Coronakrise So wollen Topökonomen Deutschland wieder hochfahren

Die Wirtschaft in Deutschland ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Wie sieht ein sinnvoller Neustart aus - möglichst bald, aber ohne die Corona-Verbreitung zu fördern? Ökonomen haben einen Plan.
Airbus-Mitarbeiterin arbeitet an Industrieroboter (Symbolbild): "Sektoren mit niedriger Ansteckungsgefahr" zuerst geöffnet werden, etwa "hochautomatisierte Fabriken"

Airbus-Mitarbeiterin arbeitet an Industrieroboter (Symbolbild): "Sektoren mit niedriger Ansteckungsgefahr" zuerst geöffnet werden, etwa "hochautomatisierte Fabriken"

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Axel Heimken/ dpa

Die Geld-oder-Leben-Frage hält Clemens Fuest für Unsinn. "Manche äußern die Idee, man müsse jetzt entweder vorrangig die Gesundheit schützen oder die Wirtschaft", sagte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts dem SPIEGEL. "Aber die Vorstellung ist grundfalsch, wir könnten jetzt das Wirtschaftsleben einfach so wieder öffnen, während das Coronavirus grassiert, und dieser Epidemie ihren Lauf lassen." Und ebenso undenkbar sei ein funktionierendes Gesundheitssystem ohne eine funktionierende Wirtschaft.

In den kommenden Tagen müssen Bundesregierung und Landesregierungen entscheiden: Heben sie die Kontaktsperren und den Stillstand weiter Teile des öffentlichen Lebens nach dem 19. April auf - mit dem Risiko, dass die Infektionszahlen wieder hochschnellen? Oder verlängern sie den Shutdown und nehmen in Kauf, dass die Wirtschaft weiter in die Knie geht?

Diese Fragen treiben gerade auch Deutschlands führende Ökonomen um. Ihre Antwort lautet: Öffnen. Aber nur unter strengen Bedingungen - und sehr behutsam.

"Wir müssen in den kommenden Wochen und Monaten einen Prozess der wachsamen Normalisierung durchlaufen", sagt Christoph M. Schmidt, der Präsident des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung und langjähriger Chef der Wirtschaftsweisen.

Die Grundvoraussetzungen hierfür seien: mehr Testkapazitäten für Corona-Infektionen, die Einführung immunologischer Tests und schließlich die Entwicklung eines Impfstoffs. "Wir können dann schrittweise Bereiche des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens reaktivieren - immer unter der Voraussetzung, dass die Infektionsrate beherrschbar bleibt." Bei einer explosionsartig steigenden Zahl von Neuansteckungen hingegen sei der Ausstieg aus dem Shutdown nicht durchzuhalten.

Die Zeit drängt. Zwischen 150 und 260 Milliarden Euro kostet ein Monat Stillstand von Industrie, Handel und Dienstleistungen nach Berechnungen des Ifo-Instituts. Obendrauf kommen hohe gesundheitliche und soziale Kosten durch physische und psychische Erkrankungen sowie Arbeitslosigkeit. Und diese Einbußen dürften überproportional steigen, je länger es dauert.

Als es im März losging mit den Schulschließungen, schlossen sich Fuest und der Würzburger Mediziner Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, zusammen. Gemeinsam mit zwölf weiteren Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen haben sie Empfehlungen für eine Exit-Strategie entworfen. Infektiologen, eine Medizinethikerin, eine Sozialpsychologin und ein Rechtsphilosoph haben mitgeschrieben an dem 37-seitigen Papier mit dem Titel "Die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie tragfähig gestalten".

Ifo-Chef Fuest und seine Mitstreiter halten eine Öffnung nur unter bestimmten Bedingungen für machbar.

  • Erstens müsse ausreichend Schutzkleidung für Ärzte und Pfleger vorhanden sein.

  • Zweitens müssten Kapazitäten für flächendeckende Tests weiter ausgebaut werden, um infizierte und immune Menschen so gut wie möglich zu identifizieren.

  • Drittens sollten möglichst große Teile der Bevölkerung Masken tragen - soweit diese vorhanden sind.

"Wir hören, dass in allen Bereichen gerade große Fortschritte gemacht werden, aber wie genau die Lage aussieht, wissen wir nicht", sagt Fuest. Ein konkretes Datum für die Aufhebung des Lockdowns will er daher nicht empfehlen.

Nach Einschätzung der Studienautoren sollen "Sektoren mit niedriger Ansteckungsgefahr" zuerst geöffnet werden, "zum Beispiel hochautomatisierte Fabriken" und Einrichtungen "mit weniger vulnerablen Personen, zum Beispiel Schulen und Kindertagesstätten". Auch Betriebe mit hoher Wertschöpfung, etwa aus dem verarbeitenden Gewerbe, sollten möglichst bald wieder laufen. Ebenso sollten Ladeninhaber ihre Geschäfte wieder aufsperren dürfen, sofern sie dafür sorgen können, dass ihre Mitarbeiter und Kunden ausreichend Abstand zueinander halten.

Im Gegenzug müssten Schüler oder Lehrer, die zu einer Risikogruppe zählen, wegen der Ansteckungsgefahr weiter zu Hause bleiben, sagt Fuest. Firmen, in denen gut mit Homeoffice gearbeitet werden könne, hätten geringere Priorität als solche, deren Mitarbeiter anwesend sein müssten. Das Wiederhochfahren der Produktion könne zudem nicht angeordnet werden. In der Autoindustrie etwa haben zahlreiche Unternehmen den Betrieb freiwillig stillgelegt, etwa weil es gerade kaum Nachfrage gibt oder wichtige Teile aus der Lieferkette fehlen. Vielen Restaurants könnten Abstandsregeln zum Verhängnis werden, weil sie mit einem Bruchteil der Tische kaum profitabel kochen können. Und: "Sektoren mit hoher Ansteckungsgefahr sollten vorerst geschlossen bleiben", schreiben die Autoren, "insbesondere Veranstaltungen mit vielen Zuschauern, Diskotheken, Klubs."

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Die Wirtschaft würde demnach nur auf kleiner Flamme wieder hochfahren. Umso wichtiger sei die Unterstützung des Staates, etwa für Soloselbstständige und Kleinstbetriebe, sagt RWI-Chef Schmidt: "Jetzt müssen diese Hilfen noch schnell dort ankommen, wo sie gebraucht werden."

Ganz besonders gefährdet seien innovative Start-ups, "weil sie nicht die Strukturen und Rücklagen haben, eine lange Krise zu überbrücken. Gerade diese zarten Pflänzchen müssen wir jetzt besonders schützen, damit sie nach der Krise weiterwachsen können". Schmidt fordert die Einrichtung eines Krisenstabs, der alle relevanten Wirtschaftssektoren beobachtet, ihre Anliegen zentral bündelt und Lösungen für Probleme entwickelt. 

"In den nächsten Monaten muss sich der Staat vor allem darauf konzentrieren, das Überleben der Betriebe zu sichern: etwa indem er den Unternehmen Liquiditätshilfen gibt", fordert Fuest. Ihm zufolge sollten Firmen erweiterte Möglichkeiten bekommen, Verluste des laufenden Jahres in ihrer Steuererklärung für 2019 geltend zu machen. Zudem plädiert Fuest für gezielte Stimulierungsprogramme. So könne man die Baubranche ebenso durch staatliche Investitionen fördern wie die Digitalisierung der Verwaltung.

Erwartung: ein ausgeprägtes U

RWI-Chef Schmidt sieht das ähnlich:  "Wir sollten aus unserer Not eine Tugend machen und in qualitative Sprünge investieren - zum Beispiel beim E-Learning oder der technischen Ausstattung für mobiles Arbeiten. Die Produktivitätsschübe, die diese Investitionen auslösen, wirken weit über die gegenwärtige Krise hinaus."

Klar ist aber auch: Selbst wenn diese Programme funktionieren, müssen sich die Deutschen auf eine tiefe Rezession einstellen. "Die Beschränkungen werden sehr lange anhalten und der Effekt könnte weit über die Weltfinanzkrise von 2008/9 hinausgehen", sagt Fuest.

"Eine kurzfristige Erholung und dann business as usual ist wohl eine Illusion." Der Ifo-Chef erwartet ein "ausgeprägtes U", also ein lang anhaltendes konjunkturelles Tief, ehe es dann wieder aufwärts geht. "Eine Schrumpfung um 10 Prozent, wie von einigen Banken geschätzt, ist in diesem Jahr durchaus im Bereich des Möglichen."