Henrik Müller

Virus, Wirtschaft, Wahlkampf Starker Dollar, starkes Land, starker Typ - really?

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die US-Währung wird schwächer, weil die Coronakrise die USA im Griff hat. Präsident Trump, der noch kürzlich den starken Dollar feierte, hat ein weiteres Problem - ein Grund zur Schadenfreude ist das aber nicht.
Dollarschein mit Atemschutzmaske

Dollarschein mit Atemschutzmaske

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Anton Petrus/ Getty Images

Sehen so Sieger aus? Als die Welt in Richtung Lockdown schlitterte und die Börsen auf Tauchstation gingen, gab es einen Finanzwert, der auf Höchststände kletterte: den US-Dollar. Sprunghaft stieg der Wert der Währung in der ersten März-Hälfte an  - gegenüber den wichtigsten Handelspartnern der USA seit Jahresanfang im Schnitt um zehn Prozent.

Es wirkte wie der Beweis unerschütterlicher Stärke und Vitalität. Während weite Teile Asiens und Europas sich in die häuslichen vier Wände zurückzogen und ihre Volkswirtschaften in den Schlafmodus versetzten, schienen die USA immun gegen die Corona-Pandemie. Der Wechselkurs bestätigte scheinbar dieses Urteil.

"Der Dollar ist sehr stark", gab der wahlkämpfende US-Präsident Donald Trump bei einer Pressekonferenz zu Protokoll, "und Dollars, starke Dollars, sind insgesamt sehr gut."

Stark ist gut, klar. Oder doch nicht?

Cash is King

Die Aufwertung dieses Frühjahrs war vor allem einem sprunghaften Anstieg der weltweiten Dollarnachfrage geschuldet. Banken, Unternehmen und Staatshaushalte mit Dollarverbindlichkeiten fürchteten ein Austrocknen der Finanzmärkte infolge der Coronakrise und deckten sich vorsorglich ein; mehr als Dreiviertel aller auf US-Währung lautenden Bankverbindlichkeiten haben Institute außerhalb der USA vergeben, so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in einer aktuellen Untersuchung .

Auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle war Cash deshalb gefragt wie selten, besonders Dollars. Die Folge war eine außergewöhnliche Stärkephase. Doch die dauerte nur ein paar Wochen.

Seither ist der Dollar wieder gefallen. Und wie es aussieht, wird es erst mal so weitergehen: Eine schwächelnde Währung könnte zum Symbol der Pandemiepolitik Donald Trumps werden.

Kulturkampf mit Maske

Die Ausbreitung des Coronavirus ist in den USA längst nicht unter Kontrolle - was die Gefahr birgt, dass der Konjunktureinbruch dieses Jahr stärker sein könnte als bislang erwartet und die US-Notenbank weiterhin entsprechend ungeniert Geld in die Märkte pumpen wird. All das drückt tendenziell den Wechselkurs.

Die Fallzahlen steigen in den USA weiter, derzeit sogar wieder schneller. Von einem Abflauen der Pandemie kann keine Rede sein. Während eine erste Welle - nach harten Lockdowns im amerikanischen Nordosten, insbesondere in New York City - inzwischen ausgelaufen ist, sind die Zahlen im Süden und Westen der USA in den vergangenen Wochen sprunghaft angestiegen, darunter in wirtschaftlich wichtigen, bevölkerungsreichen Staaten wie Kalifornien, Texas und Florida, wie aus Zahlen der Johns-Hopkins-Universität  hervorgeht.

Vielerorts haben die Behörden die Epidemie bislang nicht im Griff. Was auch daran liegt, dass ein Kulturkampf um die Maske ausgebrochen ist. So hat der republikanische Gouverneur von Georgia, Brian Kemp, in der abgelaufenen Woche den Kommunen seines Staats verboten, die Bürgern das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung vorzuschreiben. Die Bürgermeisterin von Atlanta, die an der Maskenpflicht festhält, hat nun eine Klage wegen Übertretung ihrer Kompetenzen am Hals.

Von den konservativen Amerikanern, die mit Trumps Republikanern sympathisieren, halten nur 37 Prozent das Coronavirus für ein großes Problem; bei den oppositionellen Demokraten sind 76 Prozent dieser Ansicht, so eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew . Das Tragen einer Maske gilt manchem als unamerikanisch. Trumps Regierung lässt die Staaten gewähren, mit höchst unterschiedlichen Resultaten.

Entsprechend schwierig ist es, die Ansteckungsgefahr einzudämmen. Entsprechend länger wird die Wirtschaft unter der Pandemie leiden. Entsprechend freigiebiger wird die US-Notenbank Fed sein. Entsprechend schwächer wird der Dollar, tendenziell jedenfalls.

Das Prinzip des relativen Debakels

Natürlich, der Wert einer Währung hängt nicht nur von der Entwicklung in einem einzelnen Land ab. Wechselkurse sind relative Preise (Dollar via Euro, Pfund oder Yen). Deshalb gilt das Prinzip des relativen Debakels.

Wenn sich in den USA die Coronakrise abermals verschärft und Europa in Agonie verharrt, dürfte sich am Wert der Währungen wenig ändern. Sollte es beiderseits des Atlantiks überraschend gut laufen, hätte auch das wenig Auswirkungen auf das Austauschverhältnis von Dollar zu Euro. Aus ökonomischer Sicht ist der Wechselkurs ein zweifelhafter Maßstab für Erfolg oder Misserfolg.

Politisch aber sieht die Sache anders aus: Der Symbolwert des Wechselkurses ist nicht zu unterschätzen. Das hat offenkundig auch Trump erkannt.

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In Sachen Dollarpolitik hat der Präsident eine bemerkenswerte Kehrtwende hingelegt. Noch im Sommer vorigen Jahres forderte er vehement eine Schwächung des Dollars, um den US-Export anzukurbeln. Den damaligen EZB-Chef Mario Draghi bezichtigte er der Währungsmanipulation - und forderte kurz darauf, die US-Notenbank Fed möge genauso handeln: den Dollar schwächen durch eine ultralockere Geldpolitik. Ein Wettlauf der Währungskrieger schien auszubrechen - als weitere Front im globale Handelskrieg.

"Ich habe den Dollar stark gemacht"

Nun, im US-Wahljahr, findet Trump einen starken Dollar "a great thing". Klar, eine hoch bewertete Währung erleichtert den USA ihre gigantische Kreditaufnahme zur Bekämpfung des Konjunktureinbruchs zu finanzieren. Noch wichtiger aber dürfte die simple, politische Botschaft sein: starker Dollar, starkes Land, starker Typ - really?

"Alle wollen den Dollar, weil wir ihn stark gemacht haben. Ich habe ihn stark gemacht", sagte der US-Präsident in einem Interview des Fox Business Network . Das war im Mai. Seither ist der Dollarkurs deutlich gefallen, während die Fallzahlen in den USA immer weiter gestiegen sind.

In Europa hingegen hat sich die Lage seither etwas aufgehellt. Die Zahl der Neuinfektionen ist in Westeuropa stark zurückgegangen; in einigen osteuropäischen Ländern steigen sie noch an. Die Grenzen wurden vorsichtig wieder geöffnet. Sogar Sommerurlaub am Mittelmeer ist wieder möglich. Die EU ringt beim Gipfel aktuell noch um das Hunderte Milliarden Euro schwere Hilfspaket, trotzdem ist allein das Ringen schon ein politischer Kraftakt, den noch vor wenigen Wochen kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Zugegeben, die EU steht längst nicht auf sicherem Fundament. Nicht zuletzt fehlt ihr ein vernünftiges Haushaltssystem mit echten gemeinsamen Einnahmequellen. Der Umgang mit autokratischen Rechtsnationalisten  in Polen und Ungarn ist nach wie vor ungelöst. Aber immerhin: Vorerst ist die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Eurozone gebannt.

Der Euro ist deshalb seit März wieder gestiegen , zuletzt sogar deutlich, zumal gegenüber dem Dollar. Kein Grund zur Freude, auch nicht zur Schadenfreude. Denn, wie gesagt, es gilt das Prinzip des relativen Debakels.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Brüssel/Berlin - Gipfel-Nachlese - Nach dem EU-Gipfel um den nächsten Siebenjahreshaushalt debattiert Europa die Ergebnisse und den Verlauf der Verhandlungen.

London - Endless Saga - Vertreter der britischen Regierung und der EU treffen sich zu einer weiteren Verhandlungsrunde. Es geht um den Anschlussvertrag, mit dem die Wirtschaftsbeziehungen ab 2021 geregelt werden sollen. Zum Jahresende scheidet Großbritannien aus dem EU-Binnenmarkt aus.

Berichtssaison I - Geschäftszahlen von Philips, IBM, Halliburton.

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