Wirtschaft heruntergefahren. Lockerungen könnten nur mit Augenmaß erfolgen und dürften nicht zu deutlich höheren Infektionszahlen führen, sagte Altmaier.

Mehrere Wirtschaftsverbände - darunter der Hotel- und Gaststättenverband, der Handelsverband, der Gesamtverband der Textil- und Modeindustrie und der Außenhandelsverband - hatten zuvor in ihrem Schreiben an Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) gemahnt: "Jede Woche, die der Lockdown weiter andauert, kostet die deutsche Volkswirtschaft einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag an Wertschöpfung." Keine Volkswirtschaft der Welt könne dies über Monate aushalten, ohne nachhaltigen Schaden und auch erhebliche Wohlstandsverluste hinzunehmen. "Die Angst in den Unternehmen vor dem Untergang schlägt in tiefe Verzweiflung und mitunter auch in Fassungslosigkeit um, wenn existenzielle Entscheidungen im Wochentakt vertagt werden", schreiben die Verbände. Kreativität und Zuversicht würden erstickt.

Wirtschaftsminister Altmaier sagte nun, die Schutzstrategie müsse intelligent weiterentwickelt werden. Dabei dürfe nicht überstürzt ein zweiter hoher Anstieg der Infektionszahlen riskiert werden. "Denn nur wenn wir das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben mit Augenmaß hochfahren, können wir bereits in der zweiten Jahreshälfte wieder eine langsame Erholung starten."

Wirtschaft fordert Konjunkturprogramm

Mit dem stärksten Einbruch der Wirtschaftsleistung rechnet Altmaier wegen der massiven Beschränkungen im Kampf gegen das Virus im Lauf des zweiten Quartals 2020. Danach rechnet die Bundesregierung mit einer Belebung der Wirtschaft.

Nach der weltweiten Finanzkrise war das BIP 2009 um 5,7 Prozent gesunken. Danach setzte die jahrelange Erholung ein. 2019 war die durch den Handelsstreit mit den USA und den Brexit belastete deutsche Wirtschaft noch knapp einer Rezession entgangen. Am Ende stand ein Plus von 0,6 Prozent. Ursprünglich hatte die Regierung für 2020 ein Wachstum von 1,1 Prozent erwartet.

Der Industrieverband BDI forderte so schnell wie möglich ein Konjunkturprogramm. Das hat die Regierung bereits in Aussicht gestellt, die Details sind aber noch offen.

apr/dpa/Reuters
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