Corona-Rezession Forschungsinstitute rechnen mit größtem Wirtschaftseinbruch seit 1970

Deutschland steht nach Ansicht der führenden Forschungsinstitute vor dem tiefsten Einbruch der Wirtschaftskraft, der je in einem Quartal gemessen wurde. Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung werden sprunghaft steigen.
Besonders stark vom Corona-Lockdown getroffen: der Einzelhandel

Besonders stark vom Corona-Lockdown getroffen: der Einzelhandel

Foto: Armin Weigel/ dpa

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen nach SPIEGEL-Informationen mit einem massiven Rückgang der Wirtschaftskraft in Deutschland. Im Zuge des Corona-Lockdowns dürfte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 4,2 Prozent schrumpfen. So steht es im traditionellen Frühjahrsgutachten, das die Institute jedes Jahr erstellen, und das an diesem Mittwoch um 10 Uhr der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Im Jahresmittel würde die Corona-Rezession damit geringer ausfallen, als der Einbruch der Wirtschaftskraft im Zuge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. 2009 war die deutsche Wirtschaft um fast sechs Prozent geschrumpft. 

Auf Quartalsbasis gerechnet durchlebt Deutschland derzeit allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach die stärkste jemals dokumentierte ökonomische Erschütterung. Den Forschern zufolge dürfte das Bruttoinlandsprodukt allein in den Monaten April bis Juni um 9,8 Prozent sinken. "Dies ist der stärkste je seit Beginn der Vierteljahresrechnung im Jahr 1970 gemessene Rückgang in Deutschland und mehr als doppelt so groß wie jener während der Weltfinanzkrise im ersten Quartal 2009", heißt es in dem "Gemeinschaftsdiagnose" genannten Gutachten.

2,4 Millionen Kurzarbeiter, Arbeitslosigkeit steigt

Dieser tiefe Schock wird auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben: Erstmals seit vielen Jahren des Beschäftigungsbooms wird 2020 die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nicht steigen, sondern erheblich sinken. Die Forscher gehen von einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen um 236.000 auf. Die Arbeitslosenquote werde auf 5,9 Prozent steigen, zuletzt lag sie bei 5,1 Prozent. Die Zahl der Kurzarbeiter werde von zuletzt etwa 100.000 auf 2,4 Millionen schnellen.

Sofern es aber gelingen sollte, die Wirtschaft bald wieder hochzufahren, dürften die Folgen der Krise beherrschbar und weitgehend vorübergehender Natur sein: 2021 werde die Wirtschaft mit 5,8 Prozent bereits wieder stark wachsen. 

Die umfangreichen Hilfsmaßnahmen der Politik dürften dazu führen, dass die Verschuldung auf über 70 Prozent steigen wird. Sofern die Wirtschaft bald anspringt, würde dieser Wert bereits 2021 aber wieder auf rund 64 Prozent sinken.

Die Forscher machen darauf aufmerksam, dass die tatsächliche Entwicklung deutlich schlechter ausfallen könnte, falls Kontaktsperren deutlich über den 20. April hinaus in Kraft bleiben oder im Laufe des Jahres ein erneuter Lockdown vorhängt werden müsse. Die Schäden solcher Maßnahmen "dürften mit zunehmender Dauer überproportional steigen". 

Zuvor hatte der Sachverständigenrat der Bundesregierung Ende März in einem Sondergutachten als derzeit wahrscheinlichstes Szenario einen fünfwöchigen Lockdown und eine anschließende kurze Erholungsphase unterstellt. Für diesen Fall würde das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands 2020 um 2,8 Prozent schrumpfen, um im folgenden Jahr gleich wieder um 3,7 Prozent zuzulegen.

mit Material von dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.