Thomas Fricke

»Lockdown light« Wirtschaft geschont – Pandemie verlängert

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Wirtschaftlich wirkt der sogenannte Lockdown light bislang erstaunlich glimpflich. Das ist allerdings kein gutes Zeichen. Eher eins dafür, dass nach wie vor zu viel möglich ist – und das dicke Ende noch kommen kann.
Weihnachtsshopping während des zweiten Shutdowns

Weihnachtsshopping während des zweiten Shutdowns

Foto: Jochen Tack / imago images

Es mag ein nachrichtlicher Zufall gewesen sein – womöglich steckt mehr dahinter. Fast zeitgleich meldeten Statistiker diese Woche, noch nie seien in Deutschland an einem Tag so viele Menschen an oder mit Covid-19 gestorben – und dass die Zahl der Arbeitslosen auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Coronakrise gesunken ist. Im November. Inmitten einer Pandemie. Und trotz Shutdown light.

Vielleicht aber auch, weil der Shutdown zu leicht ist, um die Pandemie zu brechen. Dann passte zusammen, dass am Arbeitsmarkt alles prima scheint, während auf Intensivstationen die Betten knapp werden. Nur dass die scheinbar gute Nachricht vom Arbeitsmarkt dann eine eher beängstigende wäre: ein mögliches Indiz dafür, dass der Shutdown zu light ist – und gerade eine Menge Leute ihr Leben verlieren, weil Wirtschaft und Eltern geschont werden sollten.

In den Datenerhebungen zur Konjunktur wird derzeit erst allmählich erkennbar, wie jene neuen Kontaktbeschränkungen wirtschaftlich wirken, die Anfang November in Kraft traten und auf eine Zeit folgten, in der steigende Infektionszahlen bereits dazu geführt hatten, dass viele Leute zu Hause blieben.

Es braucht keine großen Erhebungen, um zu erahnen, dass die Umsatzeinbrüche in Restaurants, Hotels, Stadionkassen und Kinos seit November drastisch ausfallen. Logisch, wenn die zu sind. Und absehbar war auch, dass das reichen dürfte, um die zwischenzeitliche Erholung der Konjunktur in Deutschland insgesamt abzuwürgen. Zumal es bei wichtigen Handelspartnern wie Frankreich noch härtere Beschränkungen gibt. Die Frage war und ist nur, wie heftig der Rückschlag ausfallen wird – vor allem im Vergleich zum Frühjahr.

Stabile Lage – zu stabil?

Hier setzen die Meldungen zur Arbeitslosigkeit ein, und nicht nur die. Nach den Umfragen des Münchner Ifo-Instituts hielten sich im November die Aussagen jener Firmen in etwa die Waage, die von guter versus schlechter Geschäftslage in den ersten Wochen des Einschränkungsmonats berichteten. Ähnlich stabile Verhältnisse lassen Befragungen von Einkaufsmanagern erahnen, nach denen die Wirtschaftsleistung zwar nicht mehr spürbar zulegt, dafür aber auch nicht schrumpft. Auch meldeten die Firmen bundesweit wieder mehr offene Stellen.

Wie passt das zusammen, wenn nach Google-Mobilitätsindex Ende November fast 60 Prozent weniger Kontakte bei Einzelhandel und in Freizeiteinrichtungen registriert wurden als zu Normalzeiten und sich gut 40 Prozent weniger Leute an Bushaltestellen und Bahnhöfen rumtreiben? Wie leistet die Wirtschaft das?

Eine Antwort könnte sein, dass all das nur die Vorboten sind und der große Schock noch kommt. Laut Ifo-Umfrage sehen die Exporterwartungen für die nächsten drei Monate schon weniger gut aus; auch gehen weniger Firmen insgesamt von wachsenden Geschäften über den Jahreswechsel aus. Es gab nach Meldungen der Bundesagentur auch mehr Neuanmeldungen zur Kurzarbeit als im Oktober.

Nur lässt all das noch keinen ansatzweise so heftigen Konjunkturabsturz wie im Frühjahr erahnen. So liegt der Saldo zwischen Optimisten und Pessimisten trotz Verschlechterung bei den Exporteuren immer noch in etwa bei null; nach dem ersten Pandemieschock vom März lag er zeitweise bei minus 50 Prozentpunkten. Ähnliches gilt für die Geschäftserwartungen.

In China läuft es wieder

Eine andere Antwort könnte sein, dass einfach alle jetzt besser mit der Lage umgehen – auch die Firmen besser organisiert sind. Und effizienter. Produktion geht auch mit Maske und Abstand. Anders als im Frühjahr gibt es auch deutlich weniger unterbrochene Produktionsketten – was die deutsche Industrie damals schon vor den hiesigen Beschränkungen in Lieferschwierigkeiten brachte. In China läuft es wieder.

Die Frage ist nur: Kann der bessere Umgang mit dem Virus erklären, warum im Frühjahr die Industrie zeitweise im Schnitt fast ein Viertel weniger herstellte, die Arbeitslosigkeit binnen Wochen um mehr als eine halbe Million stieg und das Bruttoinlandsprodukt prozentual zweistellig einbrach – und für November stabile Geschäfte gemeldet werden und die Wirtschaft mehr statt weniger Leute eingestellt hat?

Die Auflösung könnte eher darin liegen, dass der »Lockdown« nicht wirklich ein Lockdown ist – außer für Restaurants, Fitnessstudios und Freizeitfußballer (, die wiederum wirklich nicht das Problem sind). Und dass sich in dem Mix aus anhaltend hohen Infektionszahlen und ziemlich milder Wirtschaftseintrübung genau jene riskante De-facto-Wette spiegelt, die politisch im Bund-Länder-Gedöns herausgekommen ist – wonach es zwar irgendwie darum geht, Kontakte zu reduzieren, um die Pandemie zu stoppen, den Wirtschaftenden aber nicht zu viele Umsatzeinbußen zugemutet werden sollen. Und berufstätigen Eltern nicht zu viel Kinder.

Wie gruselig die Wahl zwischen Leben und Wirtschaft in der Coronakrise dann doch offenbar ist, lassen Berechnungen  von Phillip Alvelda, Thomas Ferguson und John Mallery vermuten, die gerade vom Institute for New Economic Thinking veröffentlicht wurden. Danach ergab der Vergleich aller möglichen Länder und Strategien über das abgelaufene Jahr ein ziemlich eindeutiges Bild: Jene, die konsequent darauf gesetzt haben, durch harte Lockdowns die Epidemie zu stoppen, haben deutlich weniger Tote – wenn auch anfangs dann eben höhere wirtschaftliche Schäden; während es bei Ländern wie Großbritannien genau umgekehrt lief, die mit dem Lockdown erst einmal zögerten und umso mehr Geld aufbrachten, um wirtschaftliche Schäden zu vermeiden. Mit dem fatalen Ergebnis, dass eben deshalb die zweite Welle umso heftiger wurde – und die Wirtschaftsleistung am Ende doch einbrach.

Fazit der Studie: Je fahrlässiger Regierungen die Pandemie wirken lassen, um wirtschaftlich bloß nicht zu schaden, desto mehr häufen sich über die Zeit und immer neue Wellen die wirtschaftlichen Kosten. Fast egal, wie sehr diese Regierenden und Notenbanker mit Konjunkturprogrammen dagegen anzugehen versuchen. Das verdammte Virus findet (auch wirtschaftliche) Aktivität zwischen Menschen ziemlich gut.

Darauf lässt auch schließen, was derzeit in Amerika passiert – wo die Wirtschaft auf Anhieb weit weniger getroffen wurde und Einkaufsmanager in Umfragen gerade die besten Geschäfte seit Langem melden. Während die Zahl der Covid-Toten in den USA immer neue Höchstwerte erreicht. Da gibt es einen Zusammenhang.

Wenn das so ist, kommt es einem grotesk-fahrlässigen Experiment gleich, die Pandemie bei mehr oder weniger unverändert gut laufender Wirtschaft stoppen zu wollen. Dann war es womöglich auch keine so gute Idee, es mal mit so einem Shutdown light zu versuchen, auch wenn und weil das auf Anhieb erst einmal zu glimpflichen wirtschaftlichen Schäden führt – die menschlichen dafür unerträglich hoch sind. Zumindest höher, als es sein müsste.

Noch könnte sein, dass zwar derzeit mehr Menschen sterben als nötig, die Welle trotzdem bald abebbt, zumal mit Einsetzen der Impfungen, und es dann auch keine größeren wirtschaftlichen Schäden mehr gibt. Das Risiko ist nur gefährlich hoch, dass es anders kommt – und die Pandemie mangels konsequenten Kontaktstopps noch länger dauert, ohne dass es für die Wirtschaft angesichts immer neuer Einschränkungsschübe am Ende so glimpflich ausgeht, wie es gerade den Anschein hat. Dann wäre besser (gewesen), die Kontakte noch einmal sehr viel konsequenter zu stoppen.