Sicherheitsmängel in US-Werk Johnson-&-Johnson-Panne bremst Europas Impfkampagne

Deutschland und seine Nachbarstaaten müssen weitere Lieferverzögerungen des Johnson-&-Johnson-Impfstoffs fürchten. Eine Schlüsselfabrik in den USA wurde stillgelegt. Wann sie wieder produzieren darf, ist ungewiss.
Skandalfabrik: US-Kontrolleure haben gravierende Mängel im Werk von Emergent BioSolutions in Baltimore entdeckt

Skandalfabrik: US-Kontrolleure haben gravierende Mängel im Werk von Emergent BioSolutions in Baltimore entdeckt

Foto: Saul Loeb / AFP

Deutschland und andere EU-Nationen müssen womöglich weitere Lieferverzögerungen beim Coronaimpfstoff von Johnson & Johnson befürchten. Grund hierfür ist die Stilllegung einer Fabrik in den USA auf Betreiben der dortigen Behörden.

»Nach hiesigen Informationen untersucht die FDA weiterhin eine am Produktionsprozess des Impfstoffes beteiligte Herstellungsstätte der Firma Emergent in Baltimore«, teilte das Bundesgesundheitsministerium dem SPIEGEL mit. »Dort darf derzeit nicht produziert werden.«

Johnson & Johnson habe sein Lieferversprechen von 10,1 Millionen Dosen für Deutschland bis zum Quartalsende zwar bisher nicht korrigiert. Doch das Werk des Auftragsfertigers Emergent in Baltimore ist wegen gravierender Sicherheitsmängel noch immer außer Betrieb. Wann es wieder hochgefahren werden darf, ist ungewiss.

Ampullen mit Johnson-&-Johnson-Impfstoff: 15 Millionen Dosen mussten bereits vernichtet werden

Ampullen mit Johnson-&-Johnson-Impfstoff: 15 Millionen Dosen mussten bereits vernichtet werden

Foto: FREDERIC J. BROWN / AFP

Damit droht Deutschlands Impfkampagne möglicherweise ein Rückschlag. »Johnson & Johnson sollte laut Plan der zweitwichtigste Impfstoff nach Biontech werden«, sagt Sebastian Dullien, der Wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. »Die vorgesehenen 10,1 Millionen Dosen entsprechen in der Bedeutung ungefähr einer Monatslieferung von Biontech.« Denn anders als die übrigen zugelassenen Coronavakzinen muss J&J nur einmal gespritzt werden.

Wochenlanger Lieferrückstand

Eigentlich wollte der US-Konzern im April rund 700.000 und im Mai weitere 2,3 Millionen Dosen seines Impfstoffs nach Deutschland liefern. Nächste Woche sollen die Arztpraxen 540.000 Dosen verimpfen. Doch bis Ende vergangener Woche hatte Johnson & Johnson insgesamt erst 473.400 Dosen geliefert.

Zur Frage, ob es weitere Lieferverzögerungen geben werde, verwies Spahns Ministerium darauf, dass dies maßgeblich von den Entwicklungen in dem US-Werk und der FDA-Entscheidung abhänge.

Aus dem niederländischen Gesundheitsministerium hieß es: »Aufgrund von Produktionsproblemen sind die Lieferungen im Mai zu gering. Für Juni und Juli sind sie noch unklar.«

Eine Sprecherin des Johnson-&-Johnson-Tochterunternehmens Janssen, das den Impfstoff herstellt, erklärte, man kommentiere Details zu einzelnen Liefermengen oder Prognosen nicht öffentlich. Das Unternehmen erwarte, dass die Liefermengen Schritt für Schritt zunehmen werden.

Die Emergent-Fabrik hatte Ende März weltweit Schlagzeilen gemacht. 15 Millionen Dosen des Johnson-&-Johnson-Impfstoffs mussten vernichtet werden, nachdem Mitarbeiter sie versehentlich mit Spuren des AstraZeneca-Impfstoffs kontaminiert hatten.

Als Inspektoren der US-Arzneimittelbehörde FDA das Werk untersuchten, entdeckten sie erhebliche Mängel: Rohmaterialien wurden laut ihrem Bericht nicht kontaminationssicher gelagert. Von Wänden des Gebäudes blätterte die Farbe ab. Und Böden waren teils so beschädigt, dass sie nicht adäquat gereinigt und desinfiziert werden konnten. Auf Betreiben der FDA stoppte das Unternehmen am 19. April die Fertigung.

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Staatshilfe: 271 Millionen. Ausgelieferte Dosen: null

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Emergent-BioSolutions-Chef Robert Kramer bei der Anhörung vor dem US-Kongress

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Foto: POOL / REUTERS

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