Kampf gegen Coronakrise Der wahre Wumms kommt vom Kinderbonus

Zwanzig Milliarden kostete es den Staat, die Mehrwertsteuer zu senken. Doch im Kampf gegen die Coronakrise war eine andere Maßnahme viel effektiver: zusätzliches Kindergeld.
Familie im Lockdown (Symbolbild): Hilfe, wo sie besonders nötig war

Familie im Lockdown (Symbolbild): Hilfe, wo sie besonders nötig war

Foto: SanyaSM / Getty Images

Im Juni 2020 kündigte die Bundesregierung ein historisches Konjunkturpaket an, das Finanzminister Olaf Scholz (SPD) als »Wumms« gegen die Coronakrise bewarb. Zugleich starteten die Regierenden ein »großes Realexperiment«.

So umschreibt Sebastian Dullien, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), die Tatsache, dass mit dem Paket parallel verschiedene Instrumente zur Stützung der Wirtschaft eingesetzt wurden und nun in ihrer Wirkung verglichen werden können:

  • die bis Jahresende befristete Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent und

  • der sogenannte Kinderbonus. Durch ihn wurde das Kindergeld einmalig um insgesamt 300 Euro je Kind erhöht.

Das Ziel beider Schritte war das gleiche: Um die von Lockdown und Lieferproblemen schwer getroffene Wirtschaft zu stützen, sollten Bürger zu zusätzlichen Ausgaben ermutigt werden. Bei der Steuersenkung sollte das über sinkende Preise geschehen, beim Kinderbonus durch zusätzliches Geld auf dem Konto.

Noch ein Unterschied: Während die Mehrwertsteuersenkung den Staat rund 20 Milliarden Euro an Einnahmen kostete, wurden für den Kinderbonus nur gut vier Milliarden Euro ausgegeben.

Diese Gewichtung sollte die Regierung überdenken, bevor sie das nächste Konjunkturpaket schnürt. Zu diesem Ergebnis kommen Dullien und zwei IMK-Kollegen in einer Analyse , die an diesem Mittwoch erscheint. Sie liefere »starke Indizien dafür, dass der Kinderbonus im Verhältnis zum eingesetzten Steuergeld weitaus mehr ›Wumms‹ gebracht hat als die zeitweilige Senkung der Mehrwertsteuer«, sagt Dullien. Der Effekt pro Euro könnte den Forschern zufolge sogar rund doppelt so groß sein. Woran liegt das?

Die Preise sanken, doch die Bürger kauften kaum mehr

Zum einen ist die Steuersenkung als Kaufanreiz weitgehend verpufft, obwohl Unternehmen sie durchaus an die Verbraucher weitergaben. Die IMK-Forscher befragten im November 2020 zum dritten Mal nach April und Juni mehr als 6100 Erwerbstätige und Arbeitsuchende. Die Daten sind repräsentativ für Erwerbstätige in Bezug auf die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland. Von den Befragten glaubte eine deutliche Mehrheit, dass die Steuersenkung »ganz überwiegend« (knapp 30 Prozent) oder zumindest »teilweise« (56 Prozent) weitergegeben wurde. Das deckt sich mit Untersuchungen der tatsächlichen Preisentwicklung.

Die sinkenden Preise motivierte allerdings nur eine Minderheit dazu, tatsächlich mehr einzukaufen. Rund 79 Prozent gaben an, die Mehrwertsteuersenkung habe keine Auswirkungen auf ihr Konsumverhalten. Weitere 16 Prozent berichteten, sie hätten zumindest Anschaffungen vorgezogen. Und nur 4,5 Prozent wurden nach eigenen Angaben durch die Steuersenkung zu zusätzlichen Ausgaben motiviert.

Das heißt nicht, dass die Steuersenkung völlig nutzlos war. Auch wenn sie nicht mehr Geld ausgaben, wurden Verbraucher schließlich durch sinkende Preise entlastet. Und wo Unternehmen ihre Preise nicht senkten, entlastete sie dies zumindest selbst. So könnten Pleiten und Entlassungen vermieden oder der Konsum der Unternehmenseigner angeregt worden sein, heißt es in der Studie. Doch der Effekt der 20 Milliarden Euro für die Steuersenkung blieb gering: Auf zusätzliche Konsumausgaben von nur 6,3 Milliarden kam das Ifo-Institut, was laut IMK gut zu den eigenen Ergebnissen passt.

Anders sieht es beim Kinderbonus aus. Den hatten im November, wenige Wochen nach der Auszahlung, bereits 37 Prozent der Befragten mit Kindern komplett ausgegeben. Bei weiteren 27 Prozent war der Bonus zumindest teilweise in den Konsum geflossen. Bislang vollständig gespart hatten die Einmalzahlung nur 36 Prozent der Befragten. Mithilfe von Antworten zur noch geplanten Verwendung berechneten die Wissenschaftler, dass innerhalb von zwölf Monaten nach Auszahlung rund 65 Prozent des Bonus ausgegeben werden dürften.

Die Ausgabenfreude dürfte in vielen Fällen aus der Not geboren sein. Gerade Familien mit einem Haushaltseinkommen von weniger als 1500 Euro netto berichteten, dass sie in der Pandemie mehr Geld ausgeben mussten – etwa um Geräte für den Onlineunterricht anzuschaffen oder kostenloses Schulessen zu ersetzen. Diese Gruppe gab entsprechend an, den Bonus zu mehr als 80 Prozent ausgeben zu wollen.

Bei Haushalten, die monatlich über mehr als 4500 Euro verfügen, flossen hingegen nur rund 45 Prozent in den Konsum. Beim Mehrwertsteuerrabatt war die Tendenz umgekehrt: Dieser motivierte vor allem wohlhabendere Haushalte zu zusätzlichen Ausgaben.

Der Kinderbonus half damit den Forschern zufolge dort, wo es besonders nötig war. Gezielte Transfers an Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen schienen »ein besseres Mittel zu sein, um die Konjunktur in Krisensituationen zu stützen, als vorübergehende Steuersenkungen«, schreiben sie.

Auf offene Ohren scheint diese Empfehlung im Familienministerium zu treffen. Ressortchefin Franziska Giffey deutete in der vergangenen Woche an, der Kinderbonus könne in diesem Jahr erneut ausgezahlt werden. »Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht«, sagte die SPD-Politikerin im Bundestag. Es gebe bereits eine Diskussion, und sie »denke, dass da in den nächsten Tagen sich auch noch Dinge entwickeln werden«.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.