Ökonom Südekum zum neuen Shutdown "Das war eine Entscheidung im Blindflug"

Deutschland wird für einen Monat teilweise heruntergefahren. Der Ökonom Jens Südekum erklärt, warum nun noch mehr staatliche Hilfen für die Wirtschaft notwendig sind - und was die Politik besser machen muss.
Ein Interview von Tim Bartz
Tische und Stühle vor einem Restaurant in Nordrhein-Westfalen: Harte Zeiten für die Gastronomie

Tische und Stühle vor einem Restaurant in Nordrhein-Westfalen: Harte Zeiten für die Gastronomie

Foto: Wedel / imago images/Kirchner-Media

Der neu angekündigte Shutdown für das öffentliche Leben in Deutschland droht auch zu einer Art frühzeitigem Winterschlaf für die deutsche Wirtschaft zu werden. Vor allem Kleinbetriebe und Gastronomen sehen sich durch die neuerlichen Kontaktbeschränkungen und Öffnungsverbote in ihrer Existenz bedroht.

Doch auch für die Gesamtwirtschaft, die sich gerade wieder im Aufschwung befand, dürften die neuen Maßnahmen ein harter Rückschlag werden. Die Bundesregierung hat zwar angekündigt, betroffene Betriebe großzügig zu entschädigen. Doch ob das reichen wird, ist unklar.

Der Ökonom Jens Südekum begrüßt die neuen Beschlüsse zwar grundsätzlich, sieht aber auch Fehler der Politik. "Beim nächsten Mal müssen wir eine bessere Entscheidungsbasis haben, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen", sagt er im Interview.

SPIEGEL: Herr Südekum, Deutschland muss wieder in den Shutdown. Wie bewerten Sie die Maßnahmen der Politik für die Wirtschaft?  

Südekum: An dem, was die Politik jetzt beschlossen hat, führte kein Weg vorbei, weil die Dynamik bei den Infektionen eindeutig war. Die wirtschaftliche Botschaft der ersten Welle war: Wir müssen das Virus unter Kontrolle halten. So gesehen ist ein Mini-Lockdown die bessere Variante, als abzuwarten, dass die Zahl der Toten steigt und Panik um sich greift. Wir haben ja gesehen, dass Länder, die das Virus auf die leichte Schulter genommen haben, sowohl bei den Todeszahlen als auch wirtschaftlich schlechter dastehen. Da müssen Sie nur nach Großbritannien oder Schweden schauen. Das sind keine Vorbilder für uns.    

Zur Person
Foto: JarkoSirki/Lehtikuva

Jens Südekum, Jahrgang 1975, ist Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und forscht unter anderem zum internationalem Handel und zur Regionalökonomie. Südekum fungierte unter anderem als Berater der Bundesregierung, EU-Kommission und der Bundesbank. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" nannte ihn einmal "Ökonom der Mächtigen", auf dessen Rat die Politik zunehmend hört.

SPIEGEL: Die Politik will der Gastronomie bis zu 75 Prozent ihres Umsatzausfalls ersetzen. Halten Sie das für richtig?   

Südekum: Das ist zwangsläufig, wenn man so einen Mini-Lockdown macht. Es gibt ja nun viele Restaurants, die eigentlich groß genug sind, gute Hygienekonzepte haben und die jetzt trotzdem schließen müssen. Denen steht natürlich eine Entschädigung zu.  

SPIEGEL: Wenn jetzt pauschal auch dort geschlossen wird, wo die Infektionszahlen niedrig sind, ist das für die Betroffenen hart.   

Südekum: Richtig, und deshalb muss der Staat auch pauschal erstatten. Er macht das im Übrigen sehr großzügig und ersetzt 75 Prozent dessen, was die nun vom Lockdown Betroffenen im vor-pandemischen November 2019 eingenommen haben. Da kriegen einige jetzt wahrscheinlich mehr als sie ohne Mini-Lockdown verdient hätten. Gut ist auch, dass einige entschädigt werden sollen, die bei der ersten Runde vergessen wurden, zum Beispiel Künstler oder Kulturinitiativen.

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SPIEGEL: Ist die Ausfallerstattung ein Einfallstor für Betrug? Gerade die Gastronomie ist nicht als die steuerehrlichste Branche bekannt.    

Südekum: Klar kann man immer tricksen, aber den Finanzämtern liegen ja die Steuerdaten von November 2019 schon vor. Insofern lässt sich da nicht so viel schummeln.  

SPIEGEL: Was bedeutet der Shutdown für die Gesamtwirtschaft? Müssen die Ökonomen ihre Erwartungen für das vierte Quartal sowie das Gesamtjahr 2020 nach unten korrigieren?   

Südekum: Das wird so sein. Eine schnelle, V-förmige Erholung ist passé, aber ich glaube nicht, dass das vierte Quartal so schlimm wird das zweite. Schließlich bleiben der Groß- und Einzelhandel offen. Vor allem aber ist die Wirtschaft im zweiten Quartal global eingebrochen, jetzt läuft es immerhin in China normal. Und das ist für die Industrie entscheidend. Anders als im März fehlen etwa der Autoindustrie keine Lieferteile. Ich denke, wir werden jetzt eher ein "krummes W" sehen, also ein W, bei dem der zweite Abwärtsschenkel kürzer ausfällt als der erste.   

"Jetzt geht es auch darum, das Weihnachtsgeschäft zu retten"

SPIEGEL: Steigt damit nicht die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China?   

Südekum: Schon, aber wir können doch froh sein, dass China als Absatzmarkt überhaupt funktioniert. Aber klar ist: China wird stärker, die USA verlieren an Bedeutung.   

SPIEGEL: Unsere Nachbarn in Europa ergreifen teilweise härtere Maßnahmen, vor allem in Osteuropa steigen die Infektionszahlen überproportional stark. Wie sehr trifft das die Exportnation Deutschland?   

Südekum: Das ist eines der großen Probleme, denn wir betreiben natürlich viel mehr Handel mit unseren europäischen Nachbarn als mit China. Wenn die Wirtschaft dort lange am Boden bleibt, dann trifft das auch uns. 

SPIEGEL: Ist in diesem Zusammenhang nicht merkwürdig, dass die EU-Mitgliedstaaten ihre Anträge für Projekte verschleppen, die vom 750 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds finanziert werden sollen?   

Südekum: Brüssel müsste halt mal sagen, was genau eigentlich gefördert werden soll, denn mir ist auch nicht klar, wofür das Geld aus dem Fonds eigentlich konkret ausgegeben werden kann. Der Fonds ist allerdings auch keine Versicherung gegen kurzfristige wirtschaftliche Schäden, sondern das Pendant des "Wumms"-Pakets der Bundesregierung. Er soll also die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Aber ganz kurzfristig brauchen wir eh kein klassisches Konjunkturprogramm. Die Menschen sollen erst mal wieder zu Hause bleiben. Da können wir ihnen ja nicht gleichzeitig sagen, los, geht einkaufen und gebt Geld aus. Darüber können wir uns erst nächstes Jahr unterhalten. 

SPIEGEL: Was bedeutet es für die Banken, wenn viele Kleinbetriebe für vier Wochen schließen müssen und noch mehr Kreditausfälle drohen, selbst bei einem teilweisen Ausgleich durch den Staat?  

Südekum: Die jetzige Lockdown-Entscheidung hat die Insolvenzrisiken nicht erhöht, weil die Kompensationszahlungen so großzügig sind. Das ist auch für die Banken gut. 

SPIEGEL: An diesem Donnerstag tagt der Rat der Europäischen Zentralbank. Kann sie der europäischen Wirtschaft noch helfen?   

Südekum: Die EZB sollte ihr Anleihekaufprogramm verlängern, das sie wegen Corona aufgelegt hat. Sie muss sicherstellen, dass der Kapitalmarkt aufnahmefähig bleibt für neue Schulden der Mitgliedsländer. Das gilt vor allem für Länder wie Spanien und Italien, die bereits hohe Staatsschulden haben und von der Pandemie sehr stark betroffen sind. Für Deutschland ist das weniger wichtig. Ob wir nächstes Jahr nun 95 Milliarden Euro neue Schulden machen oder 130 Milliarden, wie sie jetzt im Gespräch sind: Deutschland wird auch jenseits der EZB problemlos Käufer für seine Anleihen finden.  

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SPIEGEL: Müssen wir uns alle an zeitlich eng begrenzte Teil-Lockdowns der Wirtschaft gewöhnen?   

Südekum: Ich fürchte ja, und genau das ist ein Problem.   

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?  

Südekum: Jetzt geht es auch darum, das Weihnachtsgeschäft zu retten. Aber was machen wir, wenn die Infektionszahlen im Januar oder Februar wieder steigen?   

SPIEGEL: Dann gibt es vermutlich den nächsten Mini-Shutdown.   

Südekum: Ja, weil wir einfach nicht wissen, wo sich die Leute infiziert haben. Deshalb war das am Mittwoch auch eine Entscheidung im Blindflug. Beim nächsten Mal müssen wir eine bessere Entscheidungsbasis haben, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen. Also Hotels nur dann zu, wenn es Evidenz dafür gibt, dass Hotels tatsächlich ein Problem sind. Deshalb ist es so wichtig, mehr zu testen und nachzuverfolgen. Es ist ja gut und richtig, dass wir zehn Millionen Schnelltests für Pflegepersonal und andere systemrelevante Bereiche haben ...  

SPIEGEL: … aber?  

Südekum: Hätten wir 100 Millionen, dann könnten wir vielleicht sagen, dass wir auch die Hotels für Leute mit negativem Test offenhalten. Wir müssen die Zahl der Schnelltests erhöhen und die Tests verbessern. Und der Staat sollte wie bei Masken der Industrie eine Abnahmegarantie geben. Denn wenn es erst einmal einen Impfstoff gibt, sind die Schnelltests schnell wertlos. Deshalb werden sie jetzt zu wenig produziert. Solche Garantien kosten natürlich richtig Geld. Aber viel weniger als ein dritter oder vierter Lockdown. 

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