Heike Klovert

Büros, Baustellen, Fabrikhallen Schaut endlich in die toten Winkel der Coronapolitik!

Heike Klovert
Ein Kommentar von Heike Klovert
Die politische Pandemiebekämpfung spielt sich in Einkaufsstraßen, auf Schulhöfen und Spielplätzen ab. Große Teile der Arbeitswelt blendet sie weiterhin aus. Das ist schwer auszuhalten.
Foto: Stefan Zeitz / imago images

Wäre die Pandemie in Deutschland nicht real und bitterernst, sondern nur ein Theaterstück, dann wäre die Bühne zweigeteilt. Die eine Hälfte ist in Licht getaucht, zahllose Augenpaare richten sich auf sie, jeder Fehltritt, jeder falsche Ton, jede technische Panne wird vom Publikum mit empörtem Raunen quittiert.

Es ist jener Teil der Bühne, auf der die Coronamaßnahmen und die, die sie einhalten oder auch nicht, gut sichtbar sind: die Spielplätze, die Theken der Bäcker, die Kassen der Supermärkte, die Friseure hinter ihren Glasfassaden, die Schulhöfe, die Strand- und Uferpromenaden deutscher Städte. Dort prangen die Hinweisschilder. Dort patrouilliert die Polizei. Dort drohen Bußgelder.

Die andere Hälfte der Bühne ist kaum ausgeleuchtet. Sehr wenige Menschen bekommen mit, was dort passiert, obwohl dort viel passiert. Doch kaum jemand im Publikum raunt auch nur.

Es wird kaum wahrgenommen, das Treiben in den Büros, in den Produktionshallen, auf den Baustellen und in den Werkstätten deutscher Unternehmen. Dabei wird die Frage, wo sich das Virus Sars-CoV-2 verbreitet und ob wir es eindämmen können, auch dort entschieden.

Seit Monaten viel zu laxe Regeln

Doch die Coronaregeln, die für den schlecht ausgeleuchteten Teil der Arbeitswelt gelten, waren monatelang viel zu lax. Eine Umfrage der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung ergab, dass im November nur 14 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland überwiegend oder ausschließlich zu Hause gearbeitet hatten . Im vergangenen April, kurz nach Beginn der Pandemie, waren es noch 27 Prozent.

Und was dort passiert, wo Menschen weiterhin in mehr oder weniger gut belüfteten Innenräumen mit mehr oder minder großem Abstand nebeneinander arbeiten, wird selten öffentlich bekannt. Die wenigsten Ansteckungen mit Sars-CoV-2 lassen sich eindeutig zuordnen, warnte das Robert Koch-Institut Mitte März erneut . Klar sei jedoch, dass es auch im beruflichen Umfeld zu »zahlreichen Häufungen« komme.

Im Januar versuchte die Regierung mit der neuen Sars-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung, die Unternehmen endlich stärker in die Pflicht zu nehmen. Chefinnen und Chefs müssen seither überall dort, wo es betrieblich möglich ist, ihre Beschäftigten ins Homeoffice lassen. Wenn in Büros oder Werkstätten, auf Baustellen oder in Kantinen dennoch mehrere Menschen zusammenkommen, die keinen Mindestabstand wahren können, sollen sie einen Mund-Nasen-Schutz tragen, lüften oder Trennwände aufstellen.

Gezielte Kontrollen wie auf Spielplätzen und in Einkaufsstraßen? Eine pauschale Maskenpflicht, wie sie selbst Grundschülerinnen und Grundschüler vielerorts auferlegt bekommen haben? Nicht vorgesehen.

Das war nicht nur unfair, es war auch ineffizient: Laut Robert Koch-Institut nehmen Ausbrüche am Arbeitsplatz seit Beginn des Jahres tendenziell zu. Ein Team von Forschern, die den Nutzen verschiedener Schutzmaßnahmen untersuchten , mahnte gerade eine Maskenpflicht für alle Innenräume an, in denen mehrere Menschen arbeiten.

Keine Maskenpflicht, keine Schnelltestpflicht

Da hätte die Bund-Länder-Runde nun endlich nachbessern können. Stattdessen beschloss sie in der Nacht zum Dienstag keine verschärften Regeln für Unternehmen. Die angedachte Maskenpflicht für die, die sich aus beruflichen Gründen mit anderen Personen in einem Raum aufhalten, findet sich nicht mehr im finalen Beschluss. Auch zu einer Schnelltestpflicht konnte man sich nicht durchringen, es bleibt beim schwachen Appell zur Selbstverpflichtung.

Ob die fünf sogenannten Ruhetage über Ostern auch für Firmen und ihre Belegschaft gelten? Im Beschluss bezieht man sich nur auf private Treffen, auf öffentliche Ansammlungen, auf Supermärkte und auf die Außengastronomie.

Wirksame Kontrollen und Sanktionen für die, die es am Arbeitsplatz mit dem Infektionsschutz nicht so ernst nehmen, soll es weiterhin nicht geben. Ein Rechtsanspruch auf Homeoffice und eine Pflicht dazu, deren Ausnahmen gut begründet sein müssten, werden vorerst wohl ebenso wenig kommen.

Das muss sich wie blanker Hohn für alle Schulleitungen anhören, die möglichst bald jede Schülerin und jeden Schüler, der zum Unterricht kommt, zweimal pro Woche testen lassen sollen. Es mutet auch zynisch gegenüber dem Teil der Wirtschaft an, der seit nun mehr als einem Jahr im Rampenlicht steht und schärfste Restriktionen ertragen muss: Hotels sollen auch über Ostern keine Urlauber aufnehmen dürfen, Restaurants dürfen niemanden bewirten, nicht mal draußen. Der Einzelhandel, Sportanlagen und Museen müssen ebenso wieder komplett schließen.

Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten überbieten sich also auf der Bühne der Pandemiebekämpfung, auf die unser aller Blicke täglich gerichtet sind, wieder mit Vorgaben. Die andere Bühne bleibt weiterhin im Schummerlicht. Das ist ungerecht, nicht plausibel und schwer auszuhalten, weil es das Elend für alle in die Länge zieht.

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