Coronakrise Industrie fordert zusätzliche Hilfen vom Staat

Trotz überraschend guter Auftragszahlen im Juni wachsen in der Wirtschaft die Zweifel, dass die Folgen der Coronakrise schnell überwunden sind. Sie fordert zusätzliche Unterstützung aus Berlin, speziell für die Autoindustrie.
Autoproduktion: Privatkunden zögern beim Neuwagenkauf

Autoproduktion: Privatkunden zögern beim Neuwagenkauf

Foto: Julian Stratenschulte / DPA

Die deutsche Industrie erwartet angesichts des Verlaufs der Coronakrise keine schnelle Erholung der Wirtschaft und fordert Nachbesserungen bei staatlichen Hilfen. "Ohne mehr und zielgerichtetere Hilfen befürchten wir einen deutlichen Anstieg der Insolvenzen ab Herbst", sagte Industriepräsident Dieter Kempf. "Die Liquidität muss verbessert werden, die Firmen brauchen Eigenkapital. Das kann zu einem großen Problem werden, wenn nicht gegengesteuert wird. Die Unternehmen sind sehr stark bankenfinanziert."

Dabei hat sich der Auftragseingang in der deutschen Industrie nach dem Einbruch in der Coronakrise im Juni unerwartet stark erholt. Nachdem der Auftragseingang im Mai bereits um 10,4 Prozent im Monatsvergleich gestiegen war, habe es im Juni einen Zuwachs um 27,9 Prozent gegeben, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mit. Die Zuwächse folgten auf massive Einbrüche in den Monaten März und April, als in zahlreichen Industriestaaten die Wirtschaft im Kampf gegen die Corona-Pandemie größtenteils heruntergefahren wurde. Die Entwicklung überraschte selbst Analysten, die zwar im Schnitt einen kräftigen Anstieg im Monatsvergleich erwartet hatten, aber nur von einem Zuwachs um 10,1 Prozent ausgegangen waren.

Trotzdem bleibt Kempf skeptisch. Er teile den Optimismus von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nicht, dass es im Oktober wieder aufwärts gehe, erklärte er. "Ich gehe davon aus, dass es deutlich länger dauert." Das Wachstum werde 2021 und möglicherweise auch 2022 noch verhalten sein, wobei dies von Branche zu Branche unterschiedlich sei. "Aber einen Aufschwung im Herbst 2020 sehe ich beim besten Willen nicht." Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland war im zweiten Quartal um zehn Prozent eingebrochen. Altmaier rechnet damit, dass die Wirtschaft im Herbst wieder breitflächig wächst.

"Es gibt Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung", sagte Kempf. "Die Grundstimmung in der Wirtschaft ist aber nach wie vor nicht gut." Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rechne mit einem Minus des Bruttoinlandsprodukts von 6,5 Prozent im Gesamtjahr, einem Exportrückgang von 15 Prozent und einem Importminus von 12 Prozent.

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"Die Lage der Automobilindustrie und der Zulieferer ist nach wie vor schwierig", sagte der BDI-Präsident. "Wir müssen uns im Klaren sein, dass die Herausforderungen noch nicht bewältigt sind, auch nicht mit der beschlossenen stärkeren Förderung der Elektromobilität. Man muss der Realität ins Auge schauen. Wenn Unternehmen ihre Flotten erneuern müssen, werden sie dies tun, aber der private Konsument wird noch zögern, sich ein neues Auto zu kaufen."

Kempf machte deutlich, der Bund müsse möglicherweise noch einmal nachlegen. Der volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Schaden wäre zu hoch, sollte die Autoindustrie dauerhaft Schaden nehmen.

"Besonders die Lage der mittelständischen Zulieferer ist schwierig. Trotz eines breiten Angebots an Hybridfahrzeugen und einem größer werdenden Angebot an reinen Elektroautos werden die Konsumenten auch trotz Senkung der Mehrwertsteuer und Erhöhung der Kaufprämie nicht sofort wechseln", sagte Kempf. "Viele sind, wie ich selbst auch, skeptisch, dass batterieelektrische Mobilität die einzige Technologie für die Zukunft ist, wir brauchen auch die Brennstoffzelle. Die Politik muss den Weg zu antriebsoffenen Mobilitätstechnologien weiter offenhalten."

Die schwarz-rote Koalition hatte ein milliardenschweres Konjunkturpaket aufgelegt. Die von der Autobranche geforderte Kaufprämie auch für moderne Benziner und Diesel aber scheiterte am Widerstand vor allem der SPD.

Der Bund habe in der Krise sehr kraftvolle Impulse gesetzt, sagte Kempf. "Aber wir merken deutlich, in bestimmten Bereichen muss noch nachjustiert werden, vor allem bei kleineren und mittleren Unternehmen." Es könnte außerdem notwendig sein, die Zeitspanne des Kurzarbeitergelds in bestimmten Branchen noch zu verlängern.

mik/dpa
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