Coronavirus und Folgen für die Wirtschaft "Einen Zusammenbruch der chinesischen Wirtschaft sehe ich nicht"

Wie hart trifft das Coronavirus die Wirtschaft? Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, hält die Folgen noch für überschaubar. Das könnte sich aber bald ändern.
Ein Interview von Tim Bartz
Mobiles Krankenhaus in Wuhan: "Die Datentransparenz hat sich zwar verbessert, trotzdem fallen Unregelmäßigkeiten auf"

Mobiles Krankenhaus in Wuhan: "Die Datentransparenz hat sich zwar verbessert, trotzdem fallen Unregelmäßigkeiten auf"

Foto: AP

SPIEGEL: Herr Felbermayr, in China wütet das Coronavirus, teilweise ruht das öffentliche Leben in der zweitgrößten Volkswirtschaft, von der wiederum die globale Konjunktur abhängt. Wie besorgt sind Sie?

Felbermayr: Noch ist es zu früh, um exakte Aussagen über die Konsequenzen für China und den Rest der Welt zu machen. Zumal wir ohnehin sehr skeptisch sind, was die Aussagekraft volkswirtschaftlicher Daten aus China angeht.

SPIEGEL: Wieso das?

Felbermayr: Die Datentransparenz hat sich zwar verbessert, trotzdem fallen Unregelmäßigkeiten auf. So schwanken etwa Chinas Außenhandelsdaten, also Im- und Export, teilweise stark, trotzdem wächst die Wirtschaft insgesamt auffällig oft mit gleicher Rate. Das kann eigentlich nicht sein.

SPIEGEL: Und was heißt das nun für die Folgen des Virus auf die Wirtschaft?

Felbermayr: Die nächsten Wochen werden darüber entscheiden, wie sehr Chinas Bruttoinlandsprodukt 2020 wachsen wird. Derzeit ist dort wegen des Neujahrsfests die große Shopping-Saison, normalerweise boomt dann der Einzelhandel. Die ersten Wochen des neuen Jahres sind stets die wichtigsten für den Binnenkonsum, die können zwei oder drei Zehntelprozent des gesamten Jahreswachstums ausmachen. Umgekehrt heißt das: Bricht der Konsum ein, wird auch das Gesamtjahr schwächer. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist groß. Aber noch wissen wir einfach zu wenig.

SPIEGEL: Wegen der Corona-Krise fallen bereits die Rohstoffpreise. Für die energieintensive deutsche Wirtschaft müsste das doch eigentlich gut sein, oder?

Felbermayr: Die Rohstoff- und Energiepreise schwanken stark, weil China normalerweise ein Großverbraucher von Öl ist – und nun mutmaßlich nicht so viel benötigt wie sonst. Aber wir profitieren davon viel weniger als früher, weil unsere Wirtschaft inzwischen weniger rohstofflastig produziert. Das wiegt also nicht so schwer.

SPIEGEL: Es fällt auf, dass die Börsen bislang relativ gelassen auf die Krise reagieren. Warum?

Felbermayr: Das stimmt nur teilweise. Insgesamt gibt es noch zu wenig belastbare Daten, als dass wir einen Börsen- oder Konjunkturcrash befürchten müssten. Aber die Aktien einzelner, global sehr vernetzter Branchen schwächeln deutlich, zum Beispiel Tourismus, Airlines, Logistik oder Autozulieferer. Klar ist: Wer viel Geschäft mit China macht, der leidet überdurchschnittlich.

"Noch eine Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Peking und Shanghai können sie nicht bauen"

SPIEGEL: Chinas Notenbank pumpt über sogenannte Repo-Geschäfte Milliarden an frischer Liquidität in den Markt. Ist das nicht ein Alarmzeichen?

Felbermayr: Die Notenbank greift permanent ein, denn das Regime fürchtet, dass die Leute ihr Geld ins Ausland transferieren, etwa weil sie einen Zusammenbruch des Immobilienmarktes befürchten. Die Folge der latenten Kapitalflucht ist, dass Chinas Währung Renminbi im Verhältnis zum US-Dollar fällt. Den Markt mit Liquidität zu fluten, ist also nichts Neues. Das wird den Konsum und die Finanzmärkte nicht nachhaltig stützen.

SPIEGEL: Als in den Jahren 2002 und 2003 die Lungenkrankheit SARS in China wütete, stand das Land am Beginn eines Booms und nicht wie jetzt am Ende einer langen Wachstumsphase. Damals steuerte die Regierung mit gewaltigen Infrastrukturprojekten gegen einen Abschwung an. Wird das jetzt auch wieder passieren?

Felbermayr: Nein, jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Damals wuchs Chinas Wirtschaft jährlich um mehr als zehn Prozent, die Finanzierungsmöglichkeiten waren besser. Aber viele der Projekte, die damals angeschoben wurden, um die Wirtschaft zu stützen, sind längst realisiert. Um ein Beispiel zu nennen: Noch eine Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Peking und Shanghai können die Chinesen nicht bauen. Heute wird das Regime eher versuchen, den Konsum über Steuersenkungen oder Transferleistungen anzuheizen. Das wäre sinnvoller.

SPIEGEL: Ab wann würde ein Abschwung für das Regime kritisch?

Felbermayr: Chinas Wirtschaft hat sich gegenüber der SARS-Krise deutlich weiterentwickelt und wächst inzwischen nur noch mit rund sechs Prozent. Insofern normalisiert sich die Lage. Sollte das Wachstum aber deutlich unter fünf Prozent rutschen und zugleich die Arbeitslosigkeit steigen, kann es gefährlich werden. Wo genau der Wendepunkt liegt, ist aber schwierig vorherzusehen, auch wegen der intransparenten Daten.

SPIEGEL: Hinzu kommt ja noch der Handelsstreit mit den USA.

Felbermayr: Das wird 2020 kein so großes Thema werden wie noch 2019. Im Handelskrieg herrscht gerade Waffenstillstand. Da sind das Coronavirus und seine Folgen für den Welthandel bedeutsamer. Aber einen Zusammenbruch der chinesischen Wirtschaft sehe ich nicht. Viel wichtiger für das Regime ist es, die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln aufrechtzuerhalten. Gelingt das nicht, kann es schnell Unruhen geben.