Wirtschaftskrise "Das wird ein Zangenangriff auf Deutschlands Wohlstand"

Deutschland fährt wieder hoch - doch die erhoffte schnelle Erholung wird ausbleiben, warnt Ökonom Gabriel Felbermayr: "Wir müssen unsere Prognosen revidieren. Wir sind zu tief gefallen."
Ein Interview von Benjamin Bidder
Kräne im Hamburger Hafen

Kräne im Hamburger Hafen

Foto: Axel Heimken/ dpa

Zu Beginn der Coronakrise haben Ökonomen Buchstaben gewählt, um den möglichen Verlauf der Rezession zu verdeutlichen: Die meisten sagten einen V-Verlauf voraus: drastischer Einbruch, gefolgt von rasanter Erholung. Dahinter steckte die Vorstellung, es könnte gelingen, die deutsche Wirtschaft für einige Wochen in gewisser Weise einzufrieren. Dann sollte es weitergehen, wie es mit Beginn des Lockdowns aufgehört hatte.

Diese Rechnung aber wird nicht aufgehen, warnt Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Denn neben die technischen Unterbrechungen der Produktion ist ein zweiter Faktor getreten, der die Wirtschaft belastet und der auch mit dem Ende des Lockdowns nicht verschwindet: Angst vor der Zukunft.

"Das Vertrauen hat einen Schock erlitten", sagt Felbermayr. Es seien "Zukunftsängste entstanden, die sehr viel nachhaltiger sind als die Bedrohung durch das Virus selbst". Bürger schränken ihre Ausgaben ein, aus Sorge um den Arbeitsplatz. Weil Kunden fernbleiben und Aufträge aus dem Ausland wegbrechen, streichen wiederum viele Firmen Investitionen zusammen und legen Sparprogramme auf.

Damit schwindet auch die Aussicht auf eine schnelle Erholung. "Wir müssen unsere Prognosen vom Beginn der Krise revidieren", sagt Felbermayr. Deutschland müsse sich darauf einstellen, länger nicht zum Normalniveau zurückzufinden. "Dafür sind wir zu tief gefallen."

SPIEGEL: Wie stark ist der Einbruch der deutschen Wirtschaft insgesamt ausgefallen?

Felbermayr: Seit der zweiten Märzhälfte sind wir auf 80, vielleicht 85 Prozent der normalen Wirtschaftsleistung zurückgefallen. In der Spitze des Lockdowns fehlen etwa 20 Prozent.

SPIEGEL: Wie können Sie das so genau sagen?

Felbermayr: Wir beobachten unter anderem den Stromverbrauch und wissen, wie er mit der Industrieproduktion zusammenhängt. Wir sehen auch, dass der Einbruch nicht sofort mit Verhängung des Lockdowns vollständig erfolgt ist. Der große Einbruch der Wirtschaftsaktivität ist erst einige Zeit nach dem Lockdown-Beginn gekommen. In der Woche vor Ostern haben wir dann das Minimum erreicht.

Zur Person
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Carsten Rehder/ dpa

Gabriel Felbermayr, geboren 1976, ist seit März 2019 Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) , Professor für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und ein international renommierter Handelsexperte.

SPIEGEL: Wie kann das sein?

Felbermayr: Da ist sehr viel Verhaltensanpassung der Verbraucher dabei. Sie haben Angst bekommen und ihren Konsum stärker eingeschränkt. Das hat dazu geführt, dass manche Fabriken, die in Deutschland ja nie behördlich geschlossen wurden, erst im Laufe des Lockdowns die Produktion runtergefahren haben. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn wir die Maßnahmen nun wieder sukzessive aufheben, wird es nicht automatisch und sprunghaft nach oben gehen.

"Junge Menschen werden die größte Last der Krise tragen."

SPIEGEL: Die meisten Ökonomen und auch die Bundesregierung hatten einen tiefen Einbruch mit schneller Erholung vorhergesagt, einen V-Verlauf der Krise.

Felbermayr: Was wir jetzt an Belegen sehen, passt nicht wirklich dazu. Wir müssen unsere Prognosen vom Beginn der Krise revidieren. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass wir auch im dritten Quartal nicht zum Normalniveau zurückfinden. Dafür sind wir zu tief gefallen.

SPIEGEL: Wo hat die deutsche Wirtschaft denn Schaden genommen?

Felbermayr: Es sind Zukunftsängste entstanden, die sehr viel nachhaltiger sind als die direkte Bedrohung durch das Virus selbst. Die Unsicherheit darüber, ob der Aufschwung kommt, der eigene Job noch sicher ist, die verschwindet nicht, wenn wir jetzt wieder beginnen, Gaststätten und Grenzen zu öffnen. Das führt dazu, dass Menschen mehr sparen und weniger konsumieren. Unternehmen halten sich bei Investitionsausgaben zurück, weil sie weniger risikofreudig sind. Das Vertrauen in die Zukunft hat einen ernsthaften Schock erlitten. Die Lage der Weltwirtschaft hilft auch nicht: Die USA stecken noch mitten in der Krise, die Schwellenländer stehen möglicherweise erst noch vor der größten Erschütterung.

SPIEGEL: Bislang sind große Pleitewellen und Massenentlassungen doch aber ausgeblieben.

Felbermayr: Die Pleiten kann es schon allein deshalb nicht geben, weil ja die Insolvenzantragspflicht suspendiert wurde. Die aktuellen Insolvenzdaten sind deshalb völlig sinnentleert. Am Arbeitsmarkt wiederum haben wir den Schaden in Teilen in die Zukunft verschoben. Kurzarbeitergeld ergibt dann Sinn, wenn ein Wirtschaftseinbruch V-förmig verläuft. Es baut eine Brücke. Wenn aber die Unternehmen wegen schlechterer Verkaufsaussichten ihre Mitarbeiter langfristig nicht halten können, dann wird es zu Entlassungen kommen. 

SPIEGEL: Wie stark ist der Arbeitsmarkt getroffen worden?

Felbermayr: Angemeldet wurde das Kurzarbeitergeld für etwa zehn Millionen Beschäftigte. Allerdings ist unklar, wie viele davon tatsächlich in Kurzarbeit gehen und in welchem Ausmaß, ob 20, 40 oder 60 Prozent. Wir registrieren aber einen erheblichen Rückgang der eingesetzten Arbeitsstunden. Die Schätzungen gehen von einem Minus um die 15 Prozent aus. Ohne das Kurzarbeitergeld wäre also die Arbeitslosigkeit entsprechend angestiegen, ähnlich wie in den USA.

SPIEGEL: Viele Menschen konnten nicht arbeiten, weil Restaurants und Geschäfte geschlossen waren. Wie groß ist der Anteil des Lockdowns an den aktuellen Kurzarbeiterzahlen?

Felbermayr: Laut unseren Abschätzungen haben die behördlichen Maßnahmen direkt sieben Prozent der Wertschöpfung gekostet und etwa zehn Prozent der Beschäftigung berührt. Das ist der Effekt der geschlossenen Betriebe und Läden, die jetzt wieder die Arbeit aufnehmen. Insgesamt ist die Wertschöpfung aber wahrscheinlich um rund 20 Prozent zurückgegangen. Auf den Lockdown selbst entfällt also nur ein Drittel des Schadens am Bruttoinlandsprodukt. Ich denke, dass deshalb etwa ein Drittel, vielleicht auch die Hälfte der Kurzarbeiter mit Ende des Lockdowns wieder zur regulären Beschäftigung zurückkehren. Das genau zu bestimmen ist schwer, weil wir nicht wissen, wie groß die Mitnahmeeffekte ausgefallen sind: Welche Firmen steckten schon vorher in Schwierigkeiten und haben das Kurzarbeitergeld nur beantragt, weil der Staat es noch attraktiver gemacht hat?

SPIEGEL: Sie haben darauf aufmerksam gemacht, dass einige Länder relativ geringe Zahlen von Covid-19-Infektionen melden, aber massive Einbußen erwarten müssen. Griechenland meldet etwa nur ein paar Dutzend Fälle pro Tag, wird aber knapp zehn Prozent schrumpfen. Hat sich die Krise verselbständigt?

Felbermayr: Die Effekte der Pandemiebekämpfung in den führenden Industrienationen streuen geografisch sehr breit. Die Reisewarnungen und die Krise des Tourismus sind das eine Kernproblem Griechenlands. Das zweite hat mit der wichtigen Rolle griechischer Reedereien und griechischer Häfen zu tun, die in den vergangenen Jahren Marktanteile dazu gewonnen hatten. Die werden jetzt brutal getroffen vom Rückgang des Welthandels. Deshalb brauchen wir europäische Antworten auf die Krise, besser noch: globale Antworten.

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SPIEGEL: Die Krise zeigt die Verwundbarkeit der vernetzten Welt. Wird die Globalisierung nun zurückgedrängt?

Felbermayr: Davon gehe ich aus. Der Trend war ja schon da: "Slowbalisation" hat das der britische "Economist"  sehr treffend genannt. Diese Entwicklung wird sich verstärken. Firmen werden versuchen, stärker in der Nähe ihrer Absatzmärkte zu produzieren. Das heißt nicht zwingend eine Rückkehr nach Deutschland, das kann auch gut Polen sein, Rumänien oder Nordafrika. Die Komplexität der Lieferketten wird reduziert, die Zulieferer diversifiziert. Lagerhaltung wird steigen. All das wird den globalen Güterhandel in der Tendenz dämpfen.

SPIEGEL: Was bedeutet das für Deutschland, über lange Jahre ein großer Gewinner der Globalisierung?

Felbermayr: Es ist eine große Gefahr. Das wird ein Zangenangriff auf Deutschlands Wohlstand. Weniger Globalisierung im Warenhandel schadet Deutschland, weil Autos und Maschinen in Zukunft weniger vom Ausland in Deutschland gekauft werden, sondern direkt in Asien und Nordamerika produziert werden. Auf der anderen Seite könnte die Globalisierung von Dienstleistungen noch zunehmen, darunter würde Deutschland eher leiden. Wir erleben gerade, dass der Austausch durch Telekonferenzen gut funktioniert. Das lässt sich aber weiterdenken: Warum sollte das nicht genauso gut zwischen einem deutschen Arbeitgeber und einem Arbeitnehmer in Indien funktionieren? Bei den Dienstleistungen droht uns zusätzliches Outsourcing.

SPIEGEL: Wer wird in Deutschland die größte Last der Krise tragen?

Felbermayr: Junge Menschen. Sie leiden gerade in besonderer Weise unter den Einschränkungen des Schulbetriebs. Es ist gut erforscht, welche Folgen Schulschließungen in der Vergangenheit hatten. Im Zweiten Weltkrieg hat zum Beispiel eine ganze Generation keine Schulbildung mehr bekommen, das führte zu Einkommensverlusten bis zur Rente. Wenn die Schulbildung leidet, spüren das die Leute 60 Jahre lang. Und ausgerechnet diese Generation wird dann auch noch für die Schulden aufkommen müssen, die jetzt gemacht werden.

SPIEGEL: Manche Wissenschaftler wie der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum schlagen vor,  die Schulden immer wieder durch neue Kredite abzulösen. Sie müssten dann nicht zurückgezahlt werden.

Felbermayr: Das schränkt aber immer noch den finanziellen Spielraum künftiger Generationen massiv ein, etwa bei der Bewältigung kommender Krisen. Auch Jens Südekum kennt die alte Ökonomenweisheit: There is no free lunch. Irgendjemand zahlt immer die Zeche.

SPIEGEL: Wer kommt eher gut durch die Krise?

Felbermayr: Im Juni werden die Renten erhöht werden, und das sehr ordentlich.

SPIEGEL: Wenn die Schulden wieder abgebaut werden sollen, wie Sie sagen: Wann soll das passieren?

Felbermayr: Wir sollten jedenfalls nicht schon für 2021 Rückzahlungs- oder Steuererhöhungsdiskussionen anfangen. Die Finanzierung über Verschuldung ist grundsätzlich richtig, denn alles andere wäre schlechter. Aber in den Zwanzigerjahren werden wir versuchen müssen, den fiskalischen Spielraum zurückzugewinnen, den wir hatten. Am einfachsten geht das natürlich mit mehr Wachstum, wie nach 2009, aber da wäre ich skeptisch, ob das noch einmal so gut funktioniert.

SPIEGEL: Warum?

Felbermayr: Die Bevölkerung wird älter. Dazu kommt der Umbau des globalen Wirtschaftssystems, der uns ausbremst. Deshalb ist die Lage eine ganz andere als nach der letzten Krise. Damals - nach 2009 - begann China, massiv deutsche Investitionsgüter zu kaufen, und auch die USA kamen schnell aus dem Konjunkturtief. Die Zeiten sind aber vorbei. 

"Die Krise kommt selten zweimal aus der gleichen Richtung. Gut möglich, dass die nächste Krise ausgelöst wird durch ein Computervirus, das unsere gesamte digitale Infrastruktur plattmacht."

SPIEGEL: Woher soll das Geld dann kommen?

Felbermayr: Wir werden uns Gedanken darüber machen müssen, wie wir Subventionen wieder eingefangen bekommen. Unser Institut legt ja jedes Jahr einen Subventionsbericht vor, für den uns viele gar nicht lieben. Aber es liegt jede Menge Geld auf der Straße: Steuerprivilegien, Sonderbehandlungen von Branchen, Zuschüsse mit zweifelhafter Wirkung. Darüber hinaus wird Budgetdisziplin angesagt sein. Nach unseren Berechnungen könnte das reichen, um den Rückbau der Corona-Schulden über zwanzig Jahre hinzubekommen, ohne große Steuererhöhungen.

SPIEGEL: Was aber, wenn uns vorher die nächste Pandemie trifft?

Felbermayr: Vor einer zweiten Pandemie mache ich mir offen gestanden weniger Sorgen - genauso wenig wie über eine zweite Lehman-Brothers-Pleite. Wir ziehen aus den gegenwärtigen Ereignissen ja durchaus Lehren. Man muss also wohl eher in andere Ecken schauen, aus denen wir aktuell vielleicht keine schwere Krise erwarten. Das ist eine Lehre der Vergangenheit: Die Krise kommt selten zweimal aus der gleichen Richtung. Wir müssen uns deshalb fragen, wie wir insgesamt widerstandsfähiger werden, resilienter. Das Thema der Internetsicherheit dürfte wichtig werden. Gut möglich, dass die nächste Krise ausgelöst wird durch ein Computervirus, das unsere gesamte digitale Infrastruktur plattmacht. 

SPIEGEL: Was ist mit dem Klimawandel?

Felbermayr: Wir müssen Katastrophenszenarien insgesamt ernster nehmen. Zum Beispiel: Was tun wir, wenn es mal drei Jahre in Deutschland nicht wirklich regnet? Das ist zwar heute noch unwahrscheinlich. Aber unwahrscheinlich war auch das Szenario, dass zeitgleich alle Interbankenmärkte austrocken, wie das 2008/2009 der Fall war.

SPIEGEL: Sie beteiligen sich an einem Aufruf, dass in Deutschland mehr und breiter auf Covid-19 getestet werden soll. Warum?

Felbermayr: Es ist bedauerlich, dass das nicht längst gemacht wurde. Das ist zwar teuer, hätte sich aber längst ausgezahlt: Wenn wir ein genaueres Verständnis hätten, wie weit die Durchseuchung der Bevölkerung ist, würde das die Glaubwürdigkeit des Krisenmanagements erhöhen. Wir brauchen bessere Informationen, welchen Einfluss die Lockdown-Maßnahmen genau gehabt haben. Wenn wir solche Dinge ohne Evidenz machen, dann kann es passieren, dass wir den Verschwörungstheoretikern und Populisten weitgehend argumentbefreit gegenüberstehen. Das macht mir große Sorge.

SPIEGEL: Wie sollen mehr Tests dagegen helfen?

Felbermayr: Wir können heute nicht genau sagen, wie stark der Lockdown wirklich die Ausbreitung des Virus begrenzt hat - weil wir es nicht gemessen haben. Manche behaupten, der Durchseuchungsgrad der Bevölkerung sei von Beginn an sehr viel höher gewesen. Überall dort, wo wir keine gesicherten Fakten haben, gedeiht die Verschwörungstheorie am allerbesten.