Corona-Folgen Deutschland steht vor einer tiefen Rezession

Geschäfte geschlossen, Fabriken gestoppt, Lieferketten unterbrochen. Wie sehr trifft die Coronakrise die deutsche Wirtschaft? Ein Sondergutachten der Wirtschaftsweisen gibt kaum Anlass zu Optimismus.
Maschinenbau: Auto- und Metallindustrie besonders betroffen

Maschinenbau: Auto- und Metallindustrie besonders betroffen

Foto: Sebastian Gollnow/ DPA

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geht davon aus, dass die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft stark beeinträchtigen wird. Wie stark der Abschwung in den Jahren 2020 und 2021 ausfallen wird, hängt nach Einschätzung der sogenannten Wirtschaftsweisen von der Entwicklung in den kommenden Wochen ab: Wie lange und in welchem Ausmaß die einschränkenden, gesundheitspolitischen Maßnahmen anhalten und wie schnell es danach zu einer Erholung kommt.

In den beschriebenen Szenarien beendet die Ausbreitung des Coronavirus die sich abzeichnende konjunkturelle Erholung abrupt, sodass eine Rezession im ersten Halbjahr 2020 in Deutschland nicht zu vermeiden sein wird. Im Basisszenario erwartet der Sachverständigenrat für das Jahr 2020 ein durchschnittliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in Höhe von minus 2,8 Prozent. 2021 könnte das BIP dann wieder um 3,7 Prozent steigen. 

Nach diesem aus Sicht der Forscher wahrscheinlichsten Szenario normalisiert sich die wirtschaftliche Lage über den Sommer wieder. Sollten allerdings großflächige Produktionsstilllegungen oder länger andauernde gesundheitspolitische Maßnahmen notwendig werden, dürfte das BIP in diesem Jahr um 5,4 Prozent schrumpfen. Im Jahr 2021 könnten Aufholeffekte dafür sorgen, dass das BIP um 4,9 Prozent wächst.

Ein lang anhaltende Krise dürfte folgen, wenn die gesundheitspolitischen Maßnahmen über den Sommer hinaus andauern und die wirtschaftliche Erholung sich erst im Jahr 2021 einstellt. Die von der Politik getroffenen Maßnahmen reichen dann womöglich nicht aus, tief greifende Beeinträchtigungen der Wirtschaftsstruktur zu verhindern. Verschlechterte Finanzierungsbedingungen und eine verfestigte Unsicherheit könnten zudem Investitionen bremsen und zu Kaufzurückhaltung bei den Haushalten führen. Das Wachstum im Jahr 2020 würde in einem solchen Szenario Minus 4,5 Prozent betragen. Im Jahr 2021 würde die Wirtschaftsleistung mit 1,0 Prozent nur sehr langsam wachsen. 

Lars P. Feld, der Vorsitzende des Sachverständigenrats, erklärt die breite Streuung der Prognose mit der Extremsituation, der die Wirtschaft zurzeit ausgesetzt sei. "Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung aufgrund der außergewöhnlichen Situation und der schwierigen Datenlage ist enorm."

An erster Stelle stehe der Schutz der Gesundheit und damit das Ziel, Erkrankte gut zu versorgen und die Ausbreitung des Virus effektiv zu begrenzen. Dazu sollten dem Gesundheitssystem hinreichende finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden und personelle Reserven sowie Notkapazitäten aktiviert werden.

Aber auch die Aufklärung der Bevölkerung über das weitere Vorgehen sei extrem wichtig, betont Feld. "Eine klar kommunizierte Normalisierungsstrategie kann die Erwartungen der Unternehmen und Haushalte stabilisieren und die Unsicherheit verringern." Eine klare Kommunikation trage zudem zur Beruhigung der Akteure auf den Finanzmärkten bei. Sendeten die Mitgliedstaaten des Euroraums ein klares Signal, bei Bedarf zusätzliche fiskalische Ressourcen über bereits bestehende Instrumente wie den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) ab sofort zur Verfügung zu stellen, können sie die Erwartungen auf den Finanzmärkten stabilisieren.

mik/dpa