Neue Wirtschaftsstudie Harter Shutdown kostet 58 Milliarden Euro

Der Shutdown wird lang und hart, fürchtet das Forschungsinstitut DIW. Dennoch halten die Ökonomen den Winterschlaf der Wirtschaft für die beste Lösung – und setzen auf einen Boom im Frühjahr.
Leere Einkaufsstraße in Leipzig: Der Konsum wird abgewürgt

Leere Einkaufsstraße in Leipzig: Der Konsum wird abgewürgt

Foto: JENS SCHLUETER / AFP

Manchmal sind ökonomische Prognosen schon nach wenigen Tagen passé – vor allem, wenn die Zeiten so unsicher sind wie aktuell. Noch vergangene Woche war das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) davon ausgegangen, dass das Bruttoinlandsprodukt 2021 um etwa 5,3 Prozent zulegen werde. Doch nun hat die Politik erneut einen harten Shutdown beschlossen – und damit haben sich die ökonomischen Rahmenbedingungen signifikant verändert. Also hat auch das DIW neu gerechnet.

Die Ergebnisse der Analyse, die heute veröffentlicht werden soll, liegen dem SPIEGEL vor – und sie sind wenig erfreulich. In jenem Szenario, das die Wissenschaftler für das wahrscheinlichste halten, dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im kommenden Jahr noch um 3,5 Prozent steigen. Die Erholung nach dem krassen Einbruch im laufenden Jahr würde also deutlich geringer ausfallen als erhofft. Der harte Shutdown kostet die Wirtschaft 2021 demnach 58,5 Milliarden Euro zusätzlich. Die Ökonomen gehen in der Berechnung davon aus, dass er über den 10. Januar hinaus bis mindestens Ende Januar 2021 aufrechterhalten werden muss. Im Februar werde voraussichtlich ein »Lockdown light« folgen.

Die Begründung: Die aktuellen Infektionszahlen seien weitaus höher als bei der ersten Welle. Angenommen, die Pandemie könnte mit ähnlichen Maßnahmen wie beim ersten Lockdown in ähnlichem Umfang eingedämmt werden, werde es bis Anfang Februar 2021 dauern, das Infektionsgeschehen unter den kritischen Wert von 50 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche zu drücken.

Und selbst das ist nicht gesichert. »Diese Berechnungen sind lediglich Szenarien«, warnt Claus Michelsen, einer der Autoren der Analyse und Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik beim DIW. »Wenn die Leute zu Weihnachten und Neujahr kräftig feiern gehen, und sich das Virus damit noch weiter ausbreitet, sind unsere Annahmen natürlich nicht mehr real.«

Hartes Frühjahr – schnelle Erholung

Die ökonomischen Folgen dürften schon unter den jetzigen Annahmen erheblich sein. Der Konsum wird zurückgehen, der Einzelhandel dürfte stark leiden – trotz der Möglichkeit auf das Onlinegeschäft auszuweichen. Auch die Entwicklung in der Industrie wird nach den DIW-Berechnungen abgebremst, »allem voran die Kfz-Produktion«. Hinzu kommt laut DIW, dass die Arbeitsleistung von Eltern durch die Betreuungsengpässe eingeschränkt ist.

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Der harte Shutdown nämlich ist ökonomisch nicht sehr viel folgenschwerer als ein monatelanges Weiterwursteln wie im November und Dezember, als die Zahl der Neuinfektionen trotz einiger Einschränkungen wie geschlossener Gastronomiebetriebe nicht flächendeckend sank. Ein solcher »Lockdown light« bis Ende März würde laut Michelsen die Wirtschaftsleistung 2021 um rund 49 Milliarden Euro sinken lassen, hätte also »zu wirtschaftlichen Einbußen in ähnlicher Größenordnung geführt wie beim harten Lockdown – bei einer im Vergleich wohl deutlich höheren Infektionsdynamik«, wie es in der DIW-Analyse heißt. Im Klartext: Die wirtschaftlichen Schäden sind laut DIW fast vergleichbar, die Zahl der Kranken und Toten dürfte bei einem harten Shutdown aber sehr viel geringer ausfallen.

Zwar werden die jetzt beschlossenen, harten Einschränkungen den Konsum laut DIW zunächst stark dämpfen. Wenn die Strategie aber Erfolge zeichne, werde auch das Vertrauen der Bürger gestärkt. Wenn dann Konsum auf breiter Ebene wieder möglich ist, geht das DIW davon aus, dass »die Erholung entsprechend stärker« ausfällt.

Außerdem nehmen die Wissenschaftler an, dass auch in Kultur und Gastronomie der Betrieb im Falle eines harten Lockdowns voraussichtlich schneller wieder losgehen kann. »Die Kosten der Pandemie werden mit dem harten Lockdown anders verteilt als in einem Lockdown light, wo primär die Gastronomie, Hotellerie und die Unterhaltungsbranche in Anspruch genommen werden«, sagt Ökonom Michelsen. »Der harte Lockdown verteilt die Kosten der Pandemiebekämpfung auf breitere Schultern.«