Virusausbreitung in China Der Corona-Effekt schlägt auf den Welthandel durch

China ist die größte Handelsmacht der Erde. Doch die Ausbreitung des Coronavirus hat Folgen für Industrieproduktion, Schifffahrt und Flugverkehr. Der Rest der Welt könnte das bald zu spüren bekommen.
Container in Shanghai: Sieben der zehn größten Containerhäfen der Erde liegen an der Küste der Volksrepublik

Container in Shanghai: Sieben der zehn größten Containerhäfen der Erde liegen an der Küste der Volksrepublik

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

In normalen Zeiten interessieren sich nur ein paar Manager in der Schifffahrtsbranche für den Baltic Dry Index. Doch dieser Tage blicken Ökonomen weltweit auf das Marktbarometer für die Frachtraten von Schüttgütern. Denn der Baltic Dry Index stürzt immer tiefer. Und in der Vergangenheit galt er als das zuverlässigste Frühwarnsystem für den Zustand der Weltwirtschaft. Sowohl dem Börsencrash 1987 als auch dem Platzen der Dotcom-Blase 1999 ging ein Einbruch des Baltic Dry voraus. Kein Zufall: Der Welthandel spielt sich über den Seeweg ab. Und sinkt die Nachfrage nach Zement-, Eisenerz- oder Kohletransporten abrupt, kann das auf eine globale Rezession hindeuten.

Gerade signalisiert der Baltic Dry Index einen heftigen Abschwung. Seit Jahresbeginn fällt der Index nahezu täglich, von 1076 bis zuletzt auf 415 Punkte. Damit liegt er niedriger als während der Weltfinanzkrise von 2008. Die Ursache für den rapiden Verfall der Frachtraten dürfte sehr wahrscheinlich das Coronavirus sein.

Der Erreger lähmt Chinas Wirtschaft bereits seit Wochen. Er hat dafür gesorgt, dass die Regierung die Region Hubei isoliert, Reisebeschränkungen und Ausgangssperren verhängt und die Neujahrsferien zwangsverlängert hat. An diesem Montag sollte die Arbeit eigentlich wieder losgehen. Doch viele Betriebe bleiben geschlossen. So haben die Behörden dem Apple-Zulieferer Foxconn die Wiederaufnahme der Produktion untersagt, wegen Gesundheitsgefahr. Bei Volkswagen stehen die Bänder in den chinesischen Werken noch mindestens bis zum Wochenende still. Auch Toyota hat die Werksferien bis Sonntag verlängert; General Motors will die Produktion in China von Samstag an wieder hochfahren.

Bleiben Chinas wirtschaftliche Probleme auf China beschränkt? Oder weiten sie sich aus auf die ganze Welt? Immer klarer wird: In zwei Branchen richtet das Coronavirus schon jetzt globalen Schaden an: im Transport- und im Rohstoffsektor.

"Es wird eine Menge Platz auf den Schiffen geben"

Die internationale Handelsschifffahrt leidet bereits. China ist ihr Dreh- und Angelpunkt; sieben der zehn größten Containerhäfen der Erde liegen an der Küste der Volksrepublik.  Nach Recherchen des Datenanbieters Alphaliner ist der Handelsschiffsverkehr in Chinas Häfen in den vergangenen drei Wochen um 20 Prozent zurückgegangen. "Der Absturz des Baltic Dry Index deutet an: Es wird eine Menge Platz auf den Schiffen geben", sagt ein Brancheninsider. Das gelte nicht nur für Schüttgut-Transporte, sondern auch für den Containerverkehr.

Die Reedereien sind alarmiert. Diesen Montag hat Branchenführer Maersk neue sogenannte Blank Sailings angekündigt, also vorab festgelegte Fahrten aus und nach China abgesagt. Unter anderem traf es Verbindungen nach Rotterdam, Antwerpen, Felixstowe und Los Angeles. Als offizielle Begründung gibt Maersk die "verlängerte Ferienzeit" in China an. Schon in den vergangenen Tagen hatten Maersk und andere Großreeder wie die schweizerisch-italienische MSC und die französische CMA CGM mehrere China-Verbindungen gestrichen. Und auch die deutsche Reederei Hapag Lloyd hat ein Schiff von Qingdao nach Barcelona abgesagt, wie ein Sprecher dem SPIEGEL auf Anfrage bestätigte.

Trotz des verringerten Angebots fallen die Preise: Laut dem Frachtratenportal Freightos hat sich der Transport eines Containers von China nach Europa vergangene Woche um 14 Prozent verbilligt. Wie die Branchenexperten von Alphaliner berichten, werden bis Ende März mindestens sechs Millionen Standardcontainer weniger von China aus verschifft oder dort ankommen. Das entspricht etwa vier Prozent des jährlichen weltweiten Containerverkehrs.

Die Frachtmaschinen der Lufthansa fliegen seltener

Doch die Auswirkungen der Coronaflaute sind nicht nur im Schiffsverkehr zu spüren. Auch die Lufthansa spürt Auswirkungen. Während die Airline alle Passagierflüge zum chinesischen Festland ausgesetzt hat, steuern die Frachtmaschinen der Lufthansa Cargo weiterhin die chinesischen Städte Shanghai, Peking und Chengdu an. Allerdings nur noch fünf statt vorher 15 Mal pro Woche. Aus Sicherheitsgründen fliegen die Maschinen nicht Nonstop, sondern landen im russischen Nowosibirsk zwischen. Von dort aus fliegt eine Crew das Flugzeug nach China, um direkt nach dem Frachtumschlag zurück nach Russland starten zu können. So vermeiden die Mitarbeiter einen längeren Aufenthalt in China. Zudem sind sie mit Atemschutzmasken sowie Desinfektionsmittel ausgestattet. Lebende Tiere sowie Expressgüter werden auf diesen Strecken zurzeit nicht befördert.

Dem Vernehmen nach sind die Frachträume der Cargoflüge nach China gut gefüllt, auch Hilfsgüter sind an Bord. Die Rückflüge hingegen seien schlecht ausgelastet, heißt es im Management. Hier macht sich offenbar bemerkbar, dass in China viele Fabriken stillstehen. Auch die starke Einschränkung der Flugfrequenz nach China ist weniger dem Umstand geschuldet, dass Crews Sorge um die eigene Gesundheit haben könnten, als vielmehr der schlechten Auftragslage.

Der Ölpreis sackt ab

Die Commerzbank geht davon aus, dass Chinas Wirtschaftsleistung im ersten Quartal um insgesamt drei Prozent niedriger ausfallen wird als ohne Coronaeffekt - und die Deutschlands um 0,2 Prozent. 

"Es ist eindeutig: Das Coronavirus wirkt sich kurzfristig schon auf den Welthandel aus", sagt Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffstratege der Commerzbank, dem SPIEGEL. Die Preise für Kupfer, Aluminium und Zink etwa sind in den vergangenen Tagen auf teils mehrjährige Tiefstände gefallen; China ist der mit Abstand größte Abnehmer dieser Metalle. Auch mit dem Rohölpreis geht es bergab. Am Freitag kostete ein Barrel (159 Liter) der US-Referenzsorte WTI zeitweise unter 50 Dollar – so wenig wie seit mehr als einem Jahr nicht mehr. 

Laut Weinberg fehlt dem Markt derzeit rund eine Million Barrel pro Tag Nachfrage aus China. Das ist zwar nur etwa ein Prozent des Gesamtverbrauchs, reicht aber aus, um auf dem Weltmarkt ein erhebliches Überangebot entstehen zu lassen. In den vergangenen Jahren hat die Volksrepublik die USA als weltgrößten Rohölimporteur und Welthandelsmacht Nummer eins abgelöst.

"Im Moment gehen wir noch davon aus, dass das Tempo der Corona-Neuinfektionen in wenigen Wochen nachlässt", sagt Weinberg. Aber: "Wenn die Dynamik nicht nachlässt, dann könnte das Virus zum schwarzen Schwan der Weltwirtschaft werden" - also zu jenem unvorhergesehen Ereignis, dass die Weltwirtschaft abstürzen lässt. China sei in den vergangenen Jahren die globale Wachstumslokomotive gewesen. "Wenn die Lok Probleme bekommt, wird es sehr schwer, das Wachstum über null zu halten. Die Probleme will man sich gar nicht ausmalen."

Alles hängt daran, ob und wie schnell die Volksrepublik das Virus unter Kontrolle bekommt. Gelingt es der Regierung, die Ausbreitung zumindest einzudämmen oder finden Forscher ein wirksames Gegenmittel, dürfte der Welthandel wohl bald wieder in Schwung kommen. Und dann würden Transport- und Rohstoffpreise schnell wieder steigen. 

Dass auch der Baltic Dry Index nicht immer ein zuverlässiges Krisenbarometer ist, hat sich vor vier Jahren gezeigt. 2016 fiel der Index auf ein bis heute unerreichtes Allzeittief, auch damals aus Angst vor der großen China-Krise. Es war ein Fehlalarm. Bald zeigte sich, dass das chinesische Wirtschaftswunder doch nicht am Ende war. Und die Frachtraten schnellten wieder hoch.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde die Reederei MSC als "italienisch" bezeichnet. Tatsächlich ist das Unternehmen schweizerisch-italienisch. Außerdem war im Zusammenhang mit dem Baltic Dry Index von Stückgut die Rede - tatsächlich geht es dabei aber um Schüttgut. Wir haben die Stellen korrigiert.

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