Angst vor dem Virus So reagieren deutsche Unternehmen

Nachdem sich der Mitarbeiter eines Autozulieferers infiziert hat, fragen sich auch andere Firmen, wie sie mit ihren Geschäften in China umgehen sollen.
Webasto-Zentrale im bayerischen Stockdorf: China-Reisen abgesagt

Webasto-Zentrale im bayerischen Stockdorf: China-Reisen abgesagt

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Coronavirus nach Deutschland kommen würde. Jetzt ist es soweit – und dass es ausgerechnet einen Automobilzulieferer trifft, sagt viel über die deutsche Wirtschaft. Und so idyllisch es rund um die Zentrale von Webasto in Stockdorf, südlich von München, auch aussehen mag: Hier sitzt ein weltweit tätiges Unternehmen mit besonders engen Beziehungen nach China.

In der Nacht zum Dienstag wurde bekannt, dass in der Zentrale ein Mitarbeiter an dem Virus erkrankt ist. Er hat sich ersten Erkenntnissen zufolge in der vergangenen Woche bei einem Mitarbeiter aus Shanghai angesteckt, der in Stockdorf zu Gast war und erst nach seinem Rückflug nach China positiv getestet wurde. Beide Mitarbeiter seien stationär in ärztlicher Behandlung, es gehe ihnen den Umständen entsprechend gut, erklärte Vorstandschef Holger Engelmann am Dienstag. „Wir sind in engem Austausch mit den relevanten Behörden und informieren unsere Mitarbeiter regelmäßig über die nächsten Schritte.” 

Der Belegschaft in der Stockdorfer Zentrale hat das Management freigestellt, diese Woche zuhause zu bleiben und im Home Office zu arbeiten. Schon zuvor hatte das Unternehmen sämtliche Dienstreisen nach China für die nächsten zwei Wochen abgesagt.

Für das Unternehmen ist das keine Kleinigkeit: China ist der größte Einzelmarkt für Webasto. Von den rund 15.000 Mitarbeitern weltweit arbeiten viele direkt in China, Webasto unterhält dort mehrere Standorte. Gerade in der vorigen Woche wurde ein neues Werk für Schiebedachsysteme in der Nähe von Shanghai eröffnet. Auch in Wuhan, das als Ursprungsort des Virus gilt, hat das Unternehmen ein großes Werk. 

Entsprechend groß ist die Verunsicherung. Denn es ist noch unklar, wer Kontakt mit einem infizierten Mitarbeiter gehabt haben könnte. Nicht zuletzt, weil die Experten noch nicht wissen, wie lange die Inkubationszeit dauert und in welchem Zeitraum das Virus ansteckend ist. Webasto empfiehlt deshalb allen Beschäftigten vorsorglich einen Arzt aufzusuchen, wenn sie sich unwohl fühlen, auf Dienstreise in China waren oder Kontakt zu einem chinesischem Kollegen hatten. 

"Märkte oder Bauernhöfe sind zu meiden"

Ähnlich wie die Stockdorfer Firma reagiert auch der Autozulieferer Schaeffler aus Herzogenaurach. Den 89.000 Mitarbeitern sind Dienstreisen von und nach China vorerst untersagt. Schaeffler betreibt in China acht Werke und in der besonders stark betroffenen Millionenstadt Wuhan einen Logistikstandort. 

Auch in anderen Unternehmen der deutschen Industrie verfolgt man die Entwicklung aufmerksam. Dabei scheinen die Firmen bemüht, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, ohne allgemeine Verunsicherung zu schüren. Noch sind Reiseverbote wie bei Webasto kaum ein Thema. Dennoch empfehlen etwa die Betriebsärzte von Volkswagen, Dienstreisen nach China nur anzutreten, wenn sie zwingend erforderlich sind. Und sie erinnern jene Beschäftigten, die bereits in China im Einsatz sind, noch einmal daran, Infektionsrisiken so weit wie möglich zu verringern. In einem Rundschreiben an die Beschäftigten heißt es: „Märkte oder Bauernhöfe sind zu meiden, die Hände regelmäßig zu waschen und desinfizieren.“ Darüber hinaus gelte es, den Kontakt mit Vögeln zu vermeiden, nur gründlich gekochte Speisen zu essen und bei ersten Anzeichen einer Erkrankung umgehend einen Arzt aufzusuchen. 

Auch der Chemiekonzern BASF beobachtet die Lage vor Ort nach eigenen Angaben sehr genau und berät die Mitarbeiter in Fragen der Gesundheit und Sicherheit. „Es gibt kein generelles Reiseverbot, Dienstreisen nach Wuhan wurden allerdings eingestellt“, erklärt eine Sprecherin. Reisen in andere Regionen Chinas gelte es sorgfältig abzuwägen. BASF unterhalte zwar keinen Standort in Wuhan, 22 Mitarbeiter seien jedoch dort im Einsatz, um technischen Service für einen Kunden zu leisten. 

Der weltgrößte Versicherer Allianz lässt nach eigenen Angaben keine Mitarbeiter mehr nach China reisen und will vorerst auch keine Delegationen mehr von dort empfangen.

Noch kein internationaler Notfall

Thyssenkrupp baut ebenfalls vor: Dienstreisen von und nach China sollten bis auf weiteres unterbleiben, sofern sie nicht dringend erforderlich sind", erklärte ein Sprecher des Stahlkonzerns am Dienstag auf Anfrage. Thyssenkrupp beschäftigt in China rund 17.500 Menschen, davon etwa 350 in einem Unternehmen der Aufzugsparte in der abgeriegelten Metropole Wuhan. Die Empfehlung sei am Montag ausgesprochen worden. Wegen des Neujahrsfestes werde derzeit in China noch nicht gearbeitet, was die Infektionsgefahr senke. Der medizinische Dienst des Konzerns sei in engem Austausch mit der Weltgesundheitsbehörde und sehe aktuell wie die WHO keinen internationalen Notfall, sagte der Sprecher. 

Deutlicher bekommen dagegen die Reiseunternehmen die Corona-Krise zu spüren. Bereits am Montag hatte der Studien- und Gruppenreiseanbieter Studiosus alle China-Angebote bis Mitte April gestrichen. Die nächste Reise sollte eigentlich am 15. März beginnen. Doch das Unternehmen rechnet nicht damit, dass sich die Lage so schnell entspannt. 

Lufthansa verzeichnet Buchungsrückgang

Die Lufthansa kann die verbreitete Sorge vor dem Virus bereits an den Buchungen ablesen. "Wir verzeichnen ein leicht zurückgehendes Buchungsverhalten bei Flügen von und nach China", sagte ein Sprecher der Fluglinie am Dienstag. Genaue Zahlen nannte er zunächst nicht. Der Rückgang sei nachvollziehbar, etwa weil Firmen Flüge für ihre Mitarbeiter absagten oder weil Pauschalreisen gestrichen würden. Lufthansa bietet kostenlose Umbuchungen an – zunächst für Flüge, die bis zum 23. Februar starten sollen. Für die Kernmarke Lufthansa sowie die Schwestergesellschaften Austrian Airlines und Swiss fliegen rund 70 Flieger pro Woche nach China. 

China ist für deutsche Reiseveranstalter allerdings eher ein kleiner Markt. Der Deutsche Reiseverband wies darauf hin, dass jährlich etwa 600.000 bis 650.000 Menschen aus Deutschland nach China reisen, davon etwa zwei Drittel Geschäftsreisende. 

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Aber auch die Zahl der Besucher aus China dürfte abnehmen. Damit jedenfalls rechnet der Chef der Messe Nürnberg, Ernst Kick, der derzeit die Spielwarenmesse veranstaltet. Wegen des Coronavirus und des Neujahrsfests würden voraussichtlich weniger Chinesen die diesjährige Messe besuchen, sagte Kick. Mehr 360 Aussteller kommen aus China. Sie machen damit die zweitgrößte Gruppe aus.

Angesichts der möglichen Ansteckungsgefahr haben die Veranstalter die Zahl der Desinfektionsständer auf mehr als 70 aufgestockt. Außerdem gebe es einen Arzt auf dem Gelände, und man stehe in Kontakt zum Roten Kreuz, sagte Kick. Nach Gesprächen mit dem bayerischen Landesgesundheitsamt schätzt er das Risiko einer Infektion jedoch gering ein: "Die Sorge muss nicht sehr groß sein."

In Wuhan halten sich derzeit auch etwa 90 Deutsche auf. Nach SPIEGEL-Informationen soll eine Maschine der Luftwaffe am Mittwoch oder Donnerstag losfliegen, um sie abholen. Das Auswärtige Amt in Berlin riet dazu, nicht notwendige Reisen in die betroffenen Gebiete zu verschieben.