Wirtschafts- und Infektionsforscher Langsam lockern und testen

Wie soll die Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität geschafft werden? Wirtschafts- und Infektionsforscher plädieren in einer gemeinsamen Studie für einen schrittweisen Öffnungsprozess.
Restaurant in Kühlungsborn (Archivbild): Die Lockerungen sollten der Studie zufolge schrittweise erfolgen

Restaurant in Kühlungsborn (Archivbild): Die Lockerungen sollten der Studie zufolge schrittweise erfolgen

Foto: Jens Büttner/ dpa

Experten schlagen in der Coronakrise einen stufenweisen Öffnungsprozess und mehr Tests vor. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) haben sich für begrenzte, schrittweise Lockerungen der Auflagen ausgesprochen.

Ein "umsichtiger, schrittweiser Öffnungsprozess" könne die wirtschaftlichen Kosten minimieren, ohne die medizinischen Ziele zu gefährden. Deutlichere Lockerungen dagegen seien weder gesundheitlich noch ökonomisch zu empfehlen, schrieben die Forscher in einer gemeinsamen Studie . "Vor diesem Hintergrund ist es ein gemeinsames Interesse von Gesundheit und Wirtschaft, die Lockerung vorsichtig vorzunehmen und sehr intensiv zu beobachten, wie sich die Infektionszahlen entwickeln", heißt es.

"Wenn die Politik kurzfristig mehr Wirtschaftstätigkeit erlaubt, verlängert sich die Phase der Beschränkungen nach unseren Simulationsanalysen so sehr, dass die Gesamtkosten steigen", warnten Ifo-Präsident Clemens Fuest und HZI-Immunologe Michael Meyer-Hermann. Besser sei, "die Lockerung vorsichtig vorzunehmen und sehr intensiv zu beobachten, wie sich die Infektionszahlen entwickeln".

Ruf nach mehr Tests

Die Politik müsste allerdings auch mehr Coronatests veranlassen, um ein Anwachsen der Infektionen zu begrenzen: Das sei "unentbehrlich, um die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Kosten der Pandemie zu begrenzen", mahnten die Institute. Würden die Testkapazitäten deutlich ausgeweitet und mehr Personal dafür eingestellt, könnte man Fälle früh erkennen und neue Infektionsketten verhindern. Annahme für die Berechnungen sei, dass sich ohne wesentliche Kontaktbeschränkungen 300 Infektionen pro Tag kontrollieren lassen und damit die Wirtschaftsleistung kaum eingeschränkt wird.

Bleibe die Ansteckungszahl bei 0,627 und würden die Schließungen, die bis zum 20. April galten, aufrechterhalten, ergäben die Szenarien einen gesamten Wertschöpfungsverlust über die Jahre 2020 und 2021 von knapp 333 Milliarden Euro, heißt es weiter. Mit knapp 288 Milliarden würde der Großteil auf 2020 entfallen, was 8,8 Prozent der Wirtschaftsleistung des Jahres entspräche. Der Rest von 45 Milliarden Euro entfiele auf 2021, was 1,4 Prozent der Wirtschaftsleistung des Jahres wären. 

Leichte Lockerungen mit einer Ansteckungszahl von 0,75 wären dagegen mit einer höheren Wertschöpfung von etwa 26 Milliarden Euro verbunden. Dies entspräche einer Verringerung der volkswirtschaftlichen Kosten um 0,4 Prozentpunkte, heißt es in der Studie.  

Eine weitere Öffnung mit einer Ansteckungszahl von eins wäre hingegen den Wissenschaftlern zufolge mit erheblich größeren wirtschaftlichen Kosten verbunden.

Deutlichere Lockerungen "nicht empfehlenswert"

Weiter heißt es: "Eine Verschärfung der Maßnahmen würde in jedem Szenario größere volkswirtschaftliche Kosten verursachen. Eine Ansteckungszahl von 0,5 würde zusätzliche volkswirtschaftliche Kosten von 1,1 Prozent der Wirtschaftsleistung von 2020 und 2021 verursachen, was 77 Milliarden Euro entspricht. Sollte die Ansteckungszahl sinken auf 0,1, würde dies volkswirtschaftliche Kosten von 4,2 Prozent oder 277 Milliarden Euro auslösen."

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Die Studie geht von 5000 zusätzlichen Todesopfern aus, wenn die vor dem 20. April 2020 getroffenen Maßnahmen beibehalten würden. Diese Zahl nehme bei niedrigen Ansteckungszahlen nur geringfügig ab, steige aber ab 0,9 und mehr deutlich an und erreiche bei 1,0 bereits mehr als 20.000 zusätzliche Opfer.

Der wirtschaftlich günstigste Weg im Einklang mit einer weiteren Epidemie-Eindämmung sei daher eine leichte Lockerung im Vergleich zu den Maßnahmen am 20. April. Deutlichere Lockerungen seien sowohl unter gesundheitlichen als auch unter ökonomischen Aspekten nicht zu empfehlen, schreiben die Forscher.

brt/dpa
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