Henrik Müller

Deutsche Konjunktur Von diesen Menschen hängt der künftige Erfolg unserer Gesellschaft ab

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Stimmung in Unternehmen und am Arbeitsmarkt hellt sich auf - der deutschen Wirtschaft könnte es besser gehen, als viele denken. Doch über den Berg sind wir noch nicht. Die Politik muss nun dringend Akzente setzen.
Aktuelle Daten zeigen, dass die wirtschaftliche Lage sich überraschend schnell aufzuhellen scheint

Aktuelle Daten zeigen, dass die wirtschaftliche Lage sich überraschend schnell aufzuhellen scheint

Foto: Oliver Rossi / Getty Images

Die Wirklichkeit zu erkennen, ist eine schwierige Angelegenheit. Wahrzunehmen, was ist, kann so lange dauern, dass sich in der Zwischenzeit die Lage schon wieder fundamental verändert. Wir tasten uns durch eine Nebelwand voran.

Schon die unmittelbare Vergangenheit zu erfassen, ist gar nicht so einfach. Im zweiten Quartal dieses Jahres herrschte Ausnahmezustand: Shutdowns, Grenzschließungen und Produktionsstopps. Das vorläufige Resultat: Um mehr als elf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist das Bruttoninlandsprodukt (BIP) geschrumpft - ein Rekordminus, die schwerste Rezession, die die Bundesrepublik jemals erlebt hat.

Nun, da die düstere Wirklichkeit in belastbaren Zahlen vorliegt, richtet sich die deutsche Politik auf eine lange Dürrephase ein. In der Diskussion sind: eine Verlängerung des Kurzarbeitergelds, die weitere Aussetzung der Insolvenzregeln für Unternehmen, zusätzliche Hilfen für kleinere und mittlere Firmen, die tarifliche Einführung der Vier-Tage-Woche.

Es sind Maßnahmen für eine Wirtschaft, die sich darauf einstellt, auf längere Sicht im Krisenmodus zu verharren. Die schockierenden Erfahrungen der unmittelbaren Vergangenheit werden in die Zukunft verlängert. Doch es ist durchaus möglich, dass sich die Lage rascher normalisiert als bislang angenommen. Interventionen, die sich im Zustand der Depression richtig sein mögen, könnten sich eher früher als später als falsch erweisen.

Nach dem Crash

Ein paar Indizien: Aktuelle Daten zeigen, dass die Lage sich überraschend schnell aufzuhellen scheint. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der wichtigste Indikator für die Stimmung bei den Unternehmen, ist zuletzt sprunghaft angestiegen. Zwar beurteilten die befragten Firmen ihre aktuelle Situation im Juli  immer noch als ziemlich mies. Doch was die Geschäftserwartungen für die nähere Zukunft betrifft, sind sie so optimistisch wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Die sogenannte Konjunkturuhr des Ifo-Instituts hat auf Aufschwung geschaltet.

Einen Anstieg der Wirtschaftstätigkeit zeigt auch der "Wöchentliche Aktivitätsindex" (WAI) der Bundesbank an. Mit diesem Instrument versuchen die Frankfurter Notenbanker seit einigen Monaten, die zeitliche Lücke zwischen der Erfassung der Wirtschaftstätigkeit und der statistischen Aufbereitung zu verkürzen. Statt auf die amtlichen Meldungen zu warten, schauen sie nun auch auf ständig verfügbare Größen wie den Stromverbrauch, die Lkw-Mautdaten oder das Flugaufkommen.

Die Meldung  in der vorigen Woche fiel spektakulär positiv aus: Den Berechnungen zufolge hätte das BIP-Wachstum zuletzt den höchsten Wert seit Beginn der Zeitreihe erreicht. Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen; der Indikator ist neu und befindet sich nach wie vor in der "Bearbeitungsphase", wie die Bundesbank formuliert. Nichtsdestotrotz zeigt die aktuelle Entwicklung des WAI ein bemerkenswert rasches Anspringen in den Wochen seit der Shutdown-Phase zwischen März und Mai.

Gestützt wird dieser Befund vom Frühindikator, den das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf Basis von Umfragen bei den lokalen Arbeitsagenturen ermittelt. Im Juli ist das IAB-Arbeitsmarktbarometer  stark gestiegen. Der Negativtrend am Arbeitsmarkt sei "weitgehend gestoppt", so das IAB. Die Werte sind zwar alles andere als berauschend, zeigten aber auch "keine gravierende Verschlechterung in den kommenden Monaten". Die Zeichen stehen auf Stabilisierung bei hohem Beschäftigungsstand.

Die relative Ruhe am Arbeitsmarkt flößt auch den Konsumenten Vertrauen ein. Deren Stimmung hat sich nach Ermittlungen der GfK  seit Ende des Shutdowns rasch aufgehellt.

Die Botschaft, die von den aktuellen Indikatoren ausgeht, lautet: Deutschland steckt, glücklicherweise, nicht in einer Depression. Fürs laufende dritte Quartal erwartet die Bundesbank  sogar, dass die Wirtschaft "wieder kräftig" expandiert.

Sind wir zu pessimistisch? Vielleicht. Waren die massiven Stützungsmaßnahmen durch Regierungen und Notenbanken am Ende falsch? Nein. Sollte die Wirtschaftspolitik andere Akzente setzen? Definitiv.

Covid, Trump und andere Kalamitäten

So erfreulich die aktuellen Tendenzen für Deutschland ausfallen mögen: Wir sind längst nicht über den Berg. Bis die Wirtschaft wieder das Vorkrisenniveau erreicht hat, wird noch einige Zeit vergehen. Entsprechend gefährlich wäre eine rasche wirtschaftspolitische Vollbremsung - samt Entzug der Stützungsmaßnahmen.

Die Unsicherheit, die über der Wirtschaft hängt, ist immer noch groß. Der Economic Policy Uncertainty Index  für Deutschland ist zwar zuletzt zurückgegangen, zeigt aber noch eine erhöhte Alarmbereitschaft an.

Kaum verwunderlich: Die wieder ansteigenden Infektionszahlen zeigen, dass die Coronakrise die Welt nach wie vor im Griff hat. Erneute Shutdowns, Produktionsausfälle und Grenzschließungen bleiben möglich. Auch wenn Beschäftigte, Unternehmen und Behörden mit den Covid-19-bedingten Gefahren inzwischen besser umgehen können, so sind üble Überraschungen leicht vorstellbar.

Dazu kommen neue politische Unsicherheiten. Die USA, immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt und das Land mit der höchsten Nachfrage nach deutschen Exporten , steuern auf eine Verfassungskrise zu. Präsident Donald Trump hat angedeutet, eine mögliche Abwahl im November nicht anzuerkennen. Auch eine nach Punkten korrekt errungene zweite Amtszeit Trumps könnte desaströse Folgen für die innere Verfassung der USA und die internationale Ordnung haben. Und die Belarus-Krise  hat das Zeug, die Spannungen zwischen der EU und Russland weiter zu erhöhen. Das sind nur einige Beispiele.

Es kommt auf Leute an, die bereit sind, Neues auszuprobieren

Die großvolumigen Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken auf dem Höhepunkt der Coronakrise waren vor allem eine Therapie gegen die Unsicherheit. Der "Bazooka"-Ansatz der Bundesregierung, das Programm der Europäischen Zentralbank zum Aufkauf von Staatsanleihen und der EU-Krisenfonds waren wirksame Instrumente, die Bürgern und Unternehmen die Angst vor einem Systemkollaps genommen haben.

Nun sollte es darum gehen, die weitere Zukunft in den Blick zu nehmen. Der Staat kann die Einkommen von Privatbürgern eine Zeit lang absichern, die Nachfrage ankurbeln, strauchelnde Unternehmen und Banken auffangen, aber er kann nachhaltige Wohlstandszuwächse weder dekretieren noch herbeisubventionieren.

Nötig wäre ein Innovationsschub, der das produktive Potenzial der Wirtschaft vermehrt. Gerade in der jetzt beginnenden Erholungsphase kommt es auf Leute an, die bereit und in der Lage sind, in dieser wirtschaftlich, politisch und epidemiologisch höchst unübersichtlichen Lage zu handeln und Neues auszuprobieren.

Das gilt nicht nur für Unternehmer und Manager, sondern auch für das breite gesellschaftliche Fundament: Menschen mit mittlerer Qualifikation, die sich beruflich engagieren und fortbilden und die sich gleichzeitig um die Generationen ihrer Kinder und ihrer Eltern kümmern müssen. Vor allem von diesen zig Millionen ganz normalen Leuten hängt der künftige Erfolg dieser Gesellschaft ab. Die Leistungsanreize für diese Gruppe zu stärken, sollte Politik und Wirtschaft ein zentrales Anliegen sein - durch eine Neuordnung des Sozialstaats, mit dem Ziel, die Abgabenlast in unteren und mittleren Einkommensgruppen zu senken.

Der Fluch der späten Tat

Krisen bieten Chancen. Der Strukturwandel beschleunigt sich. Neue Bedürfnisse und Bedarfe entstehen. So ist es auch diesmal.

Die Politik sollte den Wandel abfedern, aber nicht behindern. Branchen, die nachhaltig in Schwierigkeiten sind, müssen unweigerlich schrumpfen und Jobs streichen. Unternehmen, die überschuldet sind, müssen Insolvenz anmelden. Beschäftigte brauchen klare Signale, welche Arbeitsplätze zukunftsfähig sind und welche nicht, damit sie sich gegebenenfalls umorientieren können. Ähnliches gilt für Kunden und Gläubiger. Das ist ein Gebot der Fairness und eine Grundbedingung für das Funktionieren der Wirtschaft. Wer überweist einem Unternehmen Geld, wenn man nicht halbwegs sicher sein kann, ob es die vereinbarte Leistung überhaupt erfüllen kann?

Die wirtschaftliche Erholung, die sich in den Frühindikatoren andeutet, sollte zunächst Forderungen nach einer Ausweitung der Sondermaßnahmen Einhalt gebieten. Und wenn sich der positive Trend verfestigt? Bereits Anfang März, als die Coronakrise gerade begann, haben wir an dieser Stelle über die Risiken und Nebenwirkungen eines verspäteten Ausstiegs aus dem Krisenmodus diskutiert.

Dieser Zeitpunkt rückt näher.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Charlotte - Donalds Kür – Beginn des Parteitags der US-Republikaner. Zweck ist die Ausrufung des Amtsinhabers Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.