Wiedereröffnung von Freizeitparks Angst vor der Virenschleuder

Der Corona-Schutz wird gelockert, auch Freizeitparks dürfen wieder öffnen. Doch die erste Fahrt mit der Achterbahn im Heide Park Soltau zeigt: Der Spaß ist nicht mehr derselbe.
Kinderkarussell im Heide Park Soltau: Es riecht nach Lerasept

Kinderkarussell im Heide Park Soltau: Es riecht nach Lerasept

Foto: Claus Hecking

Es riecht nicht nach gebrannten Mandeln und nicht nach Popcorn im Heide Park von Soltau. Es riecht nach Lerasept. Von diesem Flächendesinfektionsmittel machen sie hier reichlich Gebrauch, in Norddeutschlands größtem Vergnügungspark. Schon während die Fahrgäste aus dem "Desert Race" aussteigen, zücken die Parkmitarbeiter ihre Sprühflaschen. Und dann sprayen sie alles mit Lerasept ein, was die Achterbahnnutzer hätten berühren können: Griffe, Bügel, Lehnen. Eine Minute und 28 Sekunden dauert das Prozedere an diesem Mittwochmorgen: mehr als doppelt so lang wie die Fahrt selbst. Aber die Besucher, die als nächste dran sind, stört das kaum. Sie schauen den Reinigern geduldig zu oder knipsen Selfies mit übergestreiftem Mund-Nasen-Schutz. Sie mussten ja noch nicht lange warten.

Niemand muss gerade lange warten im Heide Park. Seit Anfang dieser Woche hat er wieder geöffnet, nach wochenlanger Corona-Zwangspause. Und so spärlich besucht wie jetzt ist der Park so gut wie nie. 1400 Menschen haben für diesen Mittwoch ein Ticket gekauft; in normalen Zeiten kommen an guten Tagen acht-, zehn-, zwölfmal so viele Besucher. Aber die Parkchefin ist schon froh, dass sie hier überhaupt wieder Gäste einlassen dürfen. "Die Leute wollen wieder etwas gemeinsam erleben, nicht nur im Wald Fahrrad fahren", sagt Sabrina de Carvalho. "Freizeitparks haben eine Daseinsberechtigung: den Menschen einen schönen Tag zu bereiten. Und das machen wir jetzt." Zumindest probieren sie es, unter den vorgegebenen Restriktionen.

Jetzt ist wieder Vergnügen angesagt - mit Abstrichen

Achterbahn: Aseptische Atmosphäre

Achterbahn: Aseptische Atmosphäre

Foto: Claus Hecking

Jetzt ist wieder Vergnügen angesagt in Deutschlands Freizeitparks. Dann öffnen viele der rund 100 Betriebe: der Europa-Park und das Phantasialand etwa am Freitag, Legoland am Samstag. Alle haben Corona-Konzepte oder ganze Handbücher ertüftelt, haben Warnschilder aufgestellt, Abstandslinien markiert, sich mit Desinfektionsmittel in rauen Mengen eingedeckt. Nun sollen die Besucher wieder kommen. In großer Schar, um die leeren Kassen zu füllen - oder vielleicht lieber doch nicht ganz so viele, damit der Park nicht zur Virendrehscheibe wird, oder - wie es seit Neuestem heißt: zum Superspreader? Es ist eine Gratwanderung.

Der Heide Park lässt es vorsichtig angehen. Maximal 2000 Tickets pro Tag wurden zum Start angeboten - ausschließlich im Onlinevorverkauf. Anders als etwa bei einer Kirmes können die Betreiber so genau die Besucherzahl kontrollieren. Die Kunden müssen zu vorgegebenen Zeitpunkten erscheinen, damit die Schlange an den Eingängen nicht zu lang wird. Trenngitter, Flatterbänder und Bodenmarkierungen halten die Menschen vor den Toren auf Distanz zueinander; hinter dem Einlass folgt ein Schild mit den üblichen Corona-Regeln.

"Freizeitparks haben eine Daseinsberechtigung"

Heide-Park-Chefin Sabrina de Carvalho

Wer sie nicht einhält, wird daran erinnert: Mund-Nasen-Schutz schon in der Warteschlange, einander Fremde nicht nebeneinander im Karussell. In der Looping-Achterbahn weist der Mitarbeiter den Gästen bestimmte Plätze zu - so freundlich wie bestimmt. Immer wieder müssen Sitze oder Reihen frei bleiben. Bloß nicht zu nahe kommen - das ist das oberste Gebot. Auf sämtlichen Fahrten müssen die Passagiere Masken tragen, auch, um das Risiko zu reduzieren, dass diejenigen in den vorderen Reihen Viren ausatmen, die diejenigen weiter hinten dann einatmen. Die Indoor-Fahrgeschäfte bleiben komplett geschlossen, die Shows sind abgesagt. "In geschlossenen Räumen verschwinden die Aerosole nicht so schnell", sagt De Carvalho.

Achterbahnjunkies kommen im wenig gefüllten Heide Park voll auf ihre Kosten: Die Warteschlangen sind außergewöhnlich kurz. Und wenn niemand ansteht, dürfen die Passagiere sogar sitzen bleiben und kriegen eine zweite oder dritte Runde spendiert. Die Mitarbeiter können sich so im Gegenzug einen Lerasept-Desinfektionsgang sparen.

Die Kehrseite: Auch die Atmosphäre im Freizeitpark ist irgendwie aseptisch. Die dramatische Orchestermusik und die Paukenschläge, mit der Fahrgeschäfte in Endlosschleife Action ankündigen, verhallen in der Leere. Mancherorts auf dem weitläufigen Gelände ist es so einsam, dass man Vögel zwitschern hört. Hier fühlt es sich mehr nach Park an als nach Rummel.

Familienglück: "Schritt in Richtung Normalität"

Familienglück: "Schritt in Richtung Normalität"

Foto: Claus Hecking

Sarah und Dominik sitzen auf den freien Zuschauerrängen vor dem Piratenschiff und machen Pause. Das Pärchen aus Nordhessen, um die 30, hat schon komplette Urlaube mit Freizeitpark-Abklappern verbracht. Die beiden haben nicht lange gezögert, als sie hörten, dass der Heide Park wieder aufmacht. Und jetzt? Haben sie schon am frühen Nachmittag fast alle offenen Fahrgeschäfte abgehakt; es gibt ja kaum Wartezeiten. "Es ist komisch: Ich vermisse das Schlangestehen und das Kindergeschrei ein bisschen", sagt Sarah. Alles sei anders. "Aber es ist ein Schritt in Richtung Normalität." Sie bereue es nicht, hergekommen zu sein.

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Zufrieden ist auch die Familie aus der Nähe von Hamburg: Vater, Mutter, siebenjähriger Sohn, dreijährige Tochter, alle Jahreskarteninhaber "Wir können die Kinder frei laufen lassen, so entspannt ist es hier", sagt der Mann. "Die Menge verläuft sich, es ist wunderschön leer."

Ein Dilemma - für Besucher und Betreiber

Allerdings schreibt der Betreiber, der britische Unterhaltungskonzern Merlin Entertainments, bei einer so geringen Anzahl von Kunden rote Zahlen. Mindestens 2000 Gäste täglich müssten kommen, um wenigstens die variablen Kosten zu decken, sagt Parkchefin de Carvalho. Sie hofft für Pfingsten auf "um die 5000 bis 6000 Besucher". Dann jedoch hieße es an den beliebten Fahrgeschäften wohl wieder lange Schlange stehen. Und das zum Teil in überdachten Bereichen ohne viel Luftdurchzug, zusammen mit vielen fremden Menschen. Es ist für Betreiber und Besucher ein Dilemma.

In den Europa-Park von Rust dürfen jetzt bis zu 10.000 Menschen hinein. Und so viele könnten auch gleich zum Start kommen. Laut Roland Mack, dem Oberhaupt des größten deutschen Freizeitparks, ist die Nachfrage sehr groß. Auch hier werden Tickets allein im Internet verkauft - ebenso wie im Legoland Deutschland in Günzburg oder im Phantasialand bei Köln. 

Der elektronische Kartenverkauf soll auch sicherstellen, dass sich auch vor den Kassen niemand drängeln muss - und überhaupt schon zu Hause erfährt, dass er womöglich an dem gewünschten Tag gar nicht zum Zuge kommt. Außerdem könnte das Onlineticketing im Falle einer Ansteckung die Rekonstruktion der Infektionskette erleichtern. Alle großen Parks predigen ähnliche Regeln wie Soltau: Desinfektion, Maskenpflicht in Fahrgeschäften und Restaurants, Niesen in die Armbeuge. Sowie vor allem Distanz wahren, gerade in den Warteschlangen.

Drachenkarussell: Spielerische Anleitung zur Corona-Distanz

Drachenkarussell: Spielerische Anleitung zur Corona-Distanz

Foto: Claus Hecking

Europa-Park-Chef Mack hat sich noch ein paar Extras ausgedacht, damit die Beschwernisse seinen Besuchern nicht die Laune verderben. Dazu gehören auch die virtuellen Schlangen vor den einzelnen Attraktionen. Per App erfahren die Besucher rechtzeitig, wann sie an die Reihe kommen. Die Software für das Gimmick will Mack künftig auch anderen Parkbetreibern anbieten. Ebenso wie das sogenannte Distance Radar, das ab Juni verfügbar sein soll und die Besucher warnt, wenn der Abstand zum Nebenmann zu klein wird. Um dem Distanzgebot etwas Spielerisches zu verleihen, lobt Mack Prämien für diejenigen aus, die möglichst wenig Distanzverstöße gesammelt haben. Den Kontakt zu Familienmitgliedern oder Freunden zählt das Radar natürlich nicht mit.

Die Parkbetreiber hoffen, dass so wenigstens der Rest der Saison einigermaßen glatt verläuft. "Es geht nur noch um Schadensbegrenzung", sagt Managerin De Carvalho. Ihre Umsatzeinbußen dürften sich schon jetzt auf einen hohen einstelligen Millionenbetrag belaufen. Jede weitere Schließung, etwa im Fall einer zweiten Corona-Welle, würde die Verluste der Branche vergrößern. Schließlich läuft ein Großteil der Betriebskosten weiter, auch ohne Besucher. So müssen Fahrgeschäfte wie Achterbahn regelmäßig bewegt werden; andernfalls nehmen sie Schaden.

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