Minijobberinnen in der Pandemie Von 450 Euro auf null

Geringer Verdienst, schlechte Absicherung: Keine Gruppe hat die Coronakrise härter getroffen als die 450-Euro-Jobber, so das Ergebnis einer DIW-Studie. Die Autoren verlangen radikale Reformen.
Jobbörse (Symbolbild)

Jobbörse (Symbolbild)

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Im internationalen Vergleich ist der deutsche Arbeitsmarkt bislang glimpflich durch die Krise gekommen. Doch auch hier hat die Pandemie Spuren hinterlassen, vor allem bei den Schwächsten - den geringfügig Beschäftigten.

Im Juni 2020 etwa ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lediglich um 0,2 Prozent oder rund 63.000 Menschen gesunken. Im selben Zeitraum verschwanden jedoch 850.000 Minijobs. Das ist ein Minus von zwölf Prozent. Mit 13 Prozent waren Frauen vom Rückgang etwas stärker betroffen als Männer (elf Prozent). Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die dem SPIEGEL vorliegt.

"Beschäftigte in Minijobs sind die Verlierer und Verliererinnen der Corona-bedingten Rezession", sagt Markus Grabka, einer der Autoren. Für den DIW-Forscher ist auch unabhängig von diesem Befund "eine Reform der Minijobs längst überfällig".

Das Grundproblem

Dass Minijobber besonders stark von der Krise betroffen sind, liegt nach Ansicht von Grabka vor allem an ihrer ungesicherten Situation. Sie haben weder einen Anspruch auf Kurzarbeitergeld noch auf Arbeitslosengeld.

Zugleich haben etwa 40 Prozent der Minijobber nach eigenen Angaben keinen Arbeitsvertrag oder verfügen nur über einen befristeten Vertrag, so die Studie. "Gerade in einer Rezession können diese Beschäftigten schneller vor die Tür gesetzt werden als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die entsprechenden tarifvertraglichen und arbeitsrechtlichen Schutz genießen", sagt Grabka.

Deshalb tauchen auch nicht alle Betroffenen automatisch in der Arbeitslosenstatistik auf. Für ihre Studie nutzten die DIW-Forscher deshalb nicht nur die Daten der Bundesagentur für Arbeit und der Minijobzentrale, sondern auch die des hauseigenen Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) – eine jährlich stattfindende große repräsentative Haushaltsbefragung.

Das Ausmaß

Mit den Arbeitsmarktreformen von 2003 wurden die Rahmenbedingungen für geringfügige Beschäftigung verändert. In der Folge stieg die Zahl der Minijobs bis 2019 um 43 Prozent auf 7,6 Millionen an. Am Stichtag im Juni vergangenen Jahres waren 19 Prozent aller Arbeitnehmer geringfügig beschäftigt. Da es aber auch Minijobs gibt, die nur für Wochen oder ein paar Monate vergeben werden, ist die Gesamtzahl noch höher: 2018 waren es rund 13 Millionen.

Während die Zahl der Menschen, die ausschließlich in Minijobs arbeiten, relativ konstant blieb, stieg der Anteil derer, für die er eine Nebentätigkeit ist, von 17 Prozent auf 39 Prozent in diesem Zeitraum. 2019 waren es rund drei Millionen.

Wer seinem Minijob nebenher nachgeht, verdient im Schnitt im Hauptjob nicht gerade üppige 1700 Euro brutto. Als Haupttätigkeit wird er vor allem von Frauen ausgeübt, ihr Anteil beträgt zwei Drittel in dieser Gruppe. Minijobber leben eher in Westdeutschland. Überdurchschnittlich viele von ihnen sind unter 25 Jahren oder über 65 Jahre alt, also eher Schüler und Studenten oder Rentner.

Überdurchschnittlich viele Minijobs gibt es im Groß- und Einzelhandel, im Gastgewerbe, in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales, im Transportgewerbe.

Der Corona-Effekt

Der starke Abbau der Minijobs hängt demnach auch damit zusammen, dass die Krise besonders auch in Branchen zugeschlagen hat, in denen Minijobs häufig sind. So ist die Zahl der Minijobber im Gastgewerbe um 326.000 (36 Prozent) gesunken. Stark betroffen ist etwa auch das Veranstaltungsgewerbe. "Dort ist ein Rückgang von zwölf Prozent zu beobachten", sagt Grabka.

Vergleiche der SOEP-Befragungen von 2019 und dem Frühjahr 2020 zeigen, dass Minijobber in Haupttätigkeit besonders von Corona und seinen Arbeitsmarktfolgen betroffen sind. Es trifft in der Tendenz eher die Jüngeren und die Älteren. "Beim Geschlechterverhältnis ist es so, dass Frauen häufiger ihren Minijob verloren haben", sagt der DIW-Ökonom.

Die Reformvorschläge

Aus Sicht der Forscher hat sich die Hoffnung, Minijobs könnten eine Brücke in normale sozialversicherungspflichtige Jobs sein, nicht erfüllt. Drei Viertel aller Minijobber erhielten einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle, mittelfristig seien die Beschäftigten "nicht selten von Altersarmut bedroht".  Deshalb stelle sich die Frage, ob diese Jobs durch die Befreiung von Steuern und Sozialabgaben überhaupt privilegiert werden sollten.

"Unserer Ansicht nach wäre es der richtige Weg, dass man die Minijobschwelle absenkt, zum Beispiel von derzeit 450 Euro auf 300 Euro im Monat", sagt Grabka. Dadurch hätten die Unternehmen weiterhin ein gewisses Maß an Flexibilität, um etwa Auftragsspitzen abzufangen. Zugleich würde aber der Anreiz größer, Minijobs in sozialversicherungspflichtige und besser abgesicherte Jobs umzuwandeln.

Für Minijobs, die als Nebentätigkeit ausgeübt werden, sollte wieder die Sozialversicherungspflicht eingeführt werden, so Grabka, "weil von diesem Privileg auch Besserverdienende profitieren".

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