Marc Saxer

Weltwirtschaft nach Corona Das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen

Marc Saxer
Ein Gastbeitrag von Marc Saxer
Ein Gastbeitrag von Marc Saxer
Niemand weiß, wie schwer die Erschütterungen der Coronakrise sein werden. Geht es nach einem scharfen wirtschaftlichen Einbruch schnell wieder aufwärts? Oder markiert diese Krise einen Epochenbruch?
Containerschiff im Hafen von Rijeka (Kroatien), August 2019

Containerschiff im Hafen von Rijeka (Kroatien), August 2019

Foto: Eibner-Pressefoto/EXPA/Feichter/ imago images/Eibner Europa

Die ersten Signale sind alarmierend. In vielen Ländern steht die Produktion still. Globale Lieferketten sind unterbrochen. Ganze Industrien starren in den Abgrund. In den Vereinigten Staaten schnellen die Arbeitslosenzahlen auf historische Höchststände. Der wirtschaftliche Kollaps Italiens und Spaniens droht die Eurokrise neu zu entfachen. Allen Interventionen der Zentralbanken zum Trotz herrscht große Unruhe an den Börsen.

Aber selbst eine Finanzkrise macht noch keine neue Weltordnung. Nach der Beinahe-Katastrophe 2008 wurde alles dafür getan, den Status quo rasch wiederherzustellen. Die gigantischen Kosten der Rettungspakete wurden über eiserne Sparprogramme von der Bevölkerung eingetrieben. Die Konzentration von Macht und Vermögen an der Spitze der Gesellschaften beschleunigte sich weiter. Auch die populistischen Revolten gegen die Globalisierung haben nur wenig an der immer engeren Verflechtung der Weltwirtschaft geändert.

Und doch häufen sich seit Längerem die Zeichen, dass die Globalisierung ihren Höhepunkt überschritten haben könnte. Seit der Finanzkrise geht es mit dem globalen Handel und grenzüberschreitenden Investitionen nicht mehr so richtig aufwärts. In der Coronakrise ziehen Investoren nun so viel Geld aus Schwellenländern ab wie nie zuvor.

Zur Person
Foto: Friedrich-Ebert-Stiftung Bangkok/ picture alliance / dpa

Marc Saxer ist Leiter des Referats Asien der Friedrich-Ebert-Stiftung . Zuvor war er Landesvertreter in Indien und in Thailand. 

Hinter dem Trend zur Deglobalisierung stehen handfeste geopolitische Gründe. Lange hing der Westen der Hoffnung an, Handel werde zu Wandel in Peking führen. China hat jedoch sein Versprechen, den eigenen Markt für Wettbewerber zu öffnen, nicht eingelöst. Im Gegenteil, Pekings merkantilistische Industriepolitik zielt ganz offen auf die Dominanz Chinas in den Hochtechnologien der Zukunft.

Wer nicht spurt, wird auf Linie gebracht

In Washington besteht seit Längerem ein parteiübergreifender Konsens, die amerikanische von der chinesischen Volkswirtschaft zu entkoppeln, um den Konkurrenten um die globale Vorherrschaft nicht noch weiter zu stärken. Einen Vorgeschmack darauf, wie groß der amerikanische Druck auf die Verbündeten sein kann, haben die Europäer in der Auseinandersetzung um den Ausschluss des chinesischen Technologiekonzerns Huawei vom Aufbau der 5G Infrastruktur bekommen. Die Trump-Regierung nutzt alle ihr zur Verfügung stehenden Machthebel - von Exportkontrollen für Spitzentechnologien bis zur Drohung mit der Aussetzung von Geheimdienstkooperationen -, um die unwilligen Europäer auf Linie zu bringen. Die Coronakrise hat nun auch in Europa das Bewusstsein für die Verwundbarkeit globaler Lieferketten geschärft. Werden all die Unternehmen, die sich nun nach alternativen Zulieferern umsehen, nach China zurückkehren?

Im amerikanisch-chinesischen Hegemoniekonflikt wird mit harten Bandagen gespielt. Der Handelskrieg ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Washington erinnert seine asiatischen Verbündeten daran, wer eigentlich ihre Sicherheit garantiert. Wer nicht spurt, wird mit dem Stopp von Waffenlieferungen, Handelssanktionen oder höheren Beiträgen für den amerikanischen Schutzschild auf Linie gebracht. Alles, was der amerikanischen Strategie im Wege steht, wird aus dem Weg geräumt. Dazu gehören auch die Institutionen und Allianzen, die von den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden waren. Der Systemgarant selbst legt die Axt an die liberale Weltordnung.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

China versucht, der amerikanischen Umklammerung durch sein kolossales Seidenstraßenprojekt zu entkommen. Unmittelbares Ziel des Baus der Häfen, Korridore und Eisenbahnlinien ist es, die Unterbrechung der chinesischen Nachschubwege zu verhindern. Doch die chinesischen Milliarden schaffen auch politische Abhängigkeiten quer durch Eurasien. In der Coronakrise demonstriert Pekings Maskendiplomatie den potenziellen Verbündeten, auf wen sie in der Not zählen können.

Chinas Ambitionen reichen aber weiter. Mit der Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank, der Shanghaier Kooperationsorganisation und dem umfassenden regionalen Freihandelsabkommen sind bereits die ersten Fundamente für eine chinesische Weltordnung gelegt. Nicht nur Amerikaner und Chinesen ringen um ihren Platz in der globalen Hackordnung von Morgen. Auch Großbritannien, Japan und Australien positionieren sich neu. In Russland und der Türkei, in Iran und Saudi-Arabien, Indien und Brasilien sind Führer an der Macht, die vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Die Konkurrenz zwischen Moskau, Ankara, Riad und Teheran fokussiert meist auf den Mittleren Osten. Im Zuge der Coronakrise eskaliert nun der Ölpreiskrieg zwischen Saudis und Russen zu einem globalen Kräftemessen, dessen Verlierer am Ende die amerikanische Schieferölindustrie sein könnte.

Selbst Verbündete wollen nicht kooperieren

Auf der Strecke bleibt inmitten der Großmachtkonflikte der Multilateralismus. Es ist kein Zufall, dass sich die Regierungschefs der zwanzig größten Volkswirtschaften bisher nicht auf eine gemeinsame Linie zur Bewältigung der Coronakrise einigen konnten. Wie gering die Bereitschaft zur Kooperation selbst unter Verbündeten ist, zeigte der amerikanische Präsident, als er die Vereinigten Staaten ohne vorherige Konsultation von Europa abschottete. In Europa wiederum fühlt sich Italien von seinen Partnern im Stich gelassen.

Wie ein Schlaglicht beleuchtet die Coronakrise die geopolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Bruchstellen unserer Zeit. Die Krise hat den Trend zu Deglobalisierung nicht geschaffen, ihre Schockwellen könnten den seit Längerem im Verborgenen wirkenden Verschiebungen jedoch endgültig zum Durchbruch verhelfen.

Die Welt, die aus den Trümmern der Hyperglobalisierung entsteht, könnte in rivalisierende Blöcke zerfallen. Damit ist nicht der Rückfall in die Mentalität des Kalten Krieges mit seinen eisernen Vorhängen zwischen ideologischen Systemrivalen gemeint. Die Weltwirtschaft wird weiter vernetzt bleiben. Wohl aber könnten sich Volkswirtschaften unter der Führung eines regionalen Hegemons zusammenschließen, um sich unliebsame Konkurrenten durch inkompatible Normen und Standards, Technologieplattformen und Kommunikationssysteme, Marktzugangsschranken und Infrastruktursysteme vom Hals zu halten.

Auf sich allein gestellt, können die kleinen europäischen Länder in dieser neuen Welt nicht bestehen. Allen populistischen Rufen nach Abschottung, Kontrolle und Souveränität zum Trotz liegt daher der Zusammenhalt Europas im wohlverstandenen Eigeninteresse der europäischen Nationalstaaten. Denn auf dem Spiel steht nicht weniger als die Eigenständigkeit Europas zwischen den großen Blöcken.

Vor allem Deutschland wird sein Wirtschaftsmodell grundsätzlich überdenken müssen. Kürzere Lieferketten, etwa mit Produktionsstätten in Osteuropa, könnten weniger krisenanfällig sein. Um technologisch souverän zu bleiben, muss die europäische Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung viel enger werden. In der Eurobonds-Debatte zeigt sich Berlin bisher aber unwillig, aus dem gemeinsamen Markt eine politische Gemeinschaft zu formen. Dahinter steht die Furcht, den Standort Deutschland durch europäische Transfers zu überfordern. In einer deglobalisierten Welt kann es aber keine Exportweltmeister mehr geben. Für das Überleben der deutschen Wirtschaft wird daher der europäische Markt noch wichtiger als bisher. Für den Erhalt des gemeinsamen Währungsraums darf also kein Preis zu hoch sein.

Um aus dem Teufelskreis der stetig wiederkehrenden Krisen auszubrechen, müssen endlich die Ursachen angepackt werden. Seit über einem Jahrzehnt gelingt es der Geldpolitik nicht, die deflationären Tendenzen in den Griff zu bekommen, die wie ein Damoklesschwert über den westlichen Volkswirtschaften hängen. Das kann auch nicht gelingen, denn an der Wurzel der Dauerkrise liegt ein Nachfrageproblem, das mit jeder Null- und Sparrunde immer größer wird. Das künstliche Aufblähen der Finanzmärkte im Verhältnis zur stagnierenden Realwirtschaft ist also nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Fällt der Markt aus, muss der Staat einspringen und massiv in die marode Infrastruktur des Gemeinwesens investieren. Das bedeutet aber, nicht nur unsere Demokratie und Gesellschaft, sondern auch die Marktwirtschaft selbst kann sich eine weitere Dekade Austerität nicht leisten.

Auch die treuesten Verfechter der Marktwirtschaft erkennen daher, dass die veränderten geoökonomischen Rahmenbedingungen die Neuausrichtung des Wirtschaftsmodells unausweichlich machen. Das Zeitalter des Neoliberalismus, also des Vorrangs der Marktinteressen vor allen anderen gesellschaftlichen Belangen, kommt so an sein Ende. Ob die neue Weltordnung aber solidarisch, regelbasiert und nachhaltig wird, wird die politischen Auseinandersetzungen der nächsten Jahre bestimmen.