Stefan Schultz

Ethik in Corona-Zeiten Wie man Tote vermeidet und gleichzeitig die Wirtschaft schützt

Stefan Schultz
Eine Analyse von Stefan Schultz
Eine Analyse von Stefan Schultz
In der Coronakrise mehren sich Äußerungen, Tote gegen einen Wirtschaftscrash abzuwägen. Tatsächlich braucht es eine Strategie, die beides minimiert.
Börse in Tokio

Börse in Tokio

Foto: Rodrigo Reyes Marin/ picture alliance/dpa

Am krassesten drückte es der texanische Vizegouverneur Dan Patrick aus. Die Wirtschaft dürfte nicht der Coronakrise geopfert werden, sagte der Republikaner dem TV-Sender Fox News. Senioren sollten jetzt zum Wohle ihres Landes ihr Leben riskieren.

Etwas gemäßigter formulierte es der US-Präsident. Obwohl die Corona-Fallzahlen in den USA inzwischen so stark steigen wie in fast keinem anderen Land der Welt, deutete Donald Trump an, die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus möglichst vor Ostern wieder zu lockern. Begründung: Durch eine Wirtschaftskrise bei einem langen Lockdown könne es viel mehr Tote geben als durch Corona selbst.

Die geistige Haltung, die hinter solchen Aussagen steckt, ist im Kern dieselbe. Sie lautet: Wirtschaft gegen Gesundheit, Wachstum gegen Tote.

Es stimmt, dass ein tiefer ökonomischer Absturz ebenfalls tödliche Folgen für Teile der Gesellschaft hat. Dennoch sollte es in der Krisenbekämpfung stets um beides gehen. Um eine Strategie, die sowohl die Zahl der Toten durch das Virus als auch den Absturz der Wirtschaft minimiert.

Der Hammer und der Tanz

Vergangene Woche sorgte in diesem Zusammenhang ein Vorschlag auf der Onlineplattform "Medium"  für Aufsehen. Sein Autor, Tomas Pueyo, skizzierte einen Ansatz für die vermutlich längere Zeitspanne, die es zu überwinden gilt, bis ein Impfstoff gegen das Coronavirus global verfügbar ist.

Pueyos Vorschlag besteht aus zwei Teilen: dem Hammer und dem Tanz. Der Hammer ist ein harter, konsequenter Lockdown für mehrere Wochen bis Monate, um die Ansteckungsrate des Virus so weit zu drücken, dass jeder Infizierte im Schnitt deutlich weniger als einen weiteren Menschen ansteckt.

Die pandemische Verbreitung wäre dadurch gebrochen. Und die Welt würde etwas Zeit gewinnen, um sich für den mittelfristigen Umgang mit dem Virus vorzubereiten: den Tanz. Hier geht es um Maßnahmen, um die Ansteckungsrate über längere Zeit unter einer Ansteckung pro Person zu halten - und die gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung möglichst wenig einschränken.

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Vielversprechende Ansätze hierfür, die in Ländern wie Südkorea oder Japan schon Erfolg zu haben scheinen, sind unter anderem flächendeckende Corona-Tests, das konsequente Tragen von Atemschutzmasken im öffentlichen Raum sowie regelmäßiges Händewaschen und Abstandhalten zum Mitmenschen. Auch das digitale Tracking von Infizierten - freilich stets in einem Rahmen, in dem es eine jeweilige Gesellschaft vertreten kann - scheint ein sehr wirksames Mittel gegen das Virus zu sein.

Die Maßnahmen können nach dem sogenannten Merit-Order-Prinzip priorisiert werden: Vorrang bekommen diejenigen Maßnahmen, die in einem bestimmten Land die Ansteckungsrate am stärksten drücken und gleichzeitig die Konjunktur am wenigsten belasten.

Ebenso wichtig ist es laut Pueyo, die Kapazitäten der Gesundheitssysteme im Kampf gegen Corona zu erhöhen. Dazu müssten unter anderem zusätzliche Beatmungsgeräte produziert werden und Pflegekräfte auf Intensivstationen so weit es geht aufgestockt werden.

Alternativlose Strategie

Pueyos Vorschläge haben noch keinem Realitätstest standgehalten. Er betont selbst, dass er kein Virologe sei. Er arbeitet für eine E-Learning-Plattform und hält ab und zu Vorträge für die Intellektuellen-Community TED. Die generelle Stoßrichtung der von ihm skizzierten Strategie aber wirkt einleuchtend.

Ein dauerhafter Lockdown, bis irgendwann ein Impfstoff entwickelt ist, kann nicht die Lösung sein. Die Kosten dafür dürften die Finanzkraft sämtlicher Staaten und Institutionen bei Weitem übersteigen.

Das darwinistische Szenario von Trump oder dem texanischen Vizegouverneur Patrick, das mutwillig Menschenleben im Dienste der Wirtschaft riskiert, ist ebenfalls keine Alternative. Denn die exponentielle Ausbreitung des Virus würde die Gesundheitssysteme rasch zusammenbrechen lassen. Es würden dann nicht nur Corona-Patienten sterben, für die keine Beatmungsgeräte mehr frei sind - sondern auch viele andere Schwerkranke, um die sich die Kliniken wegen des Ansturms an Corona-Patienten nicht kümmern könnten. Menschen mit Schlaganfall oder Herzinfarkt zum Beispiel.

Unterm Strich würden dadurch viele Millionen Tote drohen. Das wäre ethisch nicht vertretbar - und übrigens auch ökonomisch nicht sinnvoll. Denn auch in einem solchen Szenario dürfte die Wirtschaft massiv leiden.