US-Arbeitsmarkt in der Coronakrise Der Auftakt der Tragödie

Es ist der schlimmste Absturz der Geschichte auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt. Viele Ökonomen haben den Glauben an eine schnelle Erholung verloren. Nur der Präsident malt weiter schön.
Von Ines Zöttl, Washington
Menschenschlange vor einer Jobvermittlung in Los Angeles: "Der traumatischste Jobverlust der Geschichte"

Menschenschlange vor einer Jobvermittlung in Los Angeles: "Der traumatischste Jobverlust der Geschichte"

Foto: ? Mario Anzuoni / Reuters/ REUTERS

Kurz vor der Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktzahlen am Freitag läutete beim Sender Fox das Telefon. Der Präsident war dran. Donald Trump klingelt gern mal bei der  Frühstücksshow "Fox & Friends" an, wenn ihn sein unstillbares Mitteilungsbedürfnis überkommt. Auch diesmal hatte er viel auf dem Herzen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit auf knapp 15 Prozent aber beschäftigte ihn kaum. Die Zahl sei doch erwartet worden, wiegelte Trump ab: "Diese Jobs werden alle zurückkommen, und sie werden sehr schnell zurückkommen, und nächstes Jahr werden wir ein phänomenales Jahr haben."

Ob Trump ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl wirklich so zuversichtlich ist, wie er sich gibt, sei dahingestellt. Grund dazu hat er jedenfalls nicht. Selbst wenn die Konjunktur im Sommer wieder anzieht, könnte es nach Einschätzung von Ökonomen Jahre dauern, bis die US-Wirtschaft ihr Vorkrisenniveau erreicht. Mit der V-förmigen Konjunkturerholung  - also dem rapiden Aufschwung nach dem tiefen Fall – "rechnet niemand, mit dem ich spreche", sagt die Präsidentin der Federal Reserve Bank von San Francisco, Mary Daly.

Anders als den Präsidenten hat der jüngste Arbeitsmarktbericht viele professionelle Beobachter geschockt. Der Rückgang der Beschäftigung um 20,5 Millionen im April sei "der traumatischste Jobverlust in der Geschichte der US-Wirtschaft", so Gregory Daco, US-Chefökonom des Instituts Oxford Economics. In den zwei Jahren der großen Rezession 2008/2009 seien nicht einmal halb so viele Arbeitsplätze verloren gegangen.

Tatsächlich unterzeichnet die offizielle Erwerbslosenrate von 14,7 Prozent die Dramatik der Lage noch. Viele Menschen haben sich nicht formal arbeitslos gemeldet, weil sie davon ausgehen, dass ihre Freistellung nur temporär ist. Die etwas breiter angelegte sogenannte U6-Rate ist auf knapp 23 Prozent hochgeschnellt, ein Anstieg um 14 Prozentpunkte. Seit Beginn der Coronakrise haben 33,5 Millionen Menschen Arbeitslosengeld beantragt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Verwüstung ist flächendeckend

Das Virus hat Amerika zehn Jahre zurück in die Vergangenheit katapultiert – vom Jobaufbau des Aufschwungs ist nichts mehr übrig. Die Verwüstung ist  flächendeckend. Vor allem Dienstleister wie Restaurants, Hotels und Theater haben ihr Personal auf die Straße gesetzt. Aber auch die Industrie baut Stellen ab. In der April-Statistik gibt es nicht einen Sektor, dessen Belegschaften ungeschoren davon gekommen ist:

  • Besonders hart hat es die vom Lockdown unmittelbar Betroffenen des Einzelhandels sowie des Freizeit- und Gastgewerbes getroffen. 7,5 Millionen Jobs gingen allein in letzterem Bereich verloren. Aber nicht nur Kneipen und Kinos warfen Leute raus, selbst Lebensmittelgeschäfte und der Onlinehandel bauten Personal ab.

  • Noch drastischer fiel der Kahlschlag bei Kunst, Unterhaltung und Erholung aus. Die Beschäftigung dort sank um mehr als 50 Prozent. 

  • Weil die "normale" Krankenversorgung wegen Covid-19 eingeschränkt wurde, reduzierte auch das Gesundheitswesen die Zahl seiner Angestellten. 

  • Die Energiefirmen bauten Stellen ab – und angesichts des Ölpreisverfalls, der die Gewinne der Frackingindustrie schmälert, dürfte das Schlimmste hier noch bevorstehen. 

  • Ähnliches gilt für den Staat, der im April schon fast eine Million Menschen zum Arbeitsamt schickte. Viele Bundesstaaten und Gemeinden stehen vor dem Haushaltskollaps, weil die Steuereinnahmen sinken, die Ausgaben durch die Pandemie aber steigen.

Die Folgen des Wirtschaftsabsturzes treffen bislang vor allem diejenigen, die die Früchte des letzten Aufschwungs als Letztes ernteten: Die Arbeitslosenrate von Latinos und Afroamerikanern liegt über der weißer Amerikaner. Es sei "herzzerreißend", dass die beste Arbeitsmarktlage, die Geringverdiener und Minderheiten "in ihrem ganzen Leben erlebt haben", nun durch die Pandemie gefährdet sei, klagte jüngst Fed-Chef Jerome Powell. Und auch Frauen sind im Schnitt öfter arbeitslos. "Niedriglohnempfänger erleben gerade ihre eigene Große Depression", sagte die Arbeitsmarktexpertin Ahu Yildirmaz vom ADP Research Institute der "Washington Post". Eine Anspielung auf die Krise der Dreißigerjahre, die sich tief in Amerikas kollektive Psyche gebrannt hat. 

Je länger die Rezession dauert, desto mehr muss aber auch die Mittelschicht um ihre Jobs fürchten. Unternehmen wie Boeing, U.S. Steel, General Electric und United Airlines, aber auch Uber und Airbnb haben Personaleinsparungen angekündigt. Noch vertrauen viele darauf, dass in Amerikas superflexiblem Arbeitsmarkt der Welle der Entlassungen schon bald wieder eine Welle der Einstellungen folgt. Die Bundesstaaten South Carolina, Georgia und Texas treiben die Öffnung ihrer Wirtschaft voran, auch andere lockern die Beschränkungen. Die Erwartung sei, dass die Arbeitslosen dann wieder in ihre Unternehmen zurückkehren könnten, so Ryan Sweet von Moody's Analytics. "Aber dafür gibt es keine Garantie."

Entlassene Mitarbeiter aus Hotel- und Gaststättengewerbe in Los Angeles beim Ausfüllen ihrer Anträge auf Arbeitslosengeld

Entlassene Mitarbeiter aus Hotel- und Gaststättengewerbe in Los Angeles beim Ausfüllen ihrer Anträge auf Arbeitslosengeld

Foto: Marcio Jose Sanchez/ AP

Mehr als 40 Millionen Arbeitslose erwartet

"Die Wirtschaft wurde viel schneller geschlossen, als sie wieder öffnen kann", warnt auch die renommierte Volkswirtin Diane Swonk von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Grant Thornton. Denn die Ansteckungsgefahr sei "weiterhin ein Problem". Die Unternehmen würden noch für Monate hinaus mit Einschränkungen planen. Und viele Restaurants könnten wegen der Auflagen ohnehin nicht mehr kostendeckend wirtschaften. "Das Risiko ist hoch, dass die Arbeitslosigkeit nicht temporär ist, sondern fortdauert", glaubt Swonk. Das unabhängige Congressional Budget Office schätzt, dass die Arbeitslosigkeit auch Ende 2021 noch bei knapp zehn Prozent liegen wird, und damit so hoch wie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.

Auch Joseph Brusuelas, Chefökonom der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RSM, ist pessimistisch. Er erwartet, dass die Zahl der Arbeitslosen noch über die Marke von 40 Millionen steigt. Und für jeden Vierten könnte der Jobverlust dauerhaft sein, schätzt Brusuelas. Für ihn sind die April-Zahlen nur "der Auftakt zu einer Tragödie".

Der Ökonom, der sich seit 20 Jahren mit Amerikas Wirtschaft beschäftigt, beschreibt die Lage mit einem Zitat aus der Schlussszene aus Shakespeare's Drama "King Lear": "Den Druck der trüben Zeit muss man nun tragen; was man fühlt, sprechen, nicht, was man sollte, sagen. Der Ältste trug am schwersten: jung daneben werden wir nie soviel sehn noch so lange leben."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.